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Filme und Serien #2

"Happy End" und "Transparent"

Todesspiele. Michael Hanekes „Happy End“ mit Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert

„Kein Tier wurde während der Dreharbeiten misshandelt“ ist ganz am Schluss des Abspanns von „Happy End“ zu lesen. Dabei ist gleich am Anfang ein Hamster in seinem Käfig verendet, nachdem ihn die 12-jährige Ève mit den Antidepressiva ihrer Mutter gefüttert hat. Sie hat sein Sterben mit ihrem Smartphone gefilmt. Ève hatte früher schon mal Beruhigungstabletten, die ihr nach dem frühen Tod ihres älteren Bruders verschrieben worden waren, im Ferienlager einem anderen Mädchen ins Essen gemischt, statt sie selbst zu nehmen; und danach dabei zugesehen, wie die andere langsam immer ruhiger wurde – und schließlich umfiel.

Kurz nach dem Sterben des Hamsters vergiftet Ève ihre Mutter, die bald darauf im Krankenhaus wegdämmert. Sie kommt zu ihrem Vater Thomas (Mathieu Kassovitz), einem Chirurgen, der schon seit langem von ihrer Mutter getrennt war und mit neuer Frau und neuem Kind noch immer in der Familien-Villa des Bauunternehmer-Clans Laurent in Calais lebt – zusammen mit seinem 85-jährigen Vater Georges und seiner Schwester Anne, die inzwischen das Geschäft führt.

„Kein Tier wurde während der Dreharbeiten misshandelt“. Aber die Menschen misshandeln sich – sich selbst oder andere. Eine großbürgerliche Familie, deren Fassade bröckelt. In der eine mörderische Enkelin wie Ève gar nicht auffällig wirkt, sondern nur ein ganz normaler Fremdkörper ist, wie alle anderen auch: Alle sind sich selbst und einander fremd. Großvater Georges beschäftigt sich unablässig mit dem Sterben – das ihm nicht gelingen will, weder bei der Sterbehilfe in der Schweiz (er ist zu gesund), noch bei seinen diversen Selbsttötungsversuchen. Jean-Louis Trintignant spielt diesen agil Lebensüberdrüssigen mit einer stoischen Desinteressiertheit am Dasein, die nur dann und wann unterbrochen wird, wenn eine schöne Frau in seinem Gesichtsfeld auftaucht und das fast erloschene Feuer in seinen Augen wieder hell aufglimmt.

Als Ève einen Selbstmordversuch mit dem Rest der mütterlichen Antidepressiva unternimmt, ist pikanterweise Georges auserkoren, ihre Motive zu ergründen. Er sitzt nach einem bewusst verursachten Autounfall, den er nur lädiert leider überlebte, im Rollstuhl an seinem Patriarchen-Schreibtisch und versucht lange vergeblich, das Vertrauen seiner ihm fernen Enkelin zu gewinnen. Es gelingt ihm erst, als er ihr in einem Album Fotos seiner verstorbenen Frau zeigt, einer im Alter siechen, ehemals umwerfenden Schönheit, die er drei Jahre lang gepflegt – und dann erstickt hat.

Es gelingt ihm, weil er die Tat gesteht. Und sie ihn versteht. Die junge Fantine Harduin als Ève ist Trintignants erfahrungssattem Titanen-Spiel gewachsen; und beide halten vor allem Christian Bergers lakonischer Kameraführung stand, die mit gnadenloser Schärfe auf die Gesichter zielt. Jedes Stirnrunzeln, jeder Augenaufschlag, jede Pupillenerweiterung ist so ein Ereignis. Georges’ grenzgängerische Sterbehilfe-Geschichte stammt dabei aus Hanekes oskar-gekröntem Film „Liebe“ (2012), in dem Trintignant mit Emmanuelle Riva spielte – das gesamte Werk ein Fest der Schauspielkunst, an das diese Szene aus „Happy End“ bewusst anschließt.

Es ist wie so oft bei Haneke: Die von außen betrachtet halbwegs ordentliche Welt ist innen abgründig wie ein Ibsen-Drama und morsch wie bei den Buddenbrooks. Das Bauunternehmen der Laurents hatte lange Zeit floriert, aber es steht nun auf der Kippe zum Ruin. Ein Einsturz auf einer ungesicherten Baugrube verschärft die Situation. Hinzu kommt, dass der auserkorene Nachfolger, Annes Sohn Pierre (Franz Rogowski), trinkt und lieber nächtens in Karaoke-Clubs breakdancend auftritt als tagsüber den banalen Geschäften nachzugehen. Er wird von seiner Mutter entmachtet, die über ihren englischen Liebespartner Lawrence einen Kredit in der City ergattert – fürs Erste die Rettung aus prekärer Lage. Das erledigt Isabelle Huppert als Anne mit bewährt kühler Eleganz und schöner (Un-)Antastbarkeit, so, wie man sie von „Die Klavierspielerin“ bis „Liebe“ als Haneke-Protagonistin kennt. Ihr Gesicht ist glamouröse Fassade und gefährlicher Abgrund zugleich – und die Kamera liebt sie in ihrer natürlichen Künstlichkeit.

Diese Mutter Courage aus Calais hält ihre Bürgerwelt zusammen. Für das Fest in der Familienvilla zum 85. Geburtstag des Clan-Chefs Georges und auch für ihre Verlobung mit Lawrence (Toby Jones), die nach erfolgreichem Londoner Deal gefeiert wird, bringt sie die Haute Volée der Stadt zusammen, als gäbe es keine Selbstmordversuche ihres Vaters und keinen drohenden Ruin. Schwamm drüber und soziale Schminke aufgelegt. Selbst als Sohn Pierre ins Restaurant am Meer, wo die zweite Festivität stattfindet, die andere Realität Calais’ einschleust, ein halbes Dutzend schwarzer Flüchtlinge, die im „Dschungel“ am Kanaltunnel dahinvegetieren, gewinnt sie schnell wieder Fassung. Sie weist den Sohn ziemlich gewalttätig in die Schranken – und danach nonchalant den Überraschungsgästen einen runden Tisch zu: ihre Form der Integration, zum Entsetzen der anderen Geladenen.

Doch nicht die politische Dimension der weltweiten Migration bietet Haneke eine zweite Erzählebene – neben dem Abgesang aufs Bürgertum –, sondern das allgegenwärtige Internet. Schon seit „Bennys Video“ (1992) und „Funny Games“ (1997) hat die virtuelle Welt der Bild-Medien eine wichtige dramaturgische Funktion in seinen Filmen. In „Happy End“ wird sie nun durchgängig zum formalen Gestaltungsmittel. Der Film beginnt mit einem Video von Ève, in dem sie ihre Mutter beim Zubettgehen filmt und deren Handlungen in Text-Inserts kommentiert; danach sieht man einen weiteren Clip mit der Mutter in der Küche; später liegt sie auf dem Sofa, schwer atmend, kurz vorm Wegdämmern.

Immer wieder gibt es solche hochformatig kadrierten Smartphone-Sequenzen. Ève skyped außerdem mit einem gleichaltrigen Jungen, der ihr während dessen cool collagierte Kindheitsfotos von sich präsentiert. Und Thomas’ Affäre mit einer Gambistin spielt sich vornehmlich in einem verbal sehr freizügigen E-Mail-Verkehr ab; wir lesen zeitgleich mit den beiden Schreibenden deren Fantasien und sehen dabei: nicht sie, sondern nur einen Laptop-Screen. Als die Gambistin (gespielt von der Gambistin Hille Perl) auf Georges’ Geburtstagsfeier auftaucht und aufspielt – passiert zwischen den beiden nichts, außer intensivsten Augen-Blicken. Chat-Wichserei?

Haneke erzählt auf beiden Ebenen mit meisterlicher Routine. Der Regisseur ist das Auge des Zuschauers, der Zuschauer wird zum Voyeur der bürgerlichen wie der virtuellen Welt. Aber ist „Happy End“ auch ein Meisterwerk wie zuletzt „Das Weiße Band“ und „Liebe“? Auf jeden Fall ein souveränes Alterswerk. Allein schon deshalb, weil der Meister sich augenzwinkernd selbst zitiert. Direkt im Plot – aus „Liebe“. Aber auch in der Bilderdramaturgie: Es gibt eine ungeschnittene Szene, eine Kamerafahrt, die Georges Laurents minutenlange Rollstuhlfahrt durch eine belebte Straße von Calais begleitet, die ihn auf der Suche nach Migranten zeigt, die ihm vielleicht gegen Geld eine Waffe besorgen oder ihn zumindest vom Trottoir auf die Fahrbahn schubsen sollen. Mit einem ähnlichen Take begann auch „Code unbekannt“ (2000) in den Straßen von Paris.

Hier wie in vielen weiteren Passagen des Films ist die Kamera fern den Figuren (anders als bei „Liebe“), verharrt in der Totalen und lässt sie scheinbar selbstbestimmt laufen. Oft hört man dabei nicht, was gesprochen, was verhandelt wird, sondern kann es sich nur ex post erschließen, durch den Fortgang der Handlung. Die Verweigerung des normalen filmischen Erzählens birgt viel Freiheit. Für Regie und Publikum. Doch zu Hanekes hoher Kunst, in beiläufigen Bildern das alltägliche Grauen aus der Forscherperspektive zugleich ganz dicht an den Zuschauer zu bringen, gesellt sich in „Happy End“ eine mitunter fast ironische Leichtigkeit des Erzählens. Bonjour, tristesse! Die Tragödie kehrt als Farce zurück.

Michael Merschmeier

Willkommen bei den Pfeffermans. „Transparent“ geht in die 4. Staffel

Wer mit „Familie Hesselbach“ und „Die Unverbesserlichen“ fernseh-sozialisiert wurde und drum die „Drombuschs“ und die „Semmelings“ tunlichst vermieden hatte, glaubte sich imprägniert gegen jede Art von Familien-Serie. Bis 2014 „Transparent“ kam. Die etwas, nein: die ganz andere Familien-Serie. Jetzt ist die vierte Staffel auf Amazon Prime zu sehen. Was bisher geschah – darf man, will man, kann man nicht en detail erzählen. Es wäre zu viel, zu ausufernd. Und gemein gegenüber denjenigen, die mit Staffel 1 beginnen wollen, um – wie ich – noch nach Staffel 4 im besten Sinne Süchtige zu sein.

Was geschrieben werden darf, ist, worum es im Kern geht. Familie. Aber was für eine. Im Zentrum steht Prof. Mort Pfefferman. Soziologie-Professor. Verheiratet und geschieden, aber immer noch befreundet mit seiner ehemaligen Frau Shelly. Zwei Töchter – Sarah und Ali; ein Sohn – Josh. Jüdischer Herkunft, wie schon die Namen verraten. Man lebt im sonnigen Kalifornien. Zu Beginn von Staffel 1 ist der Herr Professor um die siebzig. Und beschließt, endlich das zu werden, was er schon immer war oder tief in sich spürte: eine Frau. Maura. In einem Männerkörper. Noch. Maura beginnt, Frauenkleider in seinem/ihrem Alltag zu tragen. Das tat er/sie zuvor nur einmal im Jahr und heimlich, bei Trans(en)-Treffen, die immer in einem dieser riesigen anonymen Hotelpaläste abgehalten wurden. Nur Shelly wusste davon. Judith Light spielt sie als mit allen Wassern gewaschene jiddische Mamme inklusive trockener Bissigkeit und gestähltem Körper.

Mort/Mauras Problem ist weniger, sich als schwere und schon alte Frau durch eine neue Welt zu bewegen in ihren wallenden Gewändern und darüber nachzusinnen, ob eine auch reale, also körperliche Geschlechtsumwandlung das Richtige sei. Das Problem ist die Familie, genauer: Es sind die Kinder. Denn Mort/Maura möchte sich zwar endlich selbstverwirklichen, aber dennoch Vater bleiben, Familien-Oberhaupt zumindest. Da Prof. Pfefferman Soziologe ist, kennt er die korrekten Begriffe: Er ist ein Transmensch, keine Transe. Und wenn er/sie Vater – später Moppa – sein und bleiben will, dann geht es um Transition. Um wirkliches Neuland. Deshalb der Titel der Serie: Trans-Parent.

Das hört sich vielleicht etwas abstrakt und ausgedacht an, ist es aber in der Serien-Realität kein bisschen. Das Genre von „Transparent“ ist Dramedy. Drama und Comedy. Doch nie sitcom-blöd, immer tragikomisch, witty, ja, vor allem auch vom Geist der jüdischen Selbstironie geprägt, mit ein bisserl Selbsthass garniert. Die Familie ist naturgemäß ein Bestiarium. Moppa Mort/Maura ist eigentlich ein/e MelancholikerIn auf der Suche nach Liebe und vom Wunsch nach Weltrettung aus dem Geist einer heroisch überwundenen (Selbst-)Diskriminierung beseelt. Jeffrey Tambor spielt diese/n grenzüberschreitende/n Gelehrte/n mit der schleppenden Grazie einer elefantösen Diva – und wurde in den USA mit vielen Preisen geehrt, u.a. dem Emmy und dem Golden Globe. Es gibt herrlich peinigende Szenen verkorkster Selbsterfahrung. Am schrägsten gerät der Aufenthalt von Mort/Maura in einem Feministinnen-Camp, wo Heteras und Lesben nach Töpfer- und Theorie-Workshops innig miteinander chillen, bis der noch nicht umgewandelte Trans-Mann sich als eben doch nur umgewandeter entlarvt...

Neben Mort/Maura prägen vor allem die Kinder das Geschehen. Deren sozio-sexuelle Biographien sind nicht minder eigenwillig als die ihres Erzeugers. Allesamt sind sie sex-süchtig (anders als ihre Mutter) – und ihre Sucht speist sich zweifellos auch aus der jahrzehntelangen Selbst-Versagung ihres Vaters. Was ein bisschen pathologisch anmutet, ist vor allem deftig und komisch. Es gibt wunderbare Szenen zwischen Josh (Jay Duplass), der junggesellig wild durch die Gegend fickt und seine Position als Musik-Produzent ausnutzt (wie Mr. Weinstein seine als Film-Produzent), um schließlich für eine lange Weile ganz brav an den Rockschößen eines weiblichen Rabbis zu hängen.

Die Älteste, Sarah (Amy Landecker), entdeckt während des Coming Outs ihres ehemaligen Vaters eigene lesbische Seiten an sich, verlässt zeitweilig Mann und Kinder, um ihre ehemalige Lieblingsschulfreundin zu heiraten – eine unglaublich komplizierte Hochzeitszeremonie ganz in Weiß! Und doch kehrt sie sporadisch zu ihrem Mann zurück, sobald sie mal wieder einen echten Schwanz braucht, nicht nur einen geschickt hantierten Dildo.

Ali, die Jüngste (Gaby Hoffmann), war schon seit je die Grenzüberschreiterin in der Familie, eine ewige Studentin, die mit potenten schwarzen Stallions und einer diesel-dykigen Professorin Sex hat und sich sehr auf das Coming Out ihres Vaters konzentriert, weil sie von Mauras Wirrungen und Moppas unverbrüchlicher Liebe ökonomisch profitiert: Sie ist, karrieretechnisch betrachtet, der Flop unter den Geschwistern – und braucht ständig elterliches Geld. Aus der Kinder Unordnung und Leiden erwachsen, mindestens so sehr wie aus Mort/Moppas Expeditionen in den Dschungel transgenderiger Identitäten, die komischen und die tragischen Episoden, in die man sich als Zuschauer alsbald so verliebt hat, dass man schon am Ende von Staffel 1 Familienmitglied sein möchte. Willkommen bei den Pfeffermans.

Jill Soloway hat „Transparent“ als Ideen-Geberin in die Welt gesetzt und als Show-Runnerin durch vier Staffeln geführt. Die Handlung reicht vom gegenwärtigen L.A. und Tel Aviv bis zurück ins Deutschland der späten Zwanziger und frühen Dreißiger. Hirschfeld und das Dritte Geschlecht tauchen in Rückblenden auf (und von Anbeginn als geheimnisvolle Bild-Motive im Vorspann-Trailer). Es geht also auch um die deutsch-jüdische Geschichte und den Holocaust. Transgender gab es schon damals, mit anderem Namen, aber die Gefährdungen waren doch existenziellere. In der Essenz aber ist vieles gleich geblieben. Darum ist und bleibt „Transparent“ auch ein politisches, ein aufklärerisches Serien-Projekt, zumal in den Zeiten der Trump-Turbulenzen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Schwarzer Humor, wenn es dabei ums Eingemachte geht. Davon verstehen jüdische Menschen und Trans-Menschen besonders viel. Unterm Strich ist „Transparent“ ein gewagter Balanceakt zwischen komischer Trauerarbeit und provokanten Identitätschoreographien, der mit professioneller und komödiantischer Chuzpe gelingt.

Michael Merschmeier