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Interview

Tamara Rojo

Brexit? Die Kunst ist der Verlierer!

Von Dorion Weickmann

Eine Audienz beim Papst zu erwirken kann kaum schwieriger sein, als ein Interview mit Tamara Rojo zu kriegen. Das liegt am Arbeitspensum der Lady. Seit 2012 ist die Spanierin Künstlerische Direktorin des English National Ballet – und zugleich dessen Primaballerina. Rojo brilliert nicht nur in beiden Jobs, sondern punktet immer mal wieder auch mit kontroversen Wortmeldungen zum Zeitgeschehen. Insofern lohnt es durchaus, sich zu gedulden, bis das Gespräch tatsächlich stattfindet: in Rojos winzigem Büro in London, der Stadt, die ihr schon zu Füßen lag, als sie noch bei der Konkurrenz vom Royal Ballet tanzte. Was sie zu sagen hat, klingt mitunter verstörend, aber auch aufrüttelnd.

Tamara Rojo, es gibt europaweit nicht mal eine Handvoll Frauen, die großen Ballettkompanien vorstehen. Sie sind eine davon. War der Sprung an die Spitze schwierig?
Überhaupt nicht. Ich hatte die gleichen Chancen wie die männlichen Bewerber und erkenne auch im Alltag keine Unterschiede zwischen mir und meinen Kollegen. Aber natürlich sehe ich, dass es noch lange keinen Gleichstand zwischen den Geschlechtern gibt – im Tanz so wenig wie überhaupt in der Gesellschaft. Die Gründe kennen wir: Vieles orientiert sich an alten Rollenmustern, wie Mutterschaft und Beruf gut unter einen Hut zu bringen sind, weiß bisher auch niemand – da sind jede Menge Baustellen offen.

Die größte Baustelle Großbritanniens ist momentan allerdings der Brexit. Wie sehen Sie den Ausstieg?
Als Katastrophe für den ganzen kreativen Sektor, insbesondere für die Kunst. Ich bin Mitglied der Creative Industries Federation, einer wichtigen Lobbyorganisation. Wir haben die Regierung schon im Vorfeld der Abstimmung massiv bearbeitet, dass der Brexit für die Kreativen absolut nachteilig ist, weil er uns international abkoppelt. Viele, vielleicht sogar die meisten, die in Kunst und Kultur tätig sind, kommen aus dem Ausland. Bislang sorgt dieser Zustrom für Weiterentwicklung. Und davon haben am Ende alle was, denn die Kreativen tragen erheblich zur Wirtschaftsleistung des Landes bei.

Die Regierung stellt erleichterte Visa-Bedingungen in Aussicht. Hilft das weiter?
Nein, das ist keine Lösung, denn das bedeutet Bürokratie. Bisher sind Künstler – in meinem Fall meistens Tänzer – einfach hierher gekommen, haben sich in Netzwerke eingeklinkt und so einen Job gefunden. Beide Seiten haben davon profitiert. Wenn der Brexit greift und die Freizügigkeit entfällt, ist das nicht mehr drin. Das macht mich sehr besorgt. Zumal Großbritannien genauso wenig wie Europa weiß, wie es mit diesen Problemen umgehen soll.

Wird es ein weiteres Referendum geben?
Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, weil die Labour Party auch keine einheitliche Meinung dazu hat. Das wäre allenfalls vorstellbar, wenn Labour geschlossen auf Brexit-Gegenkurs ginge und damit Wahlen gewinnen würde. Dann käme es wohl zu einer zweiten Abstimmung. Aber momentan sehe ich keine Möglichkeit, die Entscheidung rückgängig zu machen. Meine einzige Hoffnung ist, dass wir einen Ausstieg hinkriegen, der so nah wie möglich an einem Nichtausstieg liegt.

Wenn wir schon bei der Politik sind: Wie sehen Sie das, was in den USA passiert?
Wissen Sie, es ist verdammt einfach, Donald Trump niederzumachen und ins Lächerliche zu ziehen. Der Mann ist in jeder Hinsicht unangenehm. Aber es gibt Gründe, wieso er gewählt wurde. Und diese Gründe haben wir viel zu lange ignoriert, auch in Europa. Wenn Menschen den Eindruck haben, dass sie nicht ernstgenommen, dass ihre Ängste einfach weggewischt werden, dann wechseln sie ins Lager der Rechten, der Populisten. Dazu gehört Trump, dazu gehört in Deutschland die AfD.

Sie haben das Geschehen rund um die Bundestagswahl verfolgt?
Ja, und die Entwicklung ist besorgniserregend. Aber sie ist eben auch so etwas wie eine natürliche Reaktion. Die Leute wollen sich schützen, ihre Kinder, ihren Besitz, ihre Kultur – und zwar gegen das, was sie nicht kennen. An der Stelle müssen wir einfach ehrlich sein und zugeben, dass Multikulti ein frommer Wunsch geblieben ist. Stattdessen schreitet die Bildung religiöser und weltanschaulicher Ghettos munter voran. Wir haben uns eingeredet, dass da was zusammengeht, aber was sehen wir? Kollektive, die sich isolieren und abschotten vom Rest der Gesellschaft. Und dann stellen wir auch noch fest, dass es nicht die Einwanderer der ersten Generation sind, die zum Radikalismus tendieren – sondern ihre Kinder, diejenigen, die hier geboren sind! Wir müssen uns endlich fragen, warum sie sich nicht mit den Werten unserer Gesellschaft identifizieren können. Warum sie sich fehl am Platz fühlen und auch nicht akzeptiert.

Aber wer durch London läuft, hat doch den Eindruck, dass die bunte Mischung einigermaßen funktioniert.
Ich glaube, das täuscht. Wer hat die Bombenanschläge hier verübt? Es waren junge Leute, in Großbritannien geboren, aber nie wirklich angekommen.

Unter welcher Bedingung gelingt das Zusammenleben? Nehmen wir zum Beispiel den Choreografen Akram Khan, Sohn bengalischer Einwanderer, der für Ihre Kompanie eine großartige „Giselle“ entworfen hat. Khan ist enorm erfolgreich und sagt von sich: „Ich hätte meine Karriere so in keinem anderen Land als England aufbauen können.“ Wie verträgt sich das mit Ihrer Sicht der Dinge?
Akram Khan kann das für sich natürlich besser beurteilen, als ich es kann. Aber das persönliche Umfeld spielt eine sehr große Rolle. Ob die Eltern, die Einwanderer der ersten Generation, hier wirklich Fuß gefasst haben. Bei Akram kommt dazu, dass Großbritannien ein Fördersystem hat, das nicht auf persönliche Beziehungen baut. Die Politik ist komplett außen vor. Ob du Geld bekommst oder nicht, hängt nicht von deinem persönlichen Verhältnis zu irgendeinem Politiker ab.

Aber dafür sind die Subventionen vergleichsweise bescheiden.
In der Tat. Von dem, was der Arts Council ausschüttet, lässt sich nichts auf die Beine stellen. Ich finde das trotzdem viel besser als im Rest Europas...Wie bitte? Ja, weil anderswo Kunst und Kultur ganz unmittelbar vom politischen Willen abhängig sind. Wir hängen nicht am Finanztropf der Politik und müssen zusehen, wie wir an Geld kommen. Das bedeutet aber auch Freiheit und maximale Unabhängigkeit von der Politik.

Aber muss die Kunst dann nicht nach dem Markt schielen und populäre Sehnsüchte bedienen? 
Nur wenn sie denkfaul ist. Die entscheidende Frage lautet: Was braucht die Gesellschaft? Das ist der Maßstab. Was die Kunst betrifft, halte ich Einkommensgarantien für schädlich, ja gefährlich. Sie fördern Nachlässigkeit und Selbstzufriedenheit, weil die Leute dann meistens einfach genau das tun, was sie selbst für richtig halten – ohne Blick für die Welt, in der wir leben. Damit wächst das Risiko, dass Kunst jeden gesellschaftlichen Bezug verliert. Irrelevanz ist aber das Schlimmste, was ihr passieren kann. Wer das verhindern will, muss immer wieder neues Publikum finden, jenseits der Kunstblase. Dafür müssen sich Ballettkompanien heute ganz anders aufstellen.

Was heißt das?
Die meisten sind immer noch: weiß, europäisch, exklusiv, klassisch – und das in einer Gesellschaft, die sich zusehends verändert! Wie viele Kompanien sind wirklich divers, produzieren Stücke mit Gegenwartsbezug, in denen sich das Publikum erkennen kann, die es zu einer produktiven Auseinandersetzung einladen? Und wieso ist dieses Publikum immer noch mehrheitlich Mittelkasse, weiß und tendenziell im Seniorenalter? Das alles macht mir Sorgen, denn irgendwann werden sich die Leute, deren Steuergelder ins Theater fließen, fragen: „Warum zahle ich dafür? Ich war da nie drin, es hat keinen Einfluss auf mein Leben, die Künstler haben mich nie willkommen geheißen, haben nie ihre Arbeit mit mir geteilt, sind nie auf mich zugegangen, haben keinen Schritt in meine Welt gesetzt - also warum soll ich dafür zahlen?“ 

Wofür zahlen die Leute bei Ihnen?
Für exzellente Kunst, die allen zugänglich ist. Das ist jedenfalls die Idee, mit der ich angetreten bin. Dafür erneuern wir das Klassiker-Repertoire, indem wir etwa bei Akram Khan eine „Giselle“ in Auftrag geben, die im Milieu der Migranten spielt. Die begeisterten Reaktionen zeigen: Das ist der richtige Weg. Und wir bringen kontroverse Stoffe auf die Bühne wie den Weltkriegsabend „Lest We Forget“. Zur Premiere hatten wir viele freie Plätze, nach einer Woche waren wir ausverkauft – und auf Tournee hat der Abend letztlich mehr Geld eingespielt als "Schwanensee". Für uns gilt, was für alle Organisationen gilt, die öffentliche Gelder bekommen: Wir haben eine Verpflichtung, wir dürfen keine Parasiten sein und Kunst nicht um der Kunst willen kultivieren – geniale Geister ausgenommen! Es muss immer um die Gesellschaft gehen.

Welche Folgen hat dieses Commitment auf der innerbetrieblichen Ebene?
Nach meiner Beobachtung haben die allermeisten Ballettkompanien überhaupt kein zeitgemäßes Management-Konzept. Jeder trägt jedes Problem direkt zur künstlerischen Direktion. Anderswo gilt eine solche Führungsstruktur als absolute Katastrophe. Tatsache ist: Du kannst nicht fast siebzig Tänzern und dem ganzen Alltagsgeschäft gerecht werden. Also haben wir uns coachen lassen und neu aufgestellt. 

Nach welchen Kriterien? 
Der Theorie nach kannst du ungefähr sechs bis zehn Leute vernünftig managen – im Sinne von: du setzt dich mit ihnen zusammen, schaust dir die Ergebnisse an, gibst Ziele vor, vereinbarst Entwicklungsfelder. Das verteilen wir nun auf mehrere Schultern und bilden ein Leitungsteam. Tänzer kommen also nicht mehr direkt zu mir, sondern wenden sich an engere Ansprechpartner, die das Anliegen gegebenenfalls an mich weiter vermitteln.

Und das funktioniert?
Wir haben gerade erst damit angefangen, aber ich glaube, dem Ansatz nach ist das der richtige Weg. Verantwortung zu delegieren, ist ein Novum im Ballettbetrieb – aber für andere Organisationen längst normal. Wieso sollen wir nicht ausprobieren, was andere erfolgreich praktizieren?

Wo wird das English National Ballet in zehn Jahren stehen?
Schwierige Frage. Erst einmal werden wir nächstes Jahr ein neues, erheblich größeres Gebäude im Osten Londons beziehen. Und dann würde ich uns gerne in gewisser Weise kommerzialisieren. Das klingt kunstfeindlich, ist aber das genaue Gegenteil. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Mich fasziniert der Erfolg einer Produktion wie „War Horse“, die aus einem Jugendbuch eines der erfolgreichsten Theaterstücke Englands gemacht hat. Dabei dachten die Macher ursprünglich: „Wir stellen ein kleines, feines Theaterstück für Kinder auf die Beine, und übermorgen ist es halt vergessen.“ Aber nein, es läuft seit 2007 am National Theatre und wirft immer noch Geld ab. Wenn uns so ein Coup gelingt, können wir damit Uraufführungen finanzieren, und das ist für die Weiterentwicklung des Balletts von entscheidender Bedeutung. Wir müssen uns Experimente leisten können, aber das funktioniert nur per Quersubventionierung durch Kassenknüller.

Denken wir noch ein Stück weiter: Wo wird die Kunstform Ballett in hundert Jahren stehen?
Z
um größten Teil in der digitalen Dimension. Das Theater wird nicht sterben, aber wir müssen uns der neuen, virtuellen Realität stellen. Fürs Ballett ist das eine Frage des Überlebens.