1 Die wunderbare alte Schauspielerin Maria Nicklisch geriet schier aus dem Häuschen: Heute Abend gehe sie ins Werkraumtheater, dort gebe es «Dickicht der Städte», inszeniert von dem hochbegabten Peter Stein, dem ehemaligen Assistenten von Hans Schweikart und Fritz Kortner. Der sei der Beste. Ja, «Dickicht» war überhaupt umwerfend grandios. Frech, polemisch und durchaus aggressiv. Das war 1968, der Regisseur Peter Stein stieg hoch wie eine Rakete an den Kammerspielen in München, sprühend die dämmrigen Probebühnen und funzeligen Stadttheaterbirnen erleuchtend. Und das zischte! Die Theater von damals waren in keinem guten Zustand, die Opern noch minder.
Die Branchenpostille «Theater heute» schrieb, eine neue Generation sei im Theater erschienen; «Bubitheater» höhnte der alte geniale Wüterich Fritz Kortner, vieler Junger Lehrer; wart’s nur ab, alter Quälgeist!
2 Nach Studium in Frankfurt und München wurde Bubi Peter Stein Assistent an den Kammerspielen – bei Schweikart und Kortner – und bald Regisseur von Edward Bonds «Gerettet», Brechts «Dickicht» und Peter Weiss’ «Vietnamdiskurs». Er war schnell oben und sauste schnell wieder abwärts: Denn den jungen wilden Linken war das Spielen nicht genug, sie wollten die Tat, sammelten Geld für Waffen für den bösen Feind des Abendlandes, den fiesen Vietcong. Stein flog im hohen Bogen, landete auf den Schultern seiner Schauspieler und skandierte durchs Megafon: große Töne, sinnfrei, aber ziemlich stark. Auch ich war begeistert, hielt ich doch den Hut voller Kalaschnikows und Patronengürtel. Räuberhauptmann Peter eilte nach Bremen, der ästhetischen Kaderschmiede eines neuen Theaters mit dem Säulenheiligen Peter Zadek und dem immerwährenden Bühnenbildner Wilfried Minks und seinen klugen Schülern Karl-Ernst Herrmann, Erich Wonder, Johannes Schütz. Er inszenierte «Kabale und Liebe» mit der bezaubernden Jutta Lampe, «Tasso» mit einem zappeligen Bruno Ganz im eklektischen Bühnenbild von Minks. Dann aber löckte er erneut wider den Stachel der Obrigkeit und fand sich, enttäuscht von Kunst und Leben, in der Maximilianstraße wieder, ratlos, allein, was tun? Nächster Halt: Zürich, alles aussteigen; aber das Schweizer Glück dauerte nicht lange. Die radikale Stein’sche Truppe war aufsässig, unbequem, störte die schöne Schweizer Ruhe. Koffer packen, alles auf Anfang.
3 Doch immer immer wieder geht die Sonne auf! Im unordentlichen Berlin hatten die Herren Gerd Löffler (Senator) und Jürgen Schitthelm (Theaterdirektor) eine Idee: Sie öffneten die Tore eines ermüdeten linken Nestes, der Schaubühne am Halleschen Ufer, den versprengten Steinernen Künstlern, und die blieben! Lange und sehr erfolgreich. Sie machten große europäische Karriere, spielten im Konzert der anderen Truppen (der von Patrice Chéreau, von Ariane Mnouchkine oder gar der von Oberpapst Peter Brook) ganz vorne mit. Immer am ersten Pult: Konzertmeister Stein. Gewissen und unermüdlicher Motor dieses beispielhaften Theaters. Bewunderung, Lob, Jubel allenthalben.
Klaus Michael Grüber kam dazu, Robert Wilson, Luc Bondy, eine glanzvolle Liste für glanzvolle Zeiten. An der Seite des Zampanos Stein schrieb bedächtig und theaterklug Botho Strauß, der großartige Protokollant bundesrepublikanischer Befindlichkeiten, genau und ebenso poetisch. Nicht zu vergessen der neunmal neunmalkluge Dramaturg Dieter Sturm. Claus Peymann freilich hat sich gleich wieder auf und davon gemacht, seinen «Peer Gynt» übernahm Stein und machte ihn zu einer der wirklich wesentlichen Aufführungen der Zeit, aus dem frohen Geiste des Hanswurst der Neuberin, unvergessen! Wie so viele andere, welch ein Triumph für den so oft geschassten Peter.
4 Was war ihm die Musik zu jenen Zeiten? Hatte er je ein Instrument gelernt? Hat er im Hannöverschen Kinderchor gesungen? Einmal sagte er, er habe im dahinsausenden Automobil Verdi gehört und war: beeindruckt. Das hatte Folgen. Wie bei so vielen Theaterregisseuren richtete sich auch sein Blick auf dieses seltsame Notengebäude, die scheinbar verschlossene Welt der Oper. Impresario Rolf Liebermann lud die Könige von der Schaubühne, Stein und Grüber, im Doppelpack zum «Ring» an die Pariser Oper ein … das, Alberich, schlug fehl.
Die Tüftler von Berlin hatten sich nicht durchsetzen können, das gedehnte Notengedöns Wagner’scher Prägung stand der hell-aufklärerischen Perspektive der genauen Überbaudebatte, die sich in den ästhetischen Erscheinungen widerspiegeln sollte, entgegen. Da blieb der Ring liegen, blank und unvollendet, Stein oder auch der ingeniöse Grüber sollten sich – welch Jammer! – nie mehr ins nationale Nibelungenland bewegen. Vorbei? Da sagt Mephisto: «Welch dummes Wort!» Trotzig wie so oft, begann Stein wieder von vorne. In Cardiff und letztlich im zuckrigen Salzburg, in dem man den Schaubühnenchef am wenigsten vermutete.
Mit dem Sänger Matthias Goerne inszenierte er einen eindringlichen «Wozzeck». Nahe bei Büchner, ohne Regiekaspereien, hermetisch fast und streng, ein Vorbild der Regiekunst. Claudio Abbado und er formten einen armen «Wozzeck», der keinen Vergleich mit anderen großen Exemplaren (Chéreau!) scheuen musste.
Zwar hatte er in Amsterdam Schönbergs Meisterstück «Moses und Aaron» – wie man las – überfrachtet in den Wüstensand gesetzt, aber welch schwere Aufgabe. Er habe seine Arbeit mit einer Reihe ungewohnter Einfälle aufgepolstert. Er, der in relevanten großen Bögen dachte und Bilder aus Texten mit fast wissenschaftlicher Genauigkeit herauslas, konnte nicht überzeugen, das gewaltige Stück blieb widerspenstiger Ritualakt.
5 Im Sommer 1991 hatte der kapriziöse, allen Moden zugewandte Dr. Gerard Mortier, der neue Salzburger Intendant, ihn zum Schauspielchef befördert. Da saß er, der seine Schaubühne überraschend verlassen und im Stich gelassen hatte, wieder ganz oben auf dem Ross. Nachdem er gezögert, verhandelte er hart und schob endlich dem Schauspiel wieder die angestammte Bedeutung zu. Er war überragend und formte nach seinem Gutdünken. Das konnte in dem intriganten Gefüge der Salzburger Festspiele nicht gut gehen. Das gefiel eben auch dem wendigen Zeitgeistsurfer Dr. Mortier nicht besonders, beide, zu Beginn Brüder im Geiste der internationalen Karriereleitern, zerstritten sich lauthals, Stein wurde hinausgeschubst und ging, nicht ohne einige hässliche Worte auf der Hofstallgasse liegen zu lassen. Die Gründe dieser beiden Streithansel sind vergessen, waren es napoleonische Eifersüchteleien? Zwei putzige Streitjockel springen auf und nieder. Ich vermute – aus Erfahrung –, dass Stein, dieser ungeheuer fleißige Künstler, im Recht war. Protagonistenkampf, wie er in Salzburg an der Tagesordnung war und ist, übelste Nachrede ist der Intriganten liebstes Mittel. Alexander Pereira holte Stein zurück zur Oper, zuvor inszenierte er auf der Pernerinsel, dem Ort, den er erfunden hatte, einen merkwürdig steifen «Ödipus», an seine brillante «Orestie» von ferne erinnernd. Wäre da nicht der imposante Brandauer gewesen …
Nach Moskau ging immer wieder sein Weg, nach Zürich, an die Scala, und wieder nach Salzburg, zuletzt «Fierrabras», Schuberts etwas wirrer romantischer Bilderbogen, der ging ihm nicht leicht von der Hand. Und «Macbeth» ebendort?
Der junge Stein, der sich stets mutvoll an die Arbeit machte, war ja ganz und gar verblasst. Doch welche Könnerschaft zeigten seine großen Projekte wie «Orestie», «Faust», sogar «Wallenstein»! Ja, zaghaft fast, ging er zu Werke, sich bald hinter verwaschenem Verdikt der sogenannten Werktreue verkriechend. Trotzig stand seine überragende Theaterkunst auf der Stelle, wo war bloß seine begeisternde, oft knurrige Bewegung verloren gegangen? Hatten ihn die Institutionen so abgeschafft? Hat er aufgegeben, weil er spürte, dass die Zeit des neuen Räuberhauptmanns Frank Castorf unsere wohlgefüllten Bilder vielerlei Versöhnlichkeiten schnell mit genialem Schwung abserviert hatte? Jedenfalls wurde er miesepetrig, schimpfte auf die neuen Generationen, wie er einstmals Zadeks «Unterhosenshakespeare» gegeißelt hatte. Der setzte dem – very cool – ein «Boulevardheini» entgegen.
Aber wie ungerecht ist das: Findet doch jede Zeit ihren eigenen Ausdruck, auch auf den Bühnen unseres Landes. Nichts ist von Dauer, außer vielleicht die Abende der unsterblichen Pina Bausch. Kluge Regisseure gibt es ja die Menge. Und Innovationen zu Hauf seit den Castorf’schen Umwälzungen.
Die Flüche des Hebbel’schen Meister Anton, der die Welt partout nicht mehr einsehen konnte, sollte uns Altvordere schon schrecken.
6 Seit geraumer Zeit hat sich Stein, wohl der bedeutendste deutsche Regisseur neben Grüber und Zadek – und der bleibt er – im südlichen Umbrien bei Amelia eingerichtet. Da, wo die Zitronen blühen und wir unter Feigenbäumen im Schatten liegen können. Er hat Öl und Wein und eine große Probebühne, er könnte sich zufrieden zurücklehnen und auf seine Lebensbahn schauen.
Er hat doch in der ganzen Welt inszeniert, viel auf der gängigen Straße des Belcanto seines Freundes Verdi. Wenn er denn weitermachen wird, warten wir auf «Lulu», auf Schreker und Nono, auf «The Rake’s Progress» … auf Rihm und Reimann.
Ich wünsche dem alten Meister in immer großer Bewunderung ein langes Leben. Herzlichen Glückwunsch zum Achtzigsten!
P.S. Einst saßen zwei Mümmelgreise, blind und blöd, auf einer weiten Ebene wie die bei Norcia, in Sturm, Regen und Wetter. Neben ihnen kauerten ein witzloser Narr, ein frierender Herumtreiber und ein armseliger Freund. Die waren übrig. Das pfeifende Getöse der wilden Natur übertönend, schrie der eine dem anderen ins Ohr: «Wir haben das Beste unserer Zeit gesehen …» Den Rest verschluckte der heulende Wind und trieb Tränen auf faltige Wangen.
Jürgen Flimm, Theater- und Opernregisseur, leitete das Kölner Schauspielhaus, das Thalia Theater in Hamburg, die Ruhrtriennale und die Salzburger Festspiele. Seit 2010 ist er Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden.