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Osiel Gouneo

Tänzer des Jahres

Von Angela Reinhardt

Welchen Grund mag es für einen stolzen Kubaner geben, von seiner sonnigen Karibikinsel ins kalte, dunkle Norwegen zu ziehen? Nach «Blond-Land», wie er es irgendwann tauft? Damals ist Osiel Gouneo 22 Jahre alt und bereits Erster Solist beim Nationalballett seiner Heimat, mit draufgängerischer Virtuosität tanzt er fast sämtliche Rollen quer durchs klassische Repertoire. Aber nichts anderes. Mit Viengsay Valdés, seiner damaligen Partnerin, wird er auf Galas geschickt und sieht, was die Europäer und Amerikaner so tanzen: «Das machte mich hungrig! Ich musste einen Weg finden, um alleine zu fliegen, meinen Tanz zu verbessern.» Er will sein Repertoire erweitern, wachsen und lernen. In Kuba ist moderner Tanz zwar ein umfassender Teil der Ausbildung, genau wie die modernen Tänzer dort immer auch Ballett lernen. Auf der Bühne aber bleiben die beiden Bereiche hübsch getrennt, das hochgeachtete und beliebte Ballet Nacional tanzt praktisch ausschließlich Petipa & Co.

Gouneo «springt nach Europa», wie er es formuliert, er geht nach Oslo, weil dort ein alter Freund tanzt. Und er wächst, tanzt Kylián, Duato und Forsythe, kreiert neue Werke mit Daniel Proietto oder Alan Lucien Øyen. England entdeckt seine grandiosen technischen Fähigkeiten, Tamara Rojo lädt ihn für eine  Spielzeit als festen Gastsolisten zum English National Ballet ein. Warum ist er dann nach München gegangen und nicht nach London? «Ich schätze gute Direktoren sehr. Direktoren, die ihren Tänzern ihre eigene Geschichte vermitteln können. Igor Zelensky ist so einer.» Ein Direktor aus der strengen russischen Balletttradition, die er aus Kuba kennt, ein starker Direktor, der sich vor seine Tänzer stellt, wenn irgendein Trust von außerhalb über die Besetzung entscheidet. Außerdem liegt München im Zentrum Europas, von dort aus kann man auf der ganzen Welt gastieren. Zelensky bietet ihm auch künstlerisch die besten Perspektiven: «Ich liebe Cranko, ich liebe Neumeier, ich liebe MacMillan! Was meine Seele wirklich bewegt auf der Bühne, das ist das Schauspiel, mehr als das eigentliche Tanzen. Tanzen macht Spaß, aber es tut weh. Sobald ich eine Figur darstelle, vergesse ich den Schmerz … Manchmal fühle ich mich völlig kaputt direkt vor der Aufführung, hier tut es weh und dort. Aber sobald ich einen Fuß auf die Bühne setze, übernimmt irgendeine Macht meinen Körper. Nur das Gehirn funktioniert noch, der Körper geht einfach mit. Wer immer da oben im Himmel wohnt: Ich danke ihm dafür.»

Schmerz empfindet er übrigens auch, wenn er danach die Aufzeichnung anschaut: «Es gibt nur wenige Tänzer, die sich nicht hassen, wenn sie ein Video von sich anschauen. Man fühlt sich toll auf der Bühne, dann sieht man das Ergebnis und ist entsetzt.» Das meint der Mann mit den butterweichen Endlosdrehungen, in denen er das Spielbein nach Lust und Laune streckt oder anlegt, keineswegs kokett, sondern es klingt fast trotzig: «Ich bin oft völlig frustriert, ich mag gar nicht glauben, dass mich Leute noch auf Galas einladen. Aber das ist der einzige Weg, besser zu werden.» Der knallharte Ehrgeiz, mit dem Gouneo ständig an sich arbeitet, stammt noch aus Kuba: «Man tanzt, weil man es liebt. Weil du höher springen willst als der Junge neben dir. Das ist alles, was man hat! Wir brauchen diesen gesunden Wettbewerb, um unser Ziel zu erreichen. Damals dachten wir noch nicht über Ballett als Karriere nach …» Selbst wenn er staunt, dass die kleinen Kubaner, die früher die Ballettikone Carlos Acosta als leuchtendes Vorbild vor Augen hatten, nun zu ihm, dem gerade 26-Jährigen aufschauen: Er will unbedingt etwas zurückbringen in sein Heimatland. «Das ist mein Ziel: Ich will nicht der mit den meisten Drehungen, den besten Sprüngen sein, sondern es kommt darauf an, wie man es macht. Wie man sich in diesem Ballettbusiness richtig verhält.»

Gouneo braucht das Glanzvolle des Balletts, die Fans, den Jubel: «Oslo ist eine tote Stadt, was das Ballett angeht.» In Kuba warten sie nach der Aufführung auf ihre Stars. Seit seinem umjubelten «Spartacus», bei dem der unkaputtbare Kubaner mächtig am Starruhm seines Feldherrn-Antipoden Sergei Polunin kratzte, geht es ihm auch in München so. «Immer wenn mich jemand nach dieser Rolle fragt, dann kommt mir nur ein Wort in den Sinn: Hardcore. Das ist wirklich ein Hardcore-Ballett. Ich liebe jeden einzelnen Moment. Man muss sich nicht zurücknehmen!» Der wuselige Kobold Puck in John Neumeiers «Sommernachtstraum» war dann so ziemlich das Gegenteil davon: «Ich dachte, ich werde verrückt – das ist nicht mein Ding! Vor diesen Balletten bin ich immer davongelaufen! Das bin ich nicht, diese Feenwelt …» Dann arbeitete er intensiv mit Ballettmeister Kevin Haigen und hatte plötzlich jede Menge Spaß: «Er zeigte mir eine ganz andere Sicht auf die Figuren, lehrte mich Neumeiers Dramaturgie schätzen. Das hilft auch bei so vielen anderen Rollen.» Beim Gedanken an den Armand in der «Kameliendame» bekommt er jetzt Gänsehaut. 

In Deutschland kommt Osiel Gouneo bisher gut klar: «Es kommt darauf an, wie man sich benimmt. Wenn man stolz auf sich selbst ist, dann schauen dich die Leute mit anderen Augen an.» Probleme wegen seiner dunklen Hautfarbe hatte er in Europas Städten kaum, eher auf der Ballettbühne, in der Zeit vor München. «Es gibt diese ‹beinlosen› Tänzer, sie strecken ihre Füße nicht, sie können nicht springen, aber sie bekommen die Hauptrollen, nur weil sie blond sind, und man denkt: Ach ja, sie sehen genauso aus wie die Figur. Da werde ich wütend. Aber das Leben wäre ja langweilig, wenn man nicht für etwas kämpfen müsste!»