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Rezensionen 30. November

Foto: Arno Declair

Berlin: Ödön von Horváth «Italienische Nacht»

Am 23., 26., 31. Dezember, 4. bis 7. Januar in der Schaubühne am Lehniner Platz

Eine süddeutsche Kleinstadt, um 1930. So verortet Ödon von Horváth seine «Italienische Nacht», ein aus guten Gründen lange vergessenes Stück. Denn das «Lustspiel», über das sich Alfred Kerr nach der Uraufführung 1931 am Theater am Kurfürstendamm nach eigener Aussage krank lachte – «der beste Zeitspaß dieser Läufte» – hat den aufziehenden Nationalsozialismus böse unterschätzt. Horváth macht sich ausgiebig lustig über die Linken wie die Rechten, die Republikaner und die Faschisten, hinter deren angeblichem politischen Engagement nur verlogene Bigotterie, absurde Fraktionskämpfe, männliche Angeberei, Misogynie – soweit die linken Positionen – und dazu dümmliche Reaktion mit nächtlichen Schießübungen auf der rechten Seite lauern.

Die Parteihonoratioren um den aufgeblasenen linken Stadtrat Ammetsberger, der seine Frau wie eine lästige Hausangestellte hält, sind vor allem an der planmäßigen Durchführung ihrer kitschigen jährlichen Gartenfeier – eben jener italienischen Nacht – interessiert und verkrachen sich darüber mit dem jüngeren und schlagkräftigeren, dogmatisch-marxistischen Parteiflügel, der genauso wenig ernst zu nehmen ist. Schließlich droht eine Saalschlacht mit den Faschisten, die das republikanische Parteivergnügen sprengen wollen, aber angesichts der Wiedervereinigung der linken Flügelkämpfer schnell einknicken. Am Ende werden noch extragroße Worte geschwungen bei maximaler allseitiger Kleinmütigkeit. Kerrs Vergnügen daran hat sich schon bald bitter gerächt: Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der Berliner Uraufführung musste er Hals über Kopf Deutschland verlassen, um die nächsten 15 Jahre bis zu seinem Tod unter erbärmlichen Verhältnissen mit seiner Familie im Londoner Exil zu verbringen.

In der Schaubühne versucht Thomas Ostermeier, Horváths vorfaschistisches Volksstück, das mit den Köpfen noch in der Kaiserzeit steckt und ökonomisch in der Weltwirtschaftskrise der Endzwanziger, mit kleinen Ergänzungen in die unmittelbare Gegenwart zu hieven. In seiner neuen Textfassung (zusammen mit Dramaturg Florian Borchmeyer) werden aus Republikanern «Sozialdemokraten», der biedere Stadtrat steht «fest auf dem Boden des Grundgesetzes», die Rechten klagen über «hirnlose Migrationspolitik» oder «globalen Welthandel» und loben die Heimat mit ihren blonden Frauen. Mit einer kleinen Ausnahme bleibt Horváths Personal biografisch und mentalitätsseitig jedoch unangetastet: Nur Genosse Kranz, ein besonders devotes und alkoholsensibles Parteimitglied, trägt jetzt schwer an einer hoch klischeebelasteten DDR-Sportlervergangenheit mit Dopingverstößen, Gefängnis und finalem Freikauf durch die Bundesrepublik.

Allerdings scheint Ostermeiers Inszenierung, auf dem Zeitpfeil vor 90 Jahren abgesprungen, in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hängengeblieben zu sein. Auf der Drehbühne (Nina Wetzel) kreiselt dazu ein «Gasthaus Lehninger» mit Fassade und rückseitig aufgeschnittenem Wirtsraum, dessen letzte Renovierung bald 50 Jahre zurückliegen müsste: billiges Eternit-Dach und dunkelhölzerne Einscheibenfenster, wie sie damals der letzte architektonische Fortschrittsschrei waren. Drinnen viel Holztäfelung und lieblos zusammengestelltes Brauhaus-Mobiliar samt trist blinkendem Glückspielautomat: das perfekte Setting für ein kritisches Volksstück à la Franz Xaver Kroetz oder Marieluise Fleißer. Sogar ein gutfunktionierender, prähistorischer Zigarettenautomat ziert die Front, den heute nicht die blindeste Gaststättenaufsicht durchgehen lassen könnte. Auch die Kostüme von Ann Poppel können – oder wollen – sich nicht entscheiden zwischen verknittertem 70er Jahre-Chic, unbestimmten Retro-Anwandlungen und herablassend geschmacksreduzierter Heutigkeit.

Vor und in der Gaststube tummelt sich eine bunte Provinzlerschar zwischen Großklamotte und Kleintragödie. Die Sozialdemokraten um den verschwitzt aufgeblasenen Stadtrat (Hans-Jochen Wagner) bieten ein breites Spektrum angstschlotternder Bierdimpfelei bei maximaler männlicher Jämmerlichkeit: der triebgesteuert frauenfixierte Karl (Christoph Gawenda), ein bieder-gemütlicher Kranz (David Ruland), der verkniffen-stoische Lederjackenträger Martin ( Sebastian Schwarz), der rundbebrillte Zeitungsleser und Ortsintellektuelle Betz (Lukas Turtur). Im Ansatz deutlich souveräner, jedoch zentnerschwer unterdrückt die zugehörigen Damen: Aline Stieglers trotzig opferbereite Anna, Veronika Bachfischers existenzpragmatische Leni oder Marie Burchards leidensgeübte Adele wagen zwar nie den Aufstand gegen ihre jeweiligen schlechteren Hälften, lassen aber Ansätze von Empfindsamkeit ahnen. Auch Horváths überaus zugeneigtes Frauenbild war übergriffig – ohne es zu ahnen.

Gelegentlich donnert Traute Hoess als Wirtsfraufurie hinter dem Tresen hervor mit überlauten Versuchen, den historischen Sätzen im überspannten Zeitbogen so etwas wie heutige Glaubwürdigkeit zu erspielen. Dazu zieht als aktuelle Politstaffage regelmäßig eine schwarzgekleidete junge Faschistenstatisterie mit Reichskriegsflagge ums Haus oder tanzt Pogo zu «Deutschland erwache». Der einzig kenntliche Faschist, ein freundlich plaudernder Philosophiestudent (Laurenz Laufenberg), fällt bald unvermittelt über die nicht völlig unwillige Anna her. Eine schwerleibig ergraute Hausband spielt ergänzend Sehnsuchtsmelodien der späten 60er: «Mendocino» oder «Spanish Eyes». Thomas Ostermeiers wilde Mischung aus geistigem Wilhelminismus, Horváths Weimarer Republik, einer dumpfen Wirtschaftswunder-Provinz und angeblicher Gegenwart spielt sich zunehmend selbst ins Aus: Ein Realismus, der situative Plausibilität behaupten will, dem aber die konkreten Bezüge entgleiten, bezeugt nur die eigene Realitätsblindheit – bei allerdings beeindruckender politischer Selbstgewissheit.

Horváths bitter-ironisches Happy End bleibt derweil gestrichen. Die rechte Gewalt hängt drohend über der armseligen linken Szene, wenn das Licht verlöscht: ein offener Schluss und der letzte Versuch, eine Dringlichkeit zu behaupten, die längst verspielt ist. Man kann sich mit vorschnellen historischen Gleichungen auch böse verrechnen. Anders als bei Kerr dürfte es diesmal weitgehend folgenlos bleiben.

Franz Wille

https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/italienischenacht.html?m=360