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Gillett trifft ...

Scott Hendricks

Scott, man beschreibt Dich als «Verdi-Bariton». Ich habe aber auch schon «Texas-Bariton» gehört. Du magst keine Labels, oder?
Ich bin stolz, Texaner zu sein. Aber «Texas-Bariton»? Die Kollegin aus München ist ja auch kein «Bayerischer Sopran», der Typ aus Tulsa kein «Oklahoma-Bass». «Texas-Bariton» klingt, als käme ich lassoschwingend zu Pferde daher. So ein Quatsch (lacht)! Austin, Houston oder Dallas sind echte Großstädte. San Antonio, meine Heimatstadt, hat die größte Diversität des ganzen Bundesstaats. Übrigens auch deshalb, weil es Mitte des 19. Jahrhunderts eine Zuwanderungswelle von Deutschen und Tschechen gab. Klar, die Cowboy-Romantik spielt auch eine Rolle, aber viel weniger, als es das Klischee glauben macht. Dazu kommt ein starker lateinamerikanischer Einschlag, den ich besonders liebe. Die Musikszene – samt Texas Blues, Räuber-Country, den Willie Nelsons dieser Welt – ist offen, frei, vielfältig, überhaupt nicht hinterwäldlerisch. Stammt Dein Texas-Bild aus den 1980ern?

Ich habe manchmal «Dallas» geguckt.
Und «Verdi-Bariton»? Verdi ist mein Lieblingskomponist, dazu stehe ich. Aber ich mag Abwechslung. Tagein, tagaus nur Rigoletto und Posa singen, fände ich nicht mal langweilig, aber es reicht mir auch nicht ganz. 2016 standen «Die Hamletmaschine», «Tosca», «Sweeney Todd», «Macbeth», «Das schlaue Füchslein» und «Nixon in China» in meinem Kalender – eine Traumspielzeit, wenn Du mich fragst.In den Staaten machst Du im

Schnitt nur eine Produktion pro Jahr.
Stimmt, ist aber keine Absicht. Hier in Europa werde ich für ein Repertoire engagiert, für das ich in den USA interessanterweise kaum infrage komme. Außerdem kann ich pro Engagement meist mehr Vorstellungen singen. Dazu kommt die Ästhetik: Ich stehe auf das, was die Amis «Eurotrash» nennen – Regietheater. Es ist spannender, macht mehr Spaß, fordert mich stärker. Meine Sporen hab ich mir im Kölner Ensemble verdient: himmlische Jahre. Ich würde mich sogar in Europa niederlassen. Eigentlich wollte ich in Brüssel eine Wohnung kaufen – mir gefällt es dort, und es liegt schön mittig –, aber es hat doch etwas unheimlich Theoretisches, fast Akademisches, so seinen Wohnort auszusuchen. Ich wünsche mir ein Zuhause, Stabilität, einfach einen Platz für meine Sachen.

Hast Du einen Masterplan, nach dem Motto: «Mit 45 will ich x in y gesungen haben»?
Solche Vorsätze finde ich lächerlich. Ich wollte einfach meinen Lebensunterhalt als Sänger verdienen, ohne noch einen Nebenjob zu brauchen. Also habe ich meine Energie in eine Reihe Fähigkeiten gesteckt, die mich vielseitig machen würden. Da war kein Masterplan.

Du bist ein Fan von Popmusik: Als Prince starb, hast Du monatelang getrauert. Und jetzt studierst Du nebenbei Komposition für Film, Fernsehen und Games ...
Ich mag die Beatles, Pink Floyd, Queen, Radiohead, Jimi Hendrix, all das, womit meine Generation aufgewachsen ist. Dieser Musik kann ich mich hingeben, ohne groß zu grübeln. Daran ist nichts Besonderes, oder? Die meisten meiner Kollegen – egal ob sie 30 oder 50 sind – können im Radio jeden Song mitsingen. Vielen ist Pop lieb und teuer; niemand wird dir erzählen, die Sachen wären besser oder schlechter als Verdi und Puccini. Mir kam irgendwann mal «Paranoid Android» in einem Arrangement für Streichquartett unter – es klang fantastisch. Ich wette, das käme bei Klassikfans super an. Die Harmonik ist spannend, die Metrik raffiniert. So etwas funktioniert natürlich auch andersherum. Meine erste Arbeitsprobe fürs Studium war eine Rock-Version von Schuberts «Erlkönig». Schubert bleibt Schubert, auch wenn eine E-Gitarre spielt ... Und die Sache mit dem Studium erklärt sich ganz einfach: Ich muss mein Gehirn beschäftigen.

Heißt das, Du findest das Nur-Sänger-Sein langweilig? Mir zum Beispiel reicht das nicht.
Komisch, dass Du das sagst. Mich erschreckt es, wenn Freunde oder Kollegen nach der Probe einfach zurück ins Hotel gehen, sich aufs Bett werfen und den Rest des Tages mit Netflix zudröhnen. Jeden Tag bis zur Premiere. Ich glaube, viele vergessen, wie privilegiert wir sind. Was für ein Luxus es ist, so viel von der Welt zu sehen. Ich bin immer noch aufgeregt, wenn’s wieder losgeht! Man kann nach der Probe noch so viel anderes unternehmen. Man muss doch leben.

Wir haben mal abends ein Wort-Spiel gespielt. Ich war dran mit der Themenwahl und entschied mich für «Käsesorten». Du warst richtig sauer, weil Du keine Chance hattest. In der nächsten Runde rächtest Du dich mit «Bands aus den 80ern» – Du wusstest, da komme ich nicht mit. Kurz: Du bist schrecklich konkurrenzorientiert.
Ich kann reinen Gewissens sagen, dass ich nie Kollegen einen Job missgönnt habe. Wir wissen alle, wie’s läuft. Eigentlich verstehe ich immer, warum jemand engagiert wurde. Weil er gut ist – Punkt. Der beste Rat meines Mentors war: Gib denen nie einen objektiven Grund, dich abzuschreiben. Sei vorbereitet. Lern das ganze Stück, beherrsche die Aussprache, setz dich mit der Rolle, den Hintergründen auseinander. Damit stellst du dich vor und wartest ab, was passiert. Beim Dart ist das anders, da will ich gewinnen. Siegen macht Spaß, und ein Wettkampf baut Stress ab. Aber wenn das Spiel vorbei ist, ist das Spiel vorbei. Ich trage niemandem etwas nach, nur weil er oder sie mich geschlagen hat. Mir ist übrigens auch egal, wo ich auftrete. Solange die Chemie stimmt und das Team gut ist.

Und was ist Dein Lieblingskäse?
Du Mistkerl. Nicht Brie ... der andere.

Camembert?
Camembert, genau. Na warte. So bald wirst Du mich mit deinem Käse nicht wieder drankriegen – das schwör ich Dir.

(Aus dem Englischen von Wiebke Roloff Halsey)