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Rezensionen 14. Dezember

Osnabrück: Busoni «Doktor Faust»

Am 19. Dezember, 4., 31. Januar, 4. Februar

Ferruccio Busonis 1925 uraufgeführter «Doktor Faust» gehört zu den großen Bekenntniswerken des Musiktheaters aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bekenntnisse sind bekanntlich von theatralisch sprödem Stoff und haben es entsprechend schwer auf der Bühne, sodass dieses faszinierend-problematische Stück, das Busoni über ein Jahrzehnt beschäftigte und dennoch unvollendet blieb, seit jeher mehr gerühmt als gespielt wird. Umso bewundernswerter der Wagemut der rührigen Osnabrücker Musiktheatersparte, sich für diese strenge, handlungsarme, anti-illusionistische Gedankenkunst zu engagieren, die höchste Konzentration aller – der Ausführenden wie der Zuhörenden – einfordert.

Busoni geht in seinem selbst gedichteten, erzählerisch sprunghaften Text weniger von Goethe als vom spätmittelalterlichen Volksbuch aus. Hier setzt Andrea Schwalbachs Regie an. Ihr Faust ist ein Omnipotenzfantast, der einfach alles haben will: Macht, Ruhm, Ehre, Frauen – ein von «Genie» und «Vollkommenheitsgewalt» schwadronierender Biedermann, der zu keiner Tat fähig ist und deswegen mit Mephistopheles als einer Art Alter Ego den Teufelspakt eingeht. Schwalbach durchschaut auf nüchterne, realistisch geerdete Weise Busonis und seiner Vorläufer Konstrukt: Hinter Fausts «ewigem Willen» verbirgt sich purer Egoismus – die männliche Projektion von Unsterblichkeit. Rhys Jenkins spielt diesen von allen Idealen abgeschminkten Faust mit massiger Körperlichkeit als Riesenbaby – ein tapsiger, auch stimmlich posaunender Bär. Der stets zum Drink greifende, mit gleißender Trompetenstimme auftrumpfende Mephistopheles Jürgen Müllers nimmt ihm mit dem willfährig diabolischen Charme eines Lebemanns die Drecksarbeit ab.

Den Rahmen zu Busonis grandioser Orchestereinleitung setzt auf der ganz nach vorne gezogenen, rückwärts von einem farbigen Prospekt abgeschlossenen Spielfläche die Familienidylle mit Frau, Mann, Kind, Soldat, Leutnant, Mephistopheles und dem toten Gretchen als Maskenfigur. Am Ende, in der Winternacht der letzten Szene, wiederholt sich dieses Familienbild als Kindergeburtstag. Jetzt aber verlassen nach und nach alle den bei seiner Selbstfindung gescheiterten Faust, der unversöhnt – die Botschaft seines letzten, musikalisch verklärten Willens verhallt im Leeren – und einsam stirbt. Ein totes Kind ist seine einzige Hinterlassenschaft.

Dazwischen blättert Schwalbach, geschickt die assoziative Episodenstruktur von Handlung und Musik in der Art eines volkstümlichen Puppenspiels nutzend, suggestiv überzeichnete Bilder auf – das Hochzeitsfest des Herzogspaares von Parma etwa ist eine bunt karikierte Transvestitenparty mit der brillant singenden Lina Liu, die ihren Mann noch in der Hochzeitsnacht verlässt und mit Faust durchbrennt. Die Regisseurin respektiert nicht zuletzt das Eigenleben der gleichsam ins Oratorisch-Epische überdehnten Partitur. Busonis Vision eines Klanghorizonts, der über die Szene, ja über das Sichtbare und Gespielte hinausgreift, nimmt Tendenzen einer autonomen Theatermusik vorweg, die erst Jahrzehnte später aufgegriffen und weitergeführt wurden. Andreas Hotz entfaltet mit dem glänzend disponierten Orchester, den auf, hinter und neben der Bühne singenden Chören und den bis in die kleinste Rolle präzise agierenden Solisten diesen weit ausschwingenden musikalischen Raum – ein polyphones Konzert aus dem Geist des Neoklassizismus, das an diesem Abend zum überwältigenden Ereignis wird.

Uwe Schweikert

Doktor Faust in Osnabrück