Inhalt

Medientipp 30. November

Im Grunde ist sie schon eine etwas ältere Dame – die Tänzerinnenfigur, deren Silhouette sich im Netz unablässig und abrufbereit um die eigene Achse dreht. Auf YouTube findet man bis zu zehn Jahre alte Postings dieses verblüffenden Videos, das Betrachter bis heute in zwei Lager spaltet.

Eine empirisch ermittelte Mehrheit sieht, dass sich die scherenschnitthafte Ballerina im Uhrzeigersinn dreht, die Übrigen erkennen auf den ersten Blick die genau entgegengesetzte Drehrichtung. Ob links- oder rechtsherum – im Unrecht ist niemand, denn das irritierende Phänomen der «bistabilen Wahrnehmung» erklärt sich durch die Tatsache, dass unser Gehirn die zweidimensionale Darstellung unweigerlich in eine dreidimensionale umwandelt. Wie? Indem es im Sehzentrum Informationen aus unserem Erfahrungsschatz beisteuert, die das Gesehene zu einer potenziellen Realität ergänzen. Ob dabei, wie immer wieder behauptet, die jeweilige Dominanz der linken bzw. rechten Gehirnhälfte des Betrachters eine entscheidende Rolle spielt, ist wissenschaftlich umstritten. 

Wir kennen Abbildungen solcher «ambiguous patterns» zumeist in unbewegter, zweidimensionaler Form. Seit dem Ende des --19. Jahrhunderts und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein haben populäre Kippfiguren – wie etwa der nach seinem Erfinder benannte Necker-Würfel – nicht nur Schmuckpostkarten geziert, sondern auch in Physik, Philosophie, Hirnforschung, Psychoanalyse sowie in den Künsten zu grundsätzlichen Infragestellungen menschlicher Erkenntnisgewohnheiten geführt. Ludwig Wittgenstein veranschaulichte das Phänomen des Aspektwechsels in seinen Nachlassschriften anhand eines anderen beliebten Kippbildes, das – je nach der spontanen Interpretation des visuellen Reizes – mal einen Hasen-, mal einen Entenkopf erkennen lässt. Sigmund Freud  konstatierte dasselbe Prinzip für die Textstruktur des Witzes, wo sich der Kippeffekt im überraschenden Umschlagpunkt der Pointe vollzieht. In der Musik schließlich bezeichnet die «enharmonische Verwechslung» – die Umdeutung ein- und desselben Tones je nach Einbettung in unterschiedliche harmonische Zusammenhänge – eine vergleichbare oszillierende Erscheinung.

Doch zurück zur bewegten Kippfigur: Welche visuelle Wahrnehmung beim Betrachten der rotierenden Silhouette der Netzballerina zuerst erfolgt, ist für den Kippeffekt unerheblich. Es kommt lediglich da-rauf an, die andere Perspektive auch noch zu entdecken.

Dass diese Fähigkeit einzuüben Frust ebenso wie Lust bereiten kann, belegen die zahlreichen Kommentare unter den geposteten Videos: «Mein Kopf geht kaputt» oder «Es geht bei mir nicht», resignieren dort die einen. «Ich sehe beides und kann es steuern», teilt ein anderer mit. Und ein Dritter frohlockt geradezu: «Links, rechts, links, rechts … herrlich!»

Marc Staudacher