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Warum "La Traviata" nichts taugt

Der Tenor Christopher Gillett verdammt Verdis Hit

Deutsche Übersetzung: Lieblings-Dinge? Auf die Frage danach hatte ich noch nie gute Antworten parat, und doch komm ich nicht an ihr vorbei. Schon weil sie zu Kontoschutzzwecken so populär ist. Immer wieder werde ich gebeten, eine Farbe allen anderen vorzuziehen oder Haustier-Präferenzen anzugeben (ums Lieblingskind geht’s übrigens nie). Was soll ich sagen? Heute mag ich Blau, morgen vielleicht Rot. Den Hamster am Hund zu messen scheint mir so verwegen wie den Charakter eines Kricket-Spiels mit einer Käsesorte zu beschreiben (doch, das gibt’s). Richtig zum Schäumen bringt mich aber die Frage: «Was ist Ihre Lieblingsoper?» Kürzlich wollte ein namhaftes Musikmagazin von mir «die drei besten Opern aller Zeiten» wissen. Ich gab unter anderem Leoš Janáčeks «Kátja Kabanová» an – weil sie so schön kurz ist. Da kann man hinterher bequem noch in die Kneipe. Viel spannender wäre doch: «Mit welchem Machwerk wollen Sie nie wieder zu tun haben? Und: warum?» Ich werde dazu künftig an dieser Stelle Künstler aus diversen Branchen – Musik, Schauspiel, Film, Malerei – um Stellungnahme bitten. Und bei mir selber fang ich an. Meine Nemesis ist: Giuseppe Verdis «La traviata». Jaja, ich weiß. Zeter und Mordio! Wie kann das sein? Findet die nicht jeder toll, kriegt man damit nicht Säle voll? Aber das ist es eben, was die «Traviata» für mich zum Inbegriff all dessen macht, was mit der Oper heute nicht in Ordnung ist. Verdis Dauerbrenner ist ein Köder für Leute, die das Genre irgendwie ganz gern mögen, aber bittschön nur, wenn’s hübsche Melodien, Rüschenröcke und einen dekorativen Tod gibt. Auf einer Speisekarte wäre die «Traviata» das Schnitzel mit Pommes. Kein Koch hat Lust drauf, aber weil es unweigerlich bestellt wird, muss es eben sein. Nennt mir ein Haus, das die «Traviata» nicht im Repertoire hat – ich bewerbe mich sofort.

Zu Beginn meiner Karriere war ich so dumm (jung, brauchte das Geld), für eine Tournee-Produktion anzuheuern. Besetzt war ich für die Nebenrolle Gastone, außerdem hatte ich im Notfall als «Held» Alfredo einzuspringen, was dann auch zweimal der Fall war. Gastone ist mit Abstand die schlimmste Partie aller Zeiten: Ein grellfröhlicher Pimp, der im zweiten Akt eine gruselige Zigeunernummer mit Chor singen muss. Verboten werden sollte so was, grundlegende Menschenrechte sind hier bedroht, wo bleibt die Genfer Konvention...! Alfredo hingegen ist einfach ein Langeweiler. Hat er von seinem Vater geerbt, dem wahrscheinlich ödesten Mann der Welt. Hätte Violetta mich um Rat gefragt, ich hätte sie gewarnt: «Mach, dass du da rauskommst, Schätzchen, besser in einem Rattenloch verrotten als den Rest deines Lebens dieser Bagage ausgeliefert zu sein!» Ich hab noch andere Gründe für meine Abneigung. Die Kammerspiel-Momente machen sich ja ganz schön – aber die Partyszenen sind übel. Für jemanden, der nie auf einer echten Party war, mag die Feierei spaßig aussehen.  Aber proben Sie das mal. Es so viele Leute auf der Bühne, dass es eine halbe Ewigkeit und zähe Wiederholungen braucht, die Herde in Form zu bringen. Und auf der Bühne Abend für Abend falsche Fröhlichkeit, gelacktes Lachen zu produzieren, das ist von Folter nicht weit entfernt. Womit wir beim «Brindisi» wären, jenem Trinklied, zu dem Sie alle – Werbung, Galas, Klingelton – schon mal geschunkelt haben. Urplötzlich werden alle aufgeregt wie Teenager, die zum ersten Mal im Leben Alkohol schlürfen dürfen. Im Orchestergraben greift der Dreiertakt (um-pah-pah) um sich wie eine Grippe. Sogleich pflanzt sich der Tenor an der Rampe auf und schmettert seine Strophe frontal ins Publikum. Für den Chor das Stichwort, wild die Gläser zu schwenken oder unmöglich große Schlucke Champagner zu mimen. In irgendeiner Ecke schauspielert die Sopranistin um ihr Leben, blickt sanft aber lockend drein, flicht vielleicht hier und da ein leises Husten ein, um am Ende glaubhaft an Tbc sterben zu können. Die Nummer endet mit großem Geklirre in allgemeinem Anstoßen, oder – schlimmer noch – alle strecken pünktlich zur letzten hohen Note ihre Kelche in die Luft. Dies ist der Augenblick, an dem mir endgültig die Geduld ausgeht und ich die Oper vom Antlitz der Erde ausradieren will: Dieses Klischee aller Klischees ist eine Schande für die Kunst.  Eins schwör’ ich Ihnen: Wenn ich noch einmal ein Best-of-Opera mit «Brindisi» absitzen muss, werd ich zu einer ernsthaften Bedrohung für die Gesellschaft. Sperren Sie mich lieber gleich ein.  Aus dem Englischen von Wiebke Roloff