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Filme und Serien

Oktober 2017

Victoria's Secret. Judi Dench spielt die Kaiserin von Indien

Beide kennen sich aus mit Königinnen: Judi Dench und Stephen Frears. Dench erhielt den Oscar für ihre Darstellung von Elisabeth I. in „Shakespeare in Love“ – ein Kurzauftritt voll majestätischer Verve. Das war 1999 und sie war 65. Ein Jahr zuvor war sie bereits Oscar-nominiert für „Ihre Majestät Mrs. Brown“ – die Geschichte von Queen Victoria und ihrem schottischen Diener John Brown, der nach dem Tod von Prinzgemahl Albert zum Unwillen des Hofes großen Einfluss auf die in Trauer zurückgezogene Herrscherin erlangte und wohl weit mehr als ihr Lakai und Sicherheitschef war. Frears porträtierte 2006 in „The Queen“ die dritte große britische Herrscherin, Elizabeth II., und verhalf damit Helen Mirren zum Oskar.

Beide kennen sich auch: Dench hat die Titelfigur in Frears’ „Philomena“ (2013) gespielt. Da gab sie, ganz unherrscherlich, eine alte irische Krankenschwester, die sich mit einem Journalisten auf die Suche nach ihrem Sohn begibt, den sich als uneheliches Kind jenen Nonnen, die sie entbunden hatten, zwangsweise zur Adoption überlassen musste: ein etwas kolportagehaftes Sozialdrama aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts – mit einer brillanten Dench im Zentrum.

„Victoria und Abdul“ ist gleichsam die Fortsetzung von „Mrs. Brown“, denn Abdul, der indische Diener, in den sich die Königin verguckt, kommt 1887, vier Jahre nach Browns Tod, an den Hof und wird wie sein Vorgänger freundschaftlicher Vertrauter und politischer Einflüsterer der Queen. Tatsächlich war das reale Vorbild Mohammed Abdul Karim ein – Fotos nach zu urteilen – eher korpulenter Mann, der es mit einiger rasputinhafter Geschicklichkeit zum „Munshi“, zum spirituellen Lehrer der Königin brachte.

In Stephen Frears’ Film spielt Ali Fazal die zweite Titelfigur – hübsch, alert, allzu sehr so, dass der eher harmlose Eindruck entsteht: Hier verliebt sich eine alte Dame, die ein Auge für jüngere Männer hat, ein allerletztes Mal. So weit, so melodramatisch – und doch nicht viel mehr als eine Art Yellow-Press-Bio-Pic des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Auch was Bildwelten und Ausstattung anlangt, scheint man auf dem Kommerz-Olymp gelandet. Beim Aufbruch von Karim aus Indien gibt es Pittoreskes wie aus „The Best Exotic Marigold Hotel“; und bei Hofe sieht man Uniform- und Gala-Bilder wie aus einer Folge von „Downton Abbey“. All das wäre kaum erwähnenswert, gäbe es nicht Judi Dench und ihre Darstellung der Victoria: ein Naturereignis als Kulturerlebnis.

Wer Judi Dench vornehmlich als M aus den sieben „James Bond“-Filmen kennt, in denen sie die Geheimdienst-Chefin verkörperte, erinnert sich an eine selbstbeherrschte und british coole Dame, die selbst ihr Sterben in den Armen Bonds mit Würde meistert („Skyfall“, 2012). Für Victoria geht Dench bis an die Ursprünge und Grenzen ihrer Schauspielkunst. Die hat ihre Wurzeln im Theater, wo das Publikum aus der Entfernung zuschaut und ein gestischer oder mimischer Ausdruck durchaus „größer“ sein darf. Beim Film ist die Kamera immer nah dran. Dench kondensiert das Theatralische nach innen, in den von Korsett und Stoff verpanzerten Wanst (sie ist, dem historischen Vorbild gemäß, feist aufgepolstert). Dort lauert dann eine unbändige, ungebändigte Energie.

Die Berg- und Talfahrt der Kamera (von Danny Cohen) durchs Faltengebirge des Gesichts lässt erschrecken vor dem Mut, mit dem Dench sich für ihre Figur entblößt. Das ist ungeschminktes Alter. Und die Alte, die sich so zeigt, ist weiß Gott nicht ansehnlich oder angenehm. Beim Galadiner, an dem sie Abdul zum ersten Mal sieht, präsidiert Victoria am Kopfende wie eine alte Kröte, schlingt, schlürft, schnaubt, schläft, schnarcht. Ein königliches Monster mit schlaffer Haut, bräunlichen Zähnen und klaffenden Lücken im Gebiss, das sich gehen lässt. Und das, wachgeküsst vom unverwandten Blick des jungen Inders, zum Leben erwacht: Erst glimmen die Augen auf, dann strafft sich der fette Leib – und selbst die gichtigen Finger scheinen sich elegant zu verjüngen...

Judi Dench entdeckt in der statuarischen Königin die stattliche Bäuerin, in der giftigen Greisin die neugierige Frau, in dampfiger Gier kokettes Begehren. Sie entfaltet durch ihre wie natürlich anmutende SchauspielKUNST ein Solo für Victoria, das zugleich völlig geerdet ist und doch luftigleicht hergestellt scheint. So landet sie sicher und zu Recht wieder mit einer Oscar-Nominierung in Hollywood...

Michael Merschmeier

„Will“ & wild. Shakespeare als Serien-Held

„Will“, eine TNT-Serie über William Shakespeare, war seit Ende Juli im Wochen-Rhythmus jeweils am Dienstagabend auf Sky zu sehen – und danach dann im Sky-Archiv abrufbar. Ich war immer wieder dienstags (oder ein, zwei Tage später via Archiv) dabei. Ab Anfang Oktober aber ist „Will“ bei Sky abgeschaltet und nur noch bei Amazon zu kaufen. Dafür gibt es jedoch gleich alle 10 Folgen (aus deutsch und englisch, nach Wahl) im Paket für 20 €. So will es das Geschäftsmodell.

Es lohnt sich. Auch für die Zuschauer! Zum einen erzählt die Serie das Leben des jungen William aus Stratford, der ins schmutzige Sündenbabel London kommt, um dort sein Glück als Theatermacher zu finden – ein schön zusammengebündeltes Märchen aus allem, was man weiß, zu wissen glaubt und nicht weiß über den letztlich doch unbekannten und geheimnisvollen Handschuhmacher-Sohn W.S., der sich so urplötzlich als großer dramatischer Dichter entpuppt wie der Schmetterling aus der Raupe.  

Hier gibt es, denn wir sind ja in einer Unterhaltungsserie, keine (literatur-)geschichtlich motivierten Zweifel, stattdessen viel klares Gut und Böse. Shakespeare ist Katholik (!) und ein grundguter Kerl, der sich durchschlägt im elisabethanisch-anglikanischen Intrigen-Dschungel der ewig jungfräulichen Königin. Deren Schergen machen nicht nur Katholiken, sondern auch Theaterleuten das Leben schwer. Haupt-Bösewicht ist Richard Topcliffe, auch in der überlieferten Real-Geschichte ein königstreuer Lenker und Henker. Haupt-Antipode und Freund-Feind von Shakespeare ist Christopher Marlowe, schwuler Dandy-Poet und düsterer Geheimagent, der ebenso genialisch geil wie selbstzerstörerisch die Kunst-, Politik- und Kneipen-Szene aufmischt.

Es wird in „Will“ überhaupt intensiv gelebt und geliebt. Shakespeare verguckt sich, obwohl in Stratford verheiratet und Vater zweier Kinder, in Alice, die Tochter des Theaterprinzipals John Burbage, die fortan seine Muse ist – und außerdem noch praktischerweise seine Stücke perfekt nach Diktat aufschreibt und die Rollen kopiert. Private Dramen werden schnell zu Staatsaffären, persönliche Not ist umstandslos Auslöser großer Tragik. Aber anders als in den thematischen Vorgänger-Filmen „Shakespeare in Love“ und „Anonymus“ wird in „Will“ nichts preziös und historienselig zelebriert, sondern es wird allemal beherzt und alltagstauglich zugelangt. Theatermacher sind eben mindestens so sehr Handwerker wie Künstler. Theater bedeutet: Kasse und Kunst.

Und das ist das Spannende an „Will“: neben das schrill-bunte Sittengemälde aus gefährlichen Zeiten treten tatsächlich Shakespeares Dramen als Stoff-Lieferanten, die zudem jeweils einer Staffelfolge ein Thema vorgeben und – als Spiegel ihres Zeitalters – in deftig-saftiger Manier geprobt und aufgeführt werden. Eine Tragödie ist so immer komisch und auch krude. Eine Komödie immer auch ein politisches Pamphlet. Und zugleich bekommt der heutige Zuschauer – als Komplize des plot- und effekt-gierigen Londoner Publikums – eine Art Schnelldurchlauf durch den Kosmos der elisabethanischen Ära. Quintessenz: Eigentlich war Shakespeares dramatisches Werk schon eine Art horizontal erzählter Serie und der Head-Autor mit Marlowe und anderen im Writers Room...

Die Szenerie entspricht der erzählten Zeit, aber manche Kostüme und vor allem die Darsteller entfalten die Figuren sehr „modern“, als hätten Punks schon das späte 16. Jahrhundert bevölkert. Laurie Davidson gibt dem Titelhelden neben eleganter, schwebender Schönheit lebenspralle Handfestigkeit und schraffiert damit prototypisch den schauspielerischen Grundgestus der Serie. Alle sind eben auch (Über)Lebenskünstler. Am gefährdetsten ist dabei Marlowe, den Jamie Campbell Bower mit dem Charme eines eiskalten Todesengels aus einem Spätrenaissance-Berghain ausstattet. Und Ewen Bremner als Topcliffe schließt in seiner brutalen Besessenheit und blinden Blutgier an die Rage des Junkies an, den er in „Trainspotting“ (1996) spielte – als wären die vergangenen 20 Jahre nur eine Sekunde her...

Da schließt sich der Kreis: „Will“ ist am Puls unserer Gegenwart, trotz der „alten“ Geschichte. Es geht ums Überleben in unsicheren Zeiten. William agiert wie ein Digital Native – nur ohne Internet. Head-Writer und Ideen-Geber von „Will“ ist der australische Drehbuchautor und Schauspieler Craig Pearce, der mit und in Filmen von Baz Luhrmann bekannt wurde; zuletzt schrieb er das Drehbuch für „The Great Gatsby“ (2013) mit Leonardo di Caprio, zuvor für „Moulin Rouge“ (2001) und davor für: „Romeo und Julia“ (1996), in dem der gerade mal zwanzigjährige Leonardo di Caprio die Gang der Montagues gegen die Gang der Capulets anführte...

Leider wird es keine Fortsetzung von „Will“ geben. Der ganze große Erfolg an der Pay-TV-Kasse blieb anscheinend aus. An der Kunst kann es nicht gelegen haben. Aber vielleicht hätte ja auch Prinzipal Burbage Shakespeare Königsdramen knallhart vom Spielplan abgesetzt, wenn nicht ausreichend Publikum auf Fortsetzungen süchtig geworden wäre?

Michael Merschmeier

Link zum Making of des Films und zur Ausstattung.