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Mit maximalem Einsatz

Brigitte Fassbaender im Gespräch

Sind Sie ungeduldig bei den Proben?
Ich glaube nicht. Ich bin eher zu geduldig.

Weil Sie selbst Sängerin waren?
Na ja, ich weiß, was man durchmacht. Geduldig bin ich erst durch die Arbeit als Intendantin geworden, durch den Umgang mit Menschen. Da habe ich gemerkt, dass das besser ist. Geduld hilft, sich zu benehmen. Temperamentsausbrüche, die ich immer noch im Ansatz habe, passieren doch nur, wenn man mit dem Rücken an der Wand steht. Sie sind ein Zeichen von Unsicherheit. Man sollte einfach nicht in die Defensive geraten.

Spüren Sie noch immer einen übergroßen Respekt, der Ihnen in der Regiearbeit von Sängerinnen und Sängern entgegengebracht wird?
Ja, leider. Aber ich kann den ganz schnell abbauen. Die Kollegen merken dann, dass ich ein ganz umgänglicher und kollegialer Mensch bin.

Gab es jemals den Moment während des Inszenierens, in dem Sie sich sagten: «Das hätte ich jetzt gern selbst gesungen»?
Na klar! Da denke ich: «Mein Gott, warum macht sie oder er das jetzt so?» Es kommt vor, dass ich gebeten werde, stimmtechnisch zu arbeiten. Das tue ich dann auch, aber mit größter Vorsicht. Unter Umständen kann das sehr verunsichern, und das ist nicht gut für die Inszenierungsarbeit. Manche Probleme lassen sich schließlich nicht bis zur Premiere ausräumen.

Siegfried Jerusalem hat einmal gesagt, er müsse sich ständig auf der Bühne bewegen, damit er stimmlich locker bleibt.
Vollkommen richtig. Rumstehen ist nicht gut für die emotionale und damit auch technische Entfaltung, für den emotionalen Atem, wie ich das immer nenne. Wobei die meisten Sängerinnen und Sänger, mit denen ich arbeite, Action wollen. Ich kann das Stadium, in dem sie sich öffnen und mir vertrauen, eigentlich schnell erreichen.

Sie beklagten einmal, dass die Unverwechselbarkeit von Stimmen verlorengeht. Ist das auch beim Sänger-Typus so? Wirken die bald alle wie aus dem Hochglanzkatalog?
Mit denen arbeite ich ohnehin nicht. Das sind die Stars, die nur fünf Tage vor der Premiere anreisen. Das gibt es an kleineren und mittleren Häusern gar nicht, da gibt es noch richtige Ensemblearbeit. Was allerdings ein Thema ist: Fitnessstudio. Die jungen Sängerinnen und Sänger achten sehr auf ihre stabile, muskulöse Körperlichkeit – und sind dann dank solcher Studios vollkommen verspannt. Das erlebe ich immer wieder. Ich sage dann: «Singen ist Sport genug. Betreibt den mit maximalem Einsatz! Und das andere bitte sehr in Maßen.» Dieses Übertrainieren der Muskeln ist ganz schlecht fürs Singen. Genauso wie das viele Wassertrinken. Literweise kippen sie das in sich hinein, die Flasche ist immer dabei, auch auf dem Podium in Konzerten. Sie denken, das hilft. Dabei geht das doch in die Speiseröhre. Wenn man richtig singt, ist der Speichelfluss ausreichend, sodass die Mundhöhle befeuchtet wird. Wir haben früher nicht so viel Wasser getrunken. Und so viel Reflux wie heute gab es überhaupt nicht.

Aber werden die nicht in die Fitnessstudios getrieben, weil Type-Casting und Body-Shaming immer entscheidender werden?
Bei Frauen viel mehr als bei Männern. Es gibt doch Tenöre, die wahrlich keine Schönheit sind, aber trotzdem Weltkarriere machen. Sie haben natürlich recht: Heute wird fast nur noch nach Typ besetzt an den großen Häusern, dazu gibt es diesen Jugendwahn. Und gerade viele Frauen trifft das hart. Eine große voluminöse Stimme braucht ein gewisses «Bett», in dem sie ruht. Montserrat Caballé oder Margaret Price hätten heute kaum noch eine Chance. Mit dem äußeren Styling geht in gewisser Weise auch ein inneres Hand in Hand. Darum kommt es zu dieser Glätte. Darum fehlt der Mut zur absoluten Individualität.

Das gesamte Interview von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 12/2022

(Portrait: Rupert Larl)