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Barenboims Schatzkästchen

Berlins Staatsoper im neuen Gewand

Von Albrecht Thiemann

Nun ist sie also wieder herausgeputzt, Berlins Lindenoper. In schönstem Pseudo-Rokoko. Zartrosa schimmert die Fassade, in drei verschiedenen Farben die Wandbespannung der Foyers um Parkett und Ränge. Von Glanz und Gloria der Kulturnation sollen sie wieder künden, die korinthischen Säulen des Portikus am historischen Hauptstadtboulevard, die mächtigen Pilaster im Apollo-Saal, die rotgepolsterten, weißgerahmten Klappsitze in dem um fünf Meter erhöhten großen Saal. Eine friderizianisch gezierte Schatzkiste hat Architekt HG Merz abgeliefert, die baulichen Zeichen unserer Zeit dezent in Nischen (Aufzüge), ins Untergeschoss (Toiletten, Garderoben) oder hinter Histo-Ornamentik (ein vor die Nachhallgalerie unter der Decke geblendetes Keramikgitter) versteckt. Also alles genau so gemacht, wie von jener merkwürdigen Koalition preußennostalgischer Traditionalisten gewünscht, die vor neun Jahren den kühn Alt und Neu verknüpfenden Siegerentwurf eines internationalen Wettbewerbs (Klaus Roth) gekippt hatte, der die Funktionalität des mehrfach beschädigten und veränderten Knobelsdorff-Baus (Besucherströme, Sichtverhältnisse, Akustik) substantiell verbessert hätte. Gegen den Rat der Fachleute, gegen den Wunsch auch von Musikchef Daniel Barenboim, unter federführender Mitwirkung des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, der jetzt, sieben Jahre nach Beginn der – damals maßgeblich auf sein Betreiben eingeleiteten – Retro-Wende, das statt geplanter 260 Millionen am Ende 400 Millionen Euro teure Sanierungswerk als Ehrengast in Augenschein nahm.

Uns wollten diese Sachverhalte nicht aus dem Kopf gehen, als (Noch-)Intendant Jürgen Flimm und Barenboim das zurückgewonnene Haus am Tag der Einheit mit viel staatstragender Prominenz, launigen Jubelarien des Bundespräsidenten und der Kulturstaatsministerin, dürren Festgrüßen von Berlins aktuell Regierendem und einem auf dreieinhalb Stunden gedehnten Mix aus Schumanns «Faust-Szenen» und Goethes «Faust»-Versen einweihten. Gewiss, die Klangqualität im Auditorium ist durch die Anhebung des Raumvolumens gestiegen – Orchester und Stimmen, Streicher und Bläser mischen sich gut, auch in dynamischen Extremen wirkt alles plastisch, transparent, schwingt frei aus. Die (noch nicht voll einsetzbare) Bühnentechnik wurde auf den neuesten Stand gebracht, die Belüftung modernisiert, zwei neue, in großzügig-nüchternem Kontrast zu den engen Fake-Barock-Stiegen des DDR-Wiederaufbauarchitekten Richard Paulick gestaltete Treppenhäuser sorgen für Entlastung. Doch noch immer gibt es etliche Rangplätze mit eingeschränkter Sicht, noch immer ist die – jetzt mit einem dunklen Holzboden ausgestattete – Konditorei im Keller viel zu klein für eine effiziente Pausenrestauration, und das nicht nur bei voller Auslastung der 1356 Plätze im Hauptsaal.

Dass die Lindenoper gleichwohl in der Politik, bis hinauf zur Bundeskanzlerin, als erste Adresse unter Berlins drei Opernhäusern gilt – der Bund steuerte die Hälfte der Rekonstruktionskosten bei –, lässt sich nur durch ihre mit Friedrich II. verlinkte «nationale» Aura und privilegierte Lage im alten Zentrum der Stadt erklären. Und mit dem Glück, seit 1992 einen Weltstar in den eigenen Reihen zu haben, der nicht nur als Dirigent, sondern auch hinter den Kulissen virtuos die Strippen zieht. Von den zehn Millionen Euro etwa, die der Bund ab 2018 an die Berliner Opernstiftung (also für alle drei Häuser) überweisen wird, sind – laut Hauptstadtvertrag – drei Millionen für Daniel Barenboims Staatskapelle reserviert (die Verteilung der restlichen sieben Millionen ist offen; gut möglich, dass das Geld größtenteils für Tarifaufwüchse draufgehen, mithin den künstlerischen Etats und strukturellen Maßnahmen von Deutscher und Komischer Oper kaum zugute kommt). Auch das eine Sondergabe, die sich letztlich dem kurzen Draht verdankt, den der Generalmusikdirektor zu vielen Entscheidungsträgern in Staat und Wirtschaft unterhält. So ist im Verlaufe eines Vierteljahrhunderts aus der Lindenoper eine Art Casa Barenboim geworden, die vom Ruhm ihrer Galionsfigur zehrt.