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Medientipp 18. Januar

«Yuli»

Seine Autobiografie «Kein Weg zurück» widmet Carlos Acosta «einem der größten Männer, die ich kenne». Dem Vater. Pedro spielt auch in der Verfilmung seines Lebens eine alle überragende Rolle. Er ist es, der ihn Yuli nennt, den Geist eines afrikanischen Gottes beschwörend. Er ist es, der als Erster das Talent des Sohnes erkennt. Er ist es, der so lange alle anderen Leidenschaften aus ihm herausprügelt, bis Acosta nur noch das Tanzen bleibt. In einer der stärksten Ballettszenen des Films wird Carlos Acosta so von der eigenen Erinnerung überwältigt, dass er zum eigenen Vater wird und auf sein Alter Ego einschlägt. Die Handgreiflichkeiten des wirklichen Vaters, geradezu beängstigend intensiv von dem Schauspieler, Tänzer und Choreografen Santiago Alfonso dargestellt, sind währenddessen allenfalls zu ahnen. Aber die Reaktionen seiner Kinder lassen keinen Zweifel: Pedro prügelt den 10-Jährigen halbtot.

Der lebensnahe Film von Icíar Bollaín beschönigt nichts, schon gar nicht das politische Kuba, in dem Carlos Acosta aufwächst. Vielmehr zeichnet er das Schicksal des inzwischen 45-Jährigen auf eine Weise nach, die manches sogar noch deutlicher hervortreten lässt als in Wirklichkeit. So zeigt der Vater dem Jungen beispielsweise die Ruinenreste einer Zuckerplantage, auf der die Vorfahren einst als Sklaven gehalten wurden. «Aber selbst wenn er dort nie gewesen ist», fragt sich Carlos Acosta vor versammelter Mannschaft: «Ist deshalb seine Geschichte weniger wahr?»

Immer wieder blättert Acosta in dem Album seines Vaters, während auf der Bühne eines Operntheaters in Havanna die Aufführung des Balletts «Yuli» vorbereitet wird. Und so werden vor seinem Auge noch einmal die Stationen seiner Karriere sichtbar: das Vortanzen in der Ballettschule, die wiederholten Fluchtversuche, die schmerzhafte Einsamkeit seiner Internatsjahre in Pinar del Río, die ersten Erfolge, danach die Goldmedaille beim «Prix de Lausanne», das Engagement beim English National Ballet, das «eine Jahr ohne Tanzen», der erste schwarze «Romeo» am Royal Ballet ... Sichtbar werden sie nicht bloß als Spiel. Gegenwärtig gemacht werden sie vor allem in der Choreografie von María Rovira, die sich immer wieder zwischen die Geschichte schiebt und sie auf eine künstlerische Ebene hebt. 

In seiner Machart erinnert manches an die Filme von Carlos Saura. Aber anders als «Carmen» ist «Yuli» aus jenem Stoff, aus dem das Leben ist – authentisch nicht nur durch Dokumentar-Einblendungen, sondern vor allem durch die Mitwirkung von Carlos Acosta. Der findet sich hier gleich vielfach verkörpert: Edilson Manuel Olbera Nuñez spielt den jungen Yuli mit einer mitreißenden Selbstverständlichkeit, wie sie nur einem Kind möglich ist. Keyvin Martínez gibt den heranwachsenden Acosta, der an sich und seiner Kunst schier verzweifelt. Mario Sergio Elías wiederum, seit 2015 Mitglied von Acosta Dance, ist der schwierigste Part anvertraut: der Tänzer Acosta zu sein, ohne sich selbst zu verleugnen. Es gelingt. Auch das macht den Film zu einem Ereignis.

Hartmut Regitz

www.Yuli-der-Film.de