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Brecht in den Tropen

Eine Theaterreportage aus Sri Lanka

Von Ulrike Syha

Das Video endet. Räuspern. Niemand sagt etwas. Auf dem Boden ächzt ein alter Plastikventilator, draußen steht die Luft, nicht ein Palmblatt bewegt sich im Wind. Der junge Mann mit dem krausen Haar, der in der hintersten Reihe des Halbkreises auf dem Boden hockt und sich auch sonst gerne als Erster zu Wort meldet, kratzt sich am Kopf. Er ist groß genug, um die anderen Workshop-Teilnehmer auch im Sitzen um ein paar Zentimeter zu überragen, was ihm eine gewisse natürliche Autorität verleiht. «But madam – do they really like that kind of theatre in your country?» bringt er nach einiger Zeit zweifelnd hervor. Eine gute Frage.

Wir befinden uns in Colombo, der Hauptstadt des Inselstaates Sri Lanka, es ist bereits später Nachmittag, aber die Hitze drückt noch immer. Und eine Antwort fällt nicht leicht, 8000 Kilometer entfernt vom deutschen Stadt- und Staatstheater und seinen theatralen Sehgewohnheiten. Ich will gerade zu einer längeren Ausführung über das Regietheater im Allgemeinen und chorisches Sprechen in zeitgenössischen Inszenierungen im Besonderen ansetzen, als eine Mitarbeiterin des Institute of Sinhala Culture in der Tür erscheint. Der Ruf zur Teepause rettet mich fürs Erste.

Kaum haben wir im klimatisierten Zimmer des Direktors Platz genommen, halte ich auch schon eine Tasse mit starkem, frisch aufgebrühtem Tee in der Hand. Ein mehrmals täglich wiederholtes Ritual, das mir hilft, trotz Jetlag durch die langen Tage zu kommen. Der Workshop läuft bereits seit dem frühen Morgen, und für einen Augenblick verliert sich mein müder Blick in dem Kalenderbild über dem Schreibtisch. Ein zugefrorener See irgendwo in Nordchina, auf den sachte der Schnee rieselt. Mich fröstelt plötzlich.

«Und Brecht?»
«Entschuldigung?»
«Welche Rolle spielt Brecht im Moment auf den deutschen Bühnen?»

Schon wieder eine gute Frage. Gestellt hat sie diesmal ein älterer Shakespeare-Übersetzer, der vor vielen Jahren in England studiert hat und freundlicherweise bei unserem Workshop als Dolmetscher aushilft. Nicht alle im Kurs beherrschen Englisch.

«Also, Brecht – »

Erneut rettet mich der Pausen-Gong in Form der freundlich lächelnden Mitarbeiterin des Instituts. Die Teilnehmer warten schon ungeduldig im überhitzten Raum nebenan, Brecht muss auf die nächste Teepause vertagt werden.

Ich bin durch Vermittlung des ITI nach Sri Lanka gekommen, um gemeinsam mit Dessa Quesada Palm, Künstlerische Leiterin von «Youth Advocates Through Theater Arts» und Vorsitzende des philippinischen «National Committee of Dramatic Arts», einen einwöchigen Theaterworkshop zu geben, der mit einer Abschlusspräsentation am World Theatre Day enden soll. Rathna Pushpa Kumari, Vorsitzende des National Theatre Institute Sri Lanka und Vize-Präsidentin des International Playwrights’ Forum (IPF), hat diesen Workshop im Zusammenarbeit mit dem Institute of Sinhala Culture organisiert.

Vor unserer Ankunft wissen wir über die Teilnehmer und ihre persönlichen Hintergründe wenig. Eines jedoch steht fest: Es werden sehr viele sein. Über hundert Interessenten hatten sich gemeldet, etwa fünfzig von ihnen stehen uns am ersten Nachmittag gegenüber. Die übrigen mussten auf ein nächstes Mal vertröstet werden, eine noch größere Gruppe können wir zu zweit nicht bewältigen. Und auch so platzt der Raum schon aus allen Nähten. Dass der Workshop trotzdem so gut funktioniert, haben wir vor allem den Teilnehmern selbst zu verdanken. Ihr Enthusiasmus ist einfach durch nichts zu schmälern.

Ich wusste vor meiner Reise kaum etwas über Sri Lanka, geschweige denn über die Theaterkultur des Landes. Ursprünglich aufgeteilt in verschiedene Königreiche, dann portugiesische, niederländische, schließlich britische Kolonie, Unabhängigkeit als Demokratische Sozialistische Republik, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermehrt Auseinandersetzungen zwischen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilischen Minderheit, gipfelnd ab Mitte der 80er Jahre in einem Bürgerkrieg, der erst 2009 endete. Ein blutiger Konflikt mit unzähligen Todesopfern, darunter auch viele Zivilisten.

«Ende der 70er Jahre kam ein deutscher Professor nach Sri Lanka, Dr. Norbert Mayer», erzählt Rathna auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel. «1978 hat er einen Theater-Workshop für 24 Teilnehmer gegeben. Ich war eine der Teilnehmerinnen, ich bin damals noch zur Schule gegangen. Viele später bekannt gewordene Schauspieler und Regisseure waren damals dabei.» Eine prägende Erfahrung also. Ein wichtiger Impuls. Dann kam der Bürgerkrieg – und ähnliche Veranstaltungen konnten nicht mehr durchgeführt werden. Heute gilt die Lage in Sri Lanka als stabil, das Land erholt sich auch wirtschaftlich. Und Rathna und einige der anderen Teilnehmer von damals wollen anderen Theaterbegeisterten, vor allem der jüngeren Generation, eine ähnliche internationale Erfahrung ermöglichen.

Nicht alle Teilnehmer unseres Workshops sind aus Colombo selbst, viele sind aus anderen Landesteilen angereist und übernachten die Woche über bei Verwandten oder Freunden in der Hauptstadt. Nur sehr wenige kennen sich untereinander. Das erstaunt nicht besonders, denn die Gruppe ist alles andere als homogen. Der jüngste unter den Teilnehmern ist 17, der älteste an die 70. Ein paar gehen noch zur Schule (und haben bei dem Schultheaterwettbewerb, in dessen Jury wir uns am ersten Abend etwas unverhofft wiederfanden, bereits Preise erhalten), andere bringen professionelle Bühnen- und Dreherfahrungen mit. Aber selbst die Profis unter ihnen haben alle noch einen «richtigen» Job. Hauptberufliche Theatermacher gibt es in Sri Lanka im Moment so gut wie gar nicht.

Einige der Teilnehmer leiten selbst Theatergruppen oder arbeiten im soziokulturellen Bereich; dann sind da ein paar Jungs von der American High School, denen eine Karriere in der Filmindustrie vorschwebt, am besten hinter der Kamera; ein gutaussehender junger Mann, der oft als Model arbeitet; eine Interpretin traditioneller singhalesischer Tänze und Gesänge; eine Darstellerin aus einer beliebten Seifenoper; mehrere Montessori-Lehrer und Psychologen; eine Textilingenieurin, die nebenbei auch als TV-Moderatorin arbeitet, für uns allerdings an einigen Tagen übersetzt (und nach deren Auftauchen die Jungs von der American High School in der Pause beschämt bekennen müssen, dass sie sich nun leider gar nicht mehr konzentrieren können, weil sie von so viel Schönheit doch ein bisschen geblendet sind); und einen Mann mittleren Alters, der eines Morgens, nachdem er in einer Improvisation gerade den bösen Tyrann gemimt hat, schüchtern erklärt: «Ich arbeite normalerweise beim Zoll.»

Im Vorstand des Instituts wiederum sitzt ein berühmter Filmschauspieler, der außerdem noch einen Ministerposten bekleidet.

Und dann ist da noch Miyuri. Eine ältere Dame, die unseren Workshop die gesamte Woche über begleitet. Erst am zweiten Tag wird uns klar, dass es sich um eine Grande Dame des hiesigen Theaters handelt, sie hat in unzähligen Stücken und Filmen mitgewirkt. Wenn sie gerade nicht im Raum ist, zeigen uns die Teilnehmer aufgeregt Mitschnitte von ihr auf YouTube. Manchmal macht sie bei den Übungen mit, meist aber sitzt sie lächelnd in einem Plastikstuhl neben der Bühne und beobachtet das turbulente Geschehen. In ihrem Lächeln scheint etwas Wehmut mitzuschwingen, vor allem aber unverhohlene Freude darüber, dass es irgendwie weitergeht. Dass sich hier so viele Menschen zusammengefunden haben, um ihre Begeisterung für das Theater zu teilen. Und diese Menschen wollen vor allem eines: Spielen. Tanzen. Singen. Endlich rauf auf die Bühne. 

Dass fast alle von ihnen ausnehmend gute Sänger sind, wird schon nach ein paar Stunden klar. Als wir fragen, ob zum Abschluss des Kennenlernens vielleicht noch jemand etwas vortragen möchte, springen so gut wie alle Anwesenden auf. An einem anderen Tag droht eine unserer Aufwärmübungen beinahe den gesamten Vormittag zu verschlingen, da jeder viel zu viele Lieder kennt und ein Sieger im Sängerwettstreit einfach nicht zu ermitteln ist.

Innerhalb des Workshops haben wir die Aufgaben ein wenig verteilt. Dessa übernimmt alles, was mit Körper und Stimme zu tun hat, ich konzentriere mich auf den theoretischen Teil. Was gibt es für dramatische Mittel, wie ist ein Theatertext aufgebaut, welche Geschichten wollen wir erzählen und in welcher Form. Theorie fällt nicht immer leicht, schon gar nicht in den Tropen in einem Arbeitsraum ohne Klimaanlage, wo es seit den Morgenstunden physisch zur Sache geht. 

«Madam, I did not understand a single word», gesteht eine Teilnehmerin mit entwaffnender Ehrlichkeit am Ende eines Theorie-Moduls. «What is a dramaturg again?» Schon wieder eine dieser guten Fragen.

Was bei Betrachtung der Gruppe immer wieder ins Auge sticht, ist das unausgewogene Geschlechterverhältnis. Der Frauenanteil liegt bei vielleicht gerade mal bei 20 Prozent. «Und das sind schon viele», erklärt uns Rathna, als wir nachfragen. «Wir haben im Vorfeld versucht, ganz gezielt Frauen anzusprechen.» Die Gründe für den niedrigen Frauenanteil können wir am Beginn des Workshops nicht richtig einordnen. Wir wissen auch nicht, ob es Auswirkungen haben wird auf den Ablauf oder die darzustellenden Szenen. 

Aber unsere Bedenken bestätigen sich nicht, innerhalb des Workshops gehen die Geschlechter ganz entspannt miteinander um, auch auf der Bühne. Bei einer Gruppenarbeit am letzten Tag entsteht zufällig die Situation, dass sieben Männer und eine Frau gemeinsam etwas erarbeiten sollen – alleine. Wir sind uns wieder nicht sicher und gehen nach einer halben Stunde heimlich nachschauen, ob draußen auf der Außenbühne auch alles mit dem Rechten zugeht. Was wir dort zu sehen bekommen, lässt uns ein bisschen gluckenhaft wirken. Denn die junge Dame ist gerade dabei, die sieben Männer mit Nachdruck zu inszenieren. Und die folgen ihren Ansagen, der Ton lässt auch kaum Widerworte zu.

«Dass so wenige Frauen im Theater aktiv sind, hat viel mit den Familien zu tun», erzählen ein paar der Organisatoren. «Weil es irgendwie als verwerflich gilt?» «Nein, es geht wohl eher um die Sicherheit. Die Familien wollen nicht, dass die Frauen abends ausgehen, schon gar nicht alleine.» Und Theater findet im Normalfall nun mal abends statt. Unser Workshop stellt da eine Ausnahme dar.

Auch das Verhältnis von Singhalesen und Tamilen ist in der Gruppe nicht ausgewogen. Die überwältigende Mehrheit der Workshop-Teilnehmer sind Singhalesen, nur ein Lehrer gibt an, dass er auch die tamilische Sprache beherrscht. Direkt auf den Tamilen-Konflikt angesprochen, beeilen sich die meisten zu betonen, dass das Verhältnis heute entspannt ist. Und dass es sich auch früher eher um einen von oben «gemachten» Konflikt gehandelt habe, von den Machthabern geschürt.

«Im Alltag kommen Singhalesen und Tamilen gut miteinander aus. Das war auch früher so. Also, zumindest hier in Colombo. Vielleicht ist das im Norden ein bisschen anders. Meine Tochter ist mit einem Tamilen verheiratet. Dagegen hatten wir nichts einzuwenden.» Ähnliche Aussagen hören wir oft. Und meist wird nach kurzem Zögern noch der Nachsatz hinzugefügt: «Von einer Heirat mit einem Muslim hätten wir ihr hingegen wahrscheinlich abgeraten.» Schimmert da am Horizont bereits ein neues Feindbild auf? Der muslimische Geschäftsreisende, mit dem ich mich in der Hotellobby unterhalte, möchte sich lieber nicht zu dem Thema äußern. Er kräuselt nachdenklich die Stirn und wendet sich seiner Zeitung zu.

Dass es sich bei der Heirat um das zentrale Lebensereignis in Sri Lanka handelt, spiegelt sich schon im Stadtbild. Die Dichte an Brautmodenläden und Hochzeitsausstattern ist wirklich beeindruckend, selbst noch in den kleineren Städten im Umland. Von unzähligen Plakatwänden blicken bildschöne, schwarzhaarige Frauen in makellosen weißen Märchenkleidern (und mit noch sehr viel weißeren Zähnen) oder in prachtvollen Saris auf die vorbeifahrende, hupende Meute herab. 

Ganz anders bei uns im Workshop: Da tragen alle Einheitslook. Rote Polohemden, auf denen in Orange der Name der Veranstaltung prangt. Bei der Abschiedsparty erkenne ich manche von ihnen gar nicht wieder, so sehr habe ich mich an den Anblick der Rothemden gewöhnt.

Bei den Hemden handelt es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme, erklärt man uns. Sie sollen uns lediglich helfen zu erkennen, wer zur Gruppe gehört und wer nicht. Denn die Theaterbegeisterung macht in Sri Lanka auch vor geschlossenen Türen nicht halt. Immer wieder spähen neugierige Nachbarn herein, besonders, wenn gerade mal wieder jemand ein Lied singt. In der Vergangenheit haben sie sich ab und an wohl auch mal unter die Workshop-Teilnehmer gemischt, wenn ihnen das Angebot gefiel. Eine Szene, die man sich mit den Anwohnern einer deutschen Theaterhochschule nur schwer vorstellen kann.

Am Tag der Abschiedspräsentation gibt es dann noch eine kleine Überraschung. Der offizielle Einzug der Ehrengäste (zu denen auch wir gehören) mit traditionell gekleideten Tänzern an der Spitze ist vorbei, das zeremonielle Feuer entzündet, alle haben Platz genommen, und die Teilnehmer zeigen ihre am gestrigen Tag eigenständig erarbeiteten Kurzstücke. Wir haben ihnen völlig freigestellt, welche von den im Workshop gelernten Methoden sie anwenden wollen und welche nicht.

In einem Beitrag, der sich – unter Verwendung einer alten Sage – dann doch expliziter mit dem Tamilen-Konflikt auseinandersetzt, als man das nach den verhaltenen Gesprächen zu dem Thema erwartet hätte, gibt es eine weibliche Hauptfigur. Diese Figur ist aufgesplittet in drei Ichs. Manchmal agieren sie als Einzelpersonen, manchmal aber auch als Chor. «Wir wollten das aus dem Video einfach mal ausprobieren», erklärt eine der drei Darstellerinnen lachend, als ich sie hinterher darauf anspreche. Aber eines habe sie noch immer nicht so ganz verstanden, fügt sie hinzu. Die Sache mit dem Dramaturgen und seinen Aufgabenfeldern. Ob ich das nicht vielleicht doch nochmal aufschreiben könne?

Na klar, mache ich gerne. Ich glaube, ich kann im Notfall jetzt jedes Theater-Thema in drei kurzen, spontanen Sätzen. Von der Antike über Brecht bis Rimini Protokoll. Als Dramaturg in den Tropen muss man alles abdecken können.