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Jede Menge Zukunft

Von Franz Wille

Das neue Jahr fängt sehr gut an, soviel steht fest: Am 19. Januar tritt Horst Seehofer, der trickreiche Polittaktierer und Gelegenheitspopulist, zumindest als CSU-Vorsitzender zurück. Keiner hat wie er im abgelaufenen Jahr kurzfristige Wahlkalküle über seine Regierungsverantwortung gestellt. Die Wähler haben die CSU dafür erfreulicherweise abgestraft, was nicht nur ein Anlass zur Schadenfreude ist, sondern auch für einiges Vertrauen in die Demokratie sorgt. Seehofers Abschied ist ein erster Grund für 2019er Optimismus und die Hoffnung, dass dieses Ende ein Anfang von weiteren Enden sein wird, zumindest mittelfristig. Kandidaten gäbe es zur Genüge: die offen kunstfeindliche und reaktionäre PiS-Regierung in Polen, die italienischen Populisten um Salvini und Di Maio, die englischen Brexiteers, denen vielleicht doch noch ein zweites Referendum in die Quere kommen könnte.

Aber langsam. Vor der großen Politik kommt die kleine, die Verständigung einer Gemeinschaft darüber, was ihr gemeinsames Wohl sein könnte – vor allem in einer liberalen offenen Gesellschaft, deren Mantra bekanntlich darin besteht, dass die größtmögliche Freiheit aller schon irgendwie auch zur maximalen Glücksentfaltung der Beteiligten führen müsste. Wobei die Basis der Gemeinsamkeiten mit zunehmenden Freiheiten bekanntlich zu dramatischer Schmelzschrumpfung neigt.

Zur Vermessung der Quadratur dieser Kreise gibt es in Deutschland jenseits aller ökonomischen Logik nicht nur Talkshows, sondern auch viele Stadt- und Staatstheater, in denen eine Kommune sich und die ganze Welt – oder was sie davon zu wissen glaubt – allabendlich noch einmal repräsentieren kann: Sei es, um sich mit etwas Darstellungsabstand noch einmal aus anderer Perspektive selbst zu betrachten; sei es, um Teilen von sich jenen Erlebniskontakt mit anderen Teilen zu verschaffen, der in einer zunehmend auseinanderklaffenden Gemeinschaft immer mehr flach fällt.

Ob Repräsentation oder Partizipation, ob Kunstort oder Bevölkerungshochschule – über solche feinen Unterschiede und ihre unendlichen Zwischenstufen können nicht nur Theaterkritiker fundamentalästhetisch streiten; spielentscheidend bleibt aber, dass wir uns in den deutschsprachigen Ländern immer noch solche realitäts- und ökonomieentlasteten – naja, zumindest teilentlasteten – Räume zur künstlerischen Gemeinwohluntersuchung gönnen. Dass diese Räume notorisch bedroht sind, muss dabei nicht nur ein Nachteil sein: Es zwingt zumindest zu verschärftem Nachdenken, was man mit ihnen sinnvollerweise anfängt.

2019 starten vier große Bühnen unter neuen Leitungen – zwei Regisseure und zwei Dramaturg*innen –, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Nicolas Stemann, der das Zürcher Schauspielhaus übernimmt, hat sein Theater einmal so beschrieben: «Ein nichtidentitäres Theater, in dem ein Schauspieler, der spricht, nicht automatisch die Figur ist – im Gegenteil, ich betone die Differenz.» Martin Kusej, der den heiligen Gral des Ensembletheaters, die Wiener Burg, übernimmt, hat so ziemlich den gegenteiligen Zugriff: ein hochidentifikatorisches Theater, in dem die Darsteller gerne die Leidenswucht und Überwältigung suchen. Hinter den ästhetischen Unterschieden steckt das ganze Spektrum konträrer Menschenbilder von heute: Keine Diskussion für den Elfenbeinturm, sondern der Schlüssel zu allem, was Menschen über Menschen denken.

Andreas Beck, der das Münchner Residenztheater übernimmt, hat wiederum gerade das Basler Theater mit einem so klaren wie offenen Konzept zum Theater des Jahres gemacht: mit der Basler Dramaturgie, in der klassische Texte und Stoffe von Gegenwartsautoren aktuell überschrieben werden. In München trifft er auf der anderen Maximilianstraßenseite im ersten Jahr noch auf Matthias Lilienthals Kammerspiele, die Stadttheater radikaler neu denken wollen – und von Teilen des lokalen Feuilletons und der Münchner CSU weggeekelt wurden. Da sind noch Ambitionen offen.

Die einzige Frau unter den Neu- und Neuneuintendanten ist Sonja Anders, die letzten neun Jahre Chefdramaturgin an Ulrich Khuons Berliner Deutschem Theater, einem gutgeölten, vielseitigen Stadttheaterbetrieb, von dem – gemessen am Output – allerdings nicht allzu viel künstlerisch in Erinnerung bleibt. In Hannover trifft Sonja Anders auf ein Theater mit weniger Geld und Hauptstadt-Glamour – vielleicht die größte Herausforderung von allen.

Aber eins haben alle vier gemeinsam: Sie werden die nächsten fünf Jahre im Amt sein – deutlich mehr, als jeder Bundesminister heute von sich behaupten kann. Eine Menge Zukunft!