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Medientipp 11. Januar

Ein «Tango der Füchse» findet sich nicht im Original. Den hat Francesca Lattuada als Einlage für die «Comédie muette d’Amphitrion» hinzuerfunden, die im Zentrum der zweiten Nachtwache steht. Die Choreografin rekonstruiert nicht Schritt für Schritt das Bühnengeschehen des «Ballet Royal de la Nuit», das am 23. Februar 1653 erstmals im Saal des Petit Bourbon zu Paris zu sehen war. Das überlieferte Libretto Isaac de Benserades liefert ihr allenfalls die Richtlinien eines Traumgeschehens, die sie für ein paar Vorstellungen im Théâtre de Caen weniger tänzerisch, dafür aber vor allem bewegt-bildkräftig und zeitgenössisch füllt.

Rekonstruiert hat die Komposition dieses Grand Ballet der Musikologe Sébastien Daucé, und die lässt sich in der Deluxe-Edition wahlweise auf einer DVD oder auf drei CDs hören: als Politpropaganda der musikalischen Art, bei der bekanntlich das Entrée des Königs in Gestalt der Sonne anscheinend finsteren Zeiten ein Ende setzt. Ludwig XIV. war zum Zeitpunkt der Uraufführung gerade mal 15 Jahre alt und als Herrscher keineswegs unangefochten. Der geborene Tänzer, legitimiert er mit dem «Ballet Royal de la Nuit» nicht nur nebenbei die eigene Position. Sich zum Mittelpunkt des Universums erklärend, formuliert er ebenso schöngeistig wie symbolkräftig zugleich seinen Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa.

Das alles eingeteilt in vier «veilles», die dramaturgisch geschickt den Auftritt des nachmaligen «Sonnenkönigs» vorbereiten. Senkt sich in der ersten noch die Nacht über das alltägliche Treiben der Stadt, hält in der zweiten Venus die «Wacht» über Sinnesfreuden. Die dritte handelt von der janusköpfigen Liebe, während sie sich in der vierten, d. h. im Orpheus-Mythos, am Schluss so verklärt, als könnte die Sonne, gemeint ist natürlich: der König, dem Tod ein Ende setzen.

Sein finaler Auftritt muss überwältigend gewesen sein. Sean Patrick Mombruno, einziger Tänzer inmitten einer Assemblage von Akrobaten und Artisten, sieht zwar wunderschön aus in der goldenen Rüstung von Olivier Charpentier. Allein, er tanzt nicht, wie man das vom Roi soleil eigentlich erwartet. Besser also, die eigene Fantasie zu beflügeln, sich der Kostümentwürfe (im opulenten Booklet) zu erinnern, die Augen zu schließen – und einfach nur auf die Musik zu hören. Die Sänger und Instrumentalisten des Ensemble Correspondances unter der Leitung von Sébastien Daucé bringt sie so betörend und bravourös zum Ausdruck, dass man selbst noch nach drei Stunden wünscht: diese Nacht möge niemals enden.

Hartmut Regitz

Jean de Cambefort, Antoine Boesset, Louis Constantin, Michel Lambert, Francesco Cavalli, Luigi Rossi u. a.: «Ballet Royal de La Nuit», Ensemble Correspondances, Rekonstruktion und Musikalische Leitung: Sébastien Daucé; harmoniamundi