Ausstellung
I am a Problem
Eine Installation von Ersan Mondtag im MMK Frankfurt
Zeitgenössisches Ausstellungsdesign ist in der Regel so innovativ wie gemeißelte Grabsteine. Schräge oder gerade Wände, bunte oder gedeckte Hintergrundfarbe, helle oder dunkle Beleuchtung, viel oder wenig Text, das sind die berauschenden Alternativen für die Installation von Kunst in deutschen Museen. „I am a Problem“, der Titel der aktuellen Sammlungspräsentation des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt, lässt sich also problemlos als Selbstreflexion des kuratierenden Betriebs verstehen, die schulische Langeweile von Standards mal zu hinterfragen.
Der vom Künstlerduo „Plastique Fantastique“ realisierte schwarze Bandwurm windet sich durch den gelben Darm von Maria Callas. Im Hintergrund Bilder von Bettina Rheims, im Vordergrund eine Tabledance-Plattform nach Felix Gonzalez-Torres, auf der jeden Mittwoch abend eine Go-Go-Tänzerin still zu Musik aus ihrem Walkman tanzt
Tatsächlich muss man die Exponate in dieser Ausstellung zu Identitätsproblemen im Kapitalismus im Magen von Maria Callas zusammen mit einem Bandwurm ansehen. Ersan Mondtag, der vielleicht kunstinteressierteste Regisseur der U30 -Generation im deutschsprachigen Theater, war von Interims-Direktor Peter Gorschlüter eingeladen worden, den Besitz des Hauses einmal zu inszenieren anstatt nur zu präsentieren. Und Mondtag hat eine zunächst komplett spinnert wirkende Idee zum Ausgangspunkt genommen, um eine assoziative und streckenweise überfordernde Schau zum Thema „Selbstoptimierung“ zu bauen.
Denn der Bandwurm, den sich Maria Callas angeblich 1953 mit einem Glas Champagner einverleibt hatte, und der dafür verantwortlich gewesen sein soll, dass die übergewichtige Sängerin in kürzester Zeit 50 Kilogramm abgespeckt habe, ist natürlich ein Klatschdrache. Bandwurm-Diät funktioniert nicht und macht nur schwer krank. Aber als Mythos vom Kampf mit den Körperbildern ist dieser Hoax vom Diät-Parasit der Opern-Diva natürlich ein wunderbarer Aufhänger, um lang mäandernd über die krankmachende Verdauung von Idealen nachzudenken.
Am Darmeingang der Ausstellung begrüßt den Besucher Joseph Beuys, der für Luis Mommartz 1969 elf Minuten unbeweglich in eine Videokamera gestarrt hat, als Fleisch gewordene „Soziale Plastik“
Den verschlungenen Gang durch die MMK-Dependance im TaunusTurm hat Mondtag deshalb mit gelber Lastwagenfolie dort ausgeschlagen, wo man sich im Darm der Sängerin befindet. Begleitet wird der Innereienspaziergang von einem schwarzen Riesenschlauch als Bandwurm, in dem ebenfalls (dann doppelt verdaute) Kunstwerke im Hohlraum leuchten. Zur Hälfte der Ausstellung wechselt man in schwarzes Ambiente und befindet sich im Inneren des Mitessers, um fortan in morbider Finsternis zu wandeln. Dazu sprechen Schauspieler des Thalia Theaters unter Schallduschen Texte von Thomaspeter Goergen, dem Dramaturgen von Ersan Mondtags Durchbruch-Inszenierung „Tyrannis“ in Kassel.
Rosemarie Trockels „Frau ohne Unterleib“ wird umrahmt von Marlene Dumas Aquarell-Porträts unheimlicher Frauenkörper
Ergänzt um lange Wandtexte, die man bei diesen Lichtverhältnissen nur lesen kann, wenn man sein Handyakku mit der Taschenlampenfunktion verbraucht, ist der Input dieser besonderen Inszenierung natürlich viel zu viel. Vor allem die literarischen Phantasien aus den Lautsprechern, die kompliziert erfundene Monologe und Dialoge der ausgestellten Künstler zu Gott, Körper und Tod vortragen, sind nicht wirklich in Zusammenhang mit der Kunst zu bringen.
Traurige Selbstoptimierung durch den Künstler Martin Honert, der ein Foto von sich als verstörtem Kind als Plastik ausgeformt hat. In der Ausstellungsinszenierung von Ersan Mondtag blickt der Junge großäugig auf Taryn Simons Fotos von Schönheitsoperationen und der operativen Wiederherstellung der Jungfernhaut einer jungen Palästinenserin
Aber sie wirken in ihrer rätselhaften Manier doch kunstvoll genug, dass man sich überall kleine Satzperlen herausfischt: „Etwas zwingt uns zur Barbarei, indem es uns ständig zur Hochkultur auffordert“, zum Beispiel, oder „Verstehen ist die Suche nach Gemeinschaft!“ Dagegen: „Selbstoptimierung ist Krieg!“ und „Wer sich mit anderen vergleicht, zwingt anderen den Vergleich auf!“ Eine Menge Gedanken mit Ausrufungszeichen also, die weniger als Verständnisangebote gemeint sind, denn als Kur vom Optimierungswillen, dem wir anheim gefallen sind.
In der radikalen Kernthese, die jeden Besucher am Darmeingang empfängt, klingt das so: „Das Streben nach Perfektion führt ultimativ zu Aggression, Fanatismus und Gewalt“. Und in den Werken der 38 Künstlern aus dem MMK-Reservoir ist der Schmerz, den die Selbstanpassung an verrückte Ideale verursacht, dann auch ständig präsent. Als Spuren von Schönheitsoperationen in den Fotografien von Taryn Simon und Bettina Rheims, als Selbstverstümmelung von Disney-Figuren durch Paul McCarthy, oder in den Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe, die Ilja Clemens Hendel fotografiert hat.
Der Abguss einer Leiche von Teres Margolles vor einer Arbeit von Vanessa Beecroft. Im Hintergrund der Darmausgang des Bandwurms, in dem sich eine Arbeit von Sturtevant nach Paul McCarthy befindet, die nicht für Kinderaugen geeignet sei
Gleich zu Beginn des Parcours wird Joseph Beuys als selbstoptimierte Ikone einer sozialen Plastik in Frage gestellt. Die Konfetti-Menge von 150 Kilogramm, die dem Lebendgewicht des Künstlers Markus Sixay 2003 entsprach, lädt zum Spaßbad ein vor der berühmten Benetton-Werbung mit dem Aids-Kranken von Oliviero Toscani. Und Teresa Margolles inszeniert ihre Totenkunst zum Thema Selbstoptimierung durch Drogenhandel, indem sie die Waschung eines Opfers vor der Obduktion zeigt, die man von einer Betonbank aus betrachtet, die mit diesem Leichenwasser hergestellt wurde. Und auch Arnulf Rainer, Rosemarie Trockel, Robert Gober oder Marlene Dumas beschäftigen sich am Ende des Darms mit dem unvermeidlichen Tod, der allem Wunsch nach körperlicher Ewigkeit ätzend ins Gesicht lacht.
Vanessa Beecrofts inszeniert seit Jahren Schein und Sein der Glamour- und Konsumwelt. Hier bebildert sie das Thema der „Selbstoptimierung“ durch zwei Fotografien nackter Frauen in militärischer Aufstellung, die sie in dieser Version digital bekleidet hat
Doch bevor man diese inspirierende Kunstperistaltik wieder als biologischer Abfall verlässt, kann man in einer Seitenkammer noch ein Blick hinab in das Foyer des TaunusTurms werfen. Spindeldürre Damen gehüllt in Kleidungsstücke, die mehr kosten als eine Putzfrau im Monat verdient, und hektische Anzüge mit Mobiltelefon am Ohr halten hier die vollverglaste Drehtür in Schwung. Mit all der Kunst im Rücken kommt man nicht umhin, sich zu wünschen, dass diese Selbstoptimierten einmal kurz innehalten und den Titel der Ausstellung laut aussprechen.
Text und Fotos: Till Briegleb
Die Ausstellung im MMK Frankfurt ist noch bis zum 18. Februar 2018 zu sehen.
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Im Glas der Fotografie von Bettina Rheims super-selbstoptimierter Schönheit spiegeln sich die Besucherbakterien
Andy Warhols Kelloggs-Box im Inneren des Bandwurms, auf dessen schwarzglänzender Haut sich das Motiv zum Ausstellungsmotto spiegelt: die Maske zu Will Benedicts Video „I am a Problem“, die den Titel trägt „Comparison leads to Violence“ (Vergleichen führt zu Gewalt).
Teresa Margolles arbeitet seit vielen Jahren mit Elementen und Symbolen aus einem Leichenschauhaus in Mexiko, wohin die meist jungen Opfer des Drogenkriegs oder des Drogenmissbrauchs zur Obduktion gebracht werden. In „I am a Problem“ sind unter anderem zwei Gipsabdrücke von Toten wie antike Sarkophage aufgestellt
Der zweite Abdruck einer obduzierten Leiche steht vor der berühmten Benetton-Reklame von Oliviero Toscani mit dem an AIDS sterbenden AIDS-Aktivisten David Kirby
Der Künstler Markus Sixay ließ 2003 150 Kilogramm Konfetti herstellen, was seinem damaligen Körpergewicht entsprach. Ein Teil dieser Konzeptmasse wird in einem Spaßbad vor Toscanis Benetton-Reklame ausgeschüttet, was manchen Besuchern dann auch richtig Spaß macht
Während Bruce McLean schwule Sexphantasien in Schweinchenrosa ausmalt, dokumentiert Teresa Margolles die Waschung einer Leiche vor der Obduktion. Der Beton für die Bank, von der aus man das kurze Video ansehen kann, wurde mit dem Leichenwaschwasser angerührt
Bruce Naumans Arbeit „Perfect Balance“ von 1989 zeigt einen abgeschlagenen Kopf mit raushängender Zunge über dem Video-Bild eines Stinkefingers und thematisiert damit die hämische Reaktion auf Gewalt in der Gesellschaft
Die Serie „Cadaveri“ (Leichen) von Arnulf Rainer besteht aus Fotografien von Totenmasken, deren erschreckende Merkmale er mit Übermalungen besonders hervorhebt