Doch wer diese Sängerin eigentlich ist – man weiß es nicht genau. Merkwürdig fern bleibt sie, so wie ihre aktuelle Elisabeth, die im zweiten Akt des Münchner «Tannhäuser» durch ein Labyrinth aus bühnenhohen, durchsichtigen Vorhängen wandelt. Eine Anbetungswürdige und zugleich Entrückte, Entfernte, Unfassbare. Ob für den Titelhelden in Romeo Castelluccis Wagner-Installation oder eben für den Gesprächspartner. 15 Minuten, manchmal mehr braucht es, bis Anja Harteros den Schleier etwas lüftet. Bis aus dem vorsichtigen Antworten, dem Taxieren des Gegenübers, dem distanzierten Small Talk mehr wird. Auch weil dieser Star für alle diese Dinge abseits der Bühne nicht unbedingt geschaffen ist, sie gar nicht als notwendig erachtet. Und Anja Harteros hat ja recht, weil gerade sie beweist: Karriere funktioniert auch ohne Tamtam.
Trotzdem bleibt dies ihr Lebensthema, wird immer wieder angesprochen, muss nur angetippt weden. «Ich finde, mein Privatleben, welche Schuhe ich trage und all die oberflächlichen Image-Dinge, tun nichts zur Sache.» Einige Zeit ist das schon her, dass Anja Harteros dies gesagt hat, da hatte sie noch gar nicht diesen prominenten Status wie jetzt. Und es klang, als ob sie der Gedanke ständig verfolgt. Natürlich habe sie ein Interesse daran, gut anzukommen, ob während einer Aufführung oder in der Diskussion über ihre Person. «Aber ich möchte das auf einem gehobenen Niveau tun. Ich möchte nicht so billig sein. Vieles auf dem Klassikmarkt ist billig geworden.» Wer will, hört da Namen von Kollegen mitschwingen. Deshalb eine Nachfrage, die Antwort gibt es nur off the record. Auch die Autoren eines Fernsehporträts taten sich schwer. Ortstermin in Operngarderoben, Posieren vor dem Haus im Bergischen Land, freundliche Sätze. Aber über die Schwelle blicken durfte keiner, geschweige denn in ihr Inneres. Und, ja, natürlich gibt es da einen Mann. Doch der tauchte in der Sendung nicht auf. Bewusst gesetzte weiße Flecken in der Biografie. Also doch «Vissi d’arte», nur ein Leben für die Kunst à la Tosca? Zu pathetisch, zu groß ausgedrückt wäre das. Denn das, was mancher als Unnahbarkeit begreift, ist auch (Selbst-)Schutz. Eine Sockel-Existenz aus professionellen Erwägungen: Ich schenke euch gern meine Kunst, doch abseits von Rampenlicht und Bühnenpforte gehöre ich mir.
Ein Restgeheimnis bewahrt Anja Harteros auch ihren Figuren. Ihre Charakterstudien, das ist kein Malus, ähneln sich. Hoheit, Aristokratie, aufrecht auch im größten Unbill, besonders aber Würde, das gilt für Maddalena und Elisabeth ebenso wie für die beiden Verdi-Leonoren oder, ein szenisches Debüt bei den diesjährigen Salzburger Osterfestspielen, für Sieglinde. Selbstvergessenheit, schrankenloses Sich-Ausleben, eine rückhaltlose Identifikation, ein Eintauchen, Sich-Verlieren in der Partie? Nicht mit Anja Harteros. Auf eine eigentümlich Weise trifft sie sich da mit Christian Gerhaher. Darstellung, Abbildung ist das eigentliche Moment der Kunst und Aufgabe des Interpreten, nicht Identifikation. Und eine Pistole in der Hand Desdemonas? Da biss Andreas Kriegenburg an der Deutschen Oper einst auf Granit. «Das tut Desdemona nicht», so wird das «Basta» der Harteros überliefert.
Was wird in Erinnerung bleiben an die gerade vergangene Saison, an die «Sängerin des Jahres»? Natürlich hat vieles mit ihrem Gesang zu tun, über dessen Stradivari-Qualität sich alle einig sind. Diese so faszinierende, eigentümliche Klangmixtur, wenn auch Triumph und Jubel immer vom Trauerflor umweht werden. Doch die besonderen, die ganz eigenen Harteros-Momente waren auch andere. Zum Beispiel das schier ins Unendliche, in eine entgrenzte Melancholie gedehnte Gebet der Elisabeth im «Tannhäuser». Oder, neben dem «La mamma morta» als schmerzerfülltes Konzentrat des «Andrea Chénier», auch das Schlussduett am selben Abend im März 2017. Ein Leichtes wäre es gewesen, dieses hyperexaltierte Finale auszusingen, jetzt, so kurz vor der Ziellinie, nochmals richtig aufzudrehen. Doch die Harteros nahm sich plötzlich zurück, offenbar weil sie spürte, dass Titelheld Jonas Kaufmann an Grenzen geraten war. Die fürsorgliche Kollegin kommt da ins Spiel, auch übrigens in den letzten Takten des ersten Salzburger «Walküre»-Akts im April. Die Zwillinge füreinander entbrannt, Nothung aus der Esche gezogen, das Wälsungenblut phonstark besungen, da verliert Siegmund alias Peter Seiffert im Davoneilen das Schwert. Eine Panne. Doch so, wie Anja Harteros die Waffe aufhebt, sie dem Partner reicht, provoziert das beim Zuschauer nur kurzes Lächeln. Die vernünftige, umsichtige Schwester, auf diesen Regieeinfall hätte ja jemand schon längst kommen können.
Mag sein, dass in Anja Harteros viel, viel mehr steckt, als wir zu sehen und zu hören bekommen. Die meisten Regisseure deuten ihre Aura offenkundig falsch als undurchdringlichen Panzer. Es sei denn, Divenversteher wie Christof Loy sind am Werk, mit dem sie vor Jahren Händels Alcina entwickelte. Oder Stückeversteher wie Brigitte Fassbaender, die am «Rosenkavalier» – ob als Octavian oder im Regiestuhl – gefühlte tausende Male beteiligt war. Als sie 2015 in Baden-Baden das Strauss-Baiser erarbeitete, konzentrierte sich die Fassbaender während der dort notorisch kurzen Probenzeit auf die Marschallin. Und man staunte: Eine solch aufgekratzte Harteros, so jungmädchenhaft, so überdreht, so unvernünftig im besten Sinne, ward von ihr noch nicht erlebt.
Wenn das Gespräch mit ihr lange genug dauert, dann wechselt der Ton. Nicht nur ins Vertrauliche, sondern auch ins Bergische. «’N bisken trockän», so würde sie sich selbst als Rheinländerin charakterisieren, sagt Anja Harteros einmal. Außerdem noch «altbacken, träge, kompliziert», um sofort lachend herauszuplatzen, Widerspruch dabei sicherlich erwartend. Dass sie wahrgenommen wird als Hüterin der Tradition, weiß sie selbst. Doch hat das nicht unbedingt mit Rückwärtsgewandtheit zu tun, sondern mit anderem: Wenn Anja Harteros eine Rolle erfühlt und erfüllt, dann ist dies auch eine Demonstration gegen die Verkleinerung, die Verbürgerlichung, gegen die Normalisierung von Opernfiguren, damit gegen eine Banalisierung. Weniger mit Konservativismus hat das zu tun, als vielmehr mit der Achtung vor Werk und Genre. Auch deshalb sind ihre Studien stets mit Würd’ und Hoheit angetan. Außerdem: Die Stimme, dieses gutturale, kostbare, immer etwas verhangene Timbre – die meisten mögen da nicht unbedingt auf Buffa-Frauen kommen, das weiß die «Sängerin des Jahres» selbst. Manchmal fühle sie sich auch leer, wenn sie immer nur Ikone sein müsse, gestand sie einmal merkwürdig nachdenklich. Als ob Humor und Frivoles nicht nur der Marschallin, sondern auch Gräfin oder vielleicht sogar Tosca gut stehen würden. «Witze mache ich schon gern.»