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Schauspiel

Voll auf der Walze

Rasches "Räuber" in München

Von Eva Maria Fischer

Was so ein Theater alles kann, wenn der Regisseur und Bühnenbildner eine Idee hat. Riesige Laufbänder, die sich heben, senken, drehen und schwenken lassen? Die große Bühne ein Maschinenraum der Moderne? Gruppen skandierender Schauspieler im mehrstündigen Dauerschritt? Schillers „Die Räuber“, inszeniert auf einem Laufband? Alles kein Problem für Technik und Werkstätten des Münchner Residenztheaters.

Zwei schwarz angemalte Toilettenpapierrollen und eine Leichtstoffplatte: Dies war die Grundidee zum aufwändigsten Bühnenbild, das je am Residenztheater gebaut worden ist. Es besteht aus einem gewaltigen, vier Tonnen schweren Laufband und einem zweiten, etwa 3,5 Tonnen schweren Laufband auf drei Hubpodien, die vier Meter nach unten reichen. Darauf deklamieren die Darsteller das Schillerschen Drama, das mit Texten des linksradikalen fran­zösischen Autorenkollektivs Comité invisible angereichert wurde. Auf der Vorderbühne sitzen zu beiden Seiten je zwei Musiker. Links spielt Mariana Beleaeva die Violine und Jenny Scherling die Viola, rechts bestimmen Heiko Jung am E-Bass und Fabian Löbhard mit Percussioninstrumenten den Rhythmus des Spiels. Die Musik oder der performative Klangteppich von Ari Benjamin Meyers wurde eigens für die Inszenierung komponiert. Er selbst nennt sein Werk ein „akustisches Bühnenbild, das, genauso wie die Laufbänder, den Schauspielern Tempo und Energie vorgibt“.

Die Laufbänder sollten sich heben, senken und fließende Positionen einnehmen können. Dazu mussten zehn Antriebe hergestellt werden, weil diese nicht Teil der Bühnenmaschinerie waren, jeweils zwei in den Laufbändern, jeweils zwei in den Walzen, zwei elektromechanische Zylinder für die Kippbewegungen und ein Elektromotor zum Vor- und Zurückfahren. Die Laufbänder sollten einer eigenen Choreografie folgen können, die einprogrammiert werden musste. Die Fahrsätze sollten abgespeichert und einfach abgerufen werden können. Dafür sollte die Bedienung möglichst einfach sein. Das waren die Vorgaben des Regisseurs und zugleich des Ersinners des Bühnenbilds – gebildet im engeren Sinn, konstruiert und gebaut hat er es nicht. Das war das Team von Thomas Bautenbachers Technischer Abteilung am Bayerischen Staatsschauspiel.

Insbesondere war Paul Demmelhuber mit der Umsetzung der eher vagen Idee, die nur Form und Funktion des Bühnenbildes vorgab, betreut. Der Diplom-Ingenieur arbeitet seit gut zweieinhalb Jahren am Residenztheater in München und konnte vorher als Maschinenbaustudent u.a. beim Siemens-Konzern Erfahrungen sammeln. In seinem Studium hatte er sich auf Automatisierung und Energietechnik spezialisiert und in diesem Rahmen unter anderem das Fach Fördertechnik belegt; dadurch hatte er gute Voraussetzungen für das angestrebte Projekt. Thema seiner Diplomarbeit: „Regelgüte bei unterschiedlichen Massenträgheitsmomenten“. Dazu musste er damals zwar nur einen Antrieb mit einer Regelungsbaugruppe in Betrieb nehmen und Optimierungsvarianten entwickeln, ohne eine übergeordnete Steuerung einzubinden, aber dennoch hatte er auf diese Weise bereits Erfahrungen mit einer Antriebsinbetriebnahme und wusste, wie man mit  Programmierungssoftware umgehen und was man letztlich realisieren könnte.

Zunächst wurde in den Werkstätten ein Modell gebaut, damit man die  insgesamt 48 von Ulrich Rasche geforderten Positionen bzw. Fahrten besser planen konnte und um mögliche Gefährdungen besser vorausschauend erkennen zu können. Maßstabsgetreu entstanden zwei Förderbänder, die auf der Drehbühne und innerhalb der beiden Podien stehen. Das bedeutet: Man kann die beiden Förderbänder in sich drehen und über die Podien auf- und abfahren sowie versenken. Die Laufbänder selbst können in beide Richtungen bis zu 20 Grad wippenartig gekippt und innerhalb der Podien jeweils zwei Meter vor- und zurück horizontal gefahren werden und in variabler Geschwindigkeit in beide Richtungen laufen. Die vom Regisseur geforderte Geschwindigkeit ging von 2,4 Metern pro Sekunde aus, musste aus Sicherheitsgründen aber auf 0,4 Meter pro Sekunde reduziert werden. Die ganze Konstruktion steht auf Schienen, die miteinander verbunden sind.

Anfang Januar 2016 wurde mit dem Projekt „Die Räuber“ offiziell begonnen. Zunächst mussten alle Voraussetzungen, die konstruktiven Möglichkeiten, die baustatischen Risiken und die baulichen Rahmenbedingungen überprüft werden, um festzustellen, ob ein so umfangreiches Bühnenbild überhaupt realisiert werde könnte. Dazu erstellte Demmelhuber einen modellnahen CAD-Entwurf und legte alles technisch im voraus fest: die Antriebsleistung, den Strombedarf, die Hydraulik, das voraussichtliche Gewicht, die Transportmaße. Ende März konnte grünes Licht gegeben werden: Nach Demmelhubers Berechnungen würden die Bedingungen des Hauses ausreichen; insbesondere der Strombedarf und das Gewicht waren dabei durchaus spannende Faktoren gewesen. Die Größe der von Ulrich Rasche angedachten Förderbänder musste in der Praxis reduziert, an die Maße der Bühne angepasst werden.

Zunächst war aus Sorge, den Strombedarf nicht abdecken zu können, eine hydraulische Lösung angedacht. Doch fiel die Entscheidung letztendlich doch für einen elektromechanischen Zylinder mit Kegelstirnradgetriebe aufgrund größerer Bedenken bei der Untermaschinerie. Außerdem wäre die hydraulische Variante wohl zu ungenau und kompliziert ausgefallen. Eine weitere Frage, die zu klären war, betraf die Entscheidung, ob Keilriemen oder Kettenantriebe eingesetzt werden sollten. Ein geeigneter Fördergurt musste gefunden werden. Man entschied sich für ein Band aus mehrschichtigem PVC. Die Antriebstrommeln sollten ursprünglich aus einem GFK-Sandwichverbund angefertigt werden; aus Kostengründen beschloss man schließlich, diese in Eigenbau aus Holz herzustellen. Ihr Gewicht sollte möglichst gering gehalten werden. Die Verarbeitung musste extrem exakt sein. Gemeinsam mit dem Stellvertretenden Technischen Leiter und Leiter der Dekorationswerkstätten Michael Brousek entwickelte Paul Demmelhuber ein eigenes System, mit dem die Schreiner einfach und genau arbeiten konnten. 

Die Anlagenteile wurden größtenteils in den Werkstätten gebaut. Für die Steuerung lieferte Siemens einen Standardbaukasten von Motoren, Steuerungskomponenten und Beobachtungssystemen, bekannt unter dem Begriff S7, die unterschiedlich verwendet werden können. Paul Demmelhuber programmierte die Bedienoberfläche und die Sicherheitskette. Szene für Szene wurde nach verschiedenen Gesichtspunkten durchgegangen, zumal es von Seiten der Regie fast bis zum letzten Tag Änderungswünsche gab: Welche Auftritte? Welche Sicherungspunkte? Für die Gefährdungsbeurteilung der Inszenierung war Klaus Haarer zuständig, der eine 23-seitige Gefährdungsbeurteilung erstellte.

Darüber hinaus begann Demmelhuber, die Schaltschränke aufzubauen. Ab Mitte Juni 2016 war er fast nur noch in den Werkstätten in der Schweren-Reiter-Straße in München-Neuhausen beim Verkabeln und bei der Inbetriebnahme. Für das Großprojekt mussten dort eigens Flächen generiert werden. Eine temporäre Probebühne wurde nebenbei zur Werkstattfläche umgewandelt: Die Schlosser bauten sich ihre Wirkstätte selbst und richteten sie ein. Im Juli erfolgte die Inbetriebnahme, und im August wurde das Bühnenbild von dem Sachverständigen auf der Bühne offiziell abgenommen; die technische Einrichtung auf der Bühne erfolgte im September. Bei jeder Aufführung stehen vier Posten an der Anlage, die die Schauspieler, die das Spiel auf den Laufbändern intensiv trainieren mussten, und die Bühne im Blick haben. Sie haben Notaustaster, der alle Bewegungen der Maschinerie zum Erliegen bringen kann. Vier Bühnenmeister werden für das Stück eingesetzt. Kommuniziert wird die Bedienpultsteuerung über W-LAN. Zwei Antennen wurden dafür angebracht.

Da die Maschinerie so dominant wirkt, musste auch das Licht stark und wuchtig sein. So wurde mit Watt-Zahlen richtig geklotzt. Gerrit Jurda sollte viel mit Licht und Schatten spielen. Wenn die Darsteller auf dem Laufband ins rechte Licht gerückt werden sollen und die Zuschauer nicht bemerken sollen, was sich an den Laufbändern abspielt, muss die Maschinerie quasi weggeleuchtet werden. Jurda verwendet kaum Vorderlicht, das bei den Drehbewegungen auch sehr gestört hätte. Das Gegenlicht besteht aus acht HMI-Scheinwerfern mit je vier Kilowatt. Auch für das kühle Seitenlicht setzt er zwei HMIs mit je vier Kilowatt ein. Die beiden fahrbaren Zugstangen hinten sind mit neun Glühlicht-Stufenlinsenscheinwerfern mit je fünf Kilowatt Leistung und Farbwechslern bestückt. Das stark gedimmte Licht erzeugt eine besonders emotionale Stimmung. Der schwenk- und neigbare quadratische Rahmen im Gegenlicht wurde mit 36 eng gebündelten PAR-Scheinwerfern bestückt. Die monochrome, gelbe, apoka­lyptische Stimmung am Ende des Stücks wird mit zwölf Natriumdampflampen mit jeweils 180 Watt Leistung erzeugt.

Auch der Tagesaufbau gestaltet sich für einen Repertoirebetrieb unge­wohnt aufwändig. Es wurde eine besondere Aufbaureihenfolge ausgetüftelt mit Einzelmodulen von 400 bis 500 Kilogramm. Er ist nicht in einer Schicht zu leisten, der Restabbau muss am nächsten Tag erfolgen, deshalb wird das Stück möglichst an zwei Tagen hintereinander aufgeführt.

Wieder im Münchner Residenztheater am 18. und 19. November und 27. und 28. Dezember. https://www.residenztheater.de/inszenierung/die-raeuber

Am Samstag, 11. November 2017, 21.00 Uhr zeigt 3sat die „Die Räuber“ als Aufzeichnung vom 54. Theatertreffen.

Die Rezension der neuesten Arbeit von Regisseur Ulrich Rasche, "Woyzeck" in Basel, finden Sie ganz unten in den aktuellen Schauspiel-Rezensionen.