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Theaterfotografie #9

Der Raum ist mein Gefäß

Bernd Uhlig ist immer in Bewegung

Von Florian Zinnecker

Fotografie bedeutet für Bernd Uhlig vor allem: Kampf mit dem Rechteck. «Das ist die Form, mit der ich seit Urzeiten arbeite und die ich ständig neu auszureizen versuche», sagt er. Das ist eine unendliche Geschichte: alle Spielräume zu nutzen, die Begrenzung zu sprengen – ich glaube, wenn mir dazu nichts mehr einfällt, ist es vorbei.» Bernd Uhlig, geboren 1951 in Heidelberg, gab sein Debüt als Opernfotograf bei den Salzburger Festspielen 1992 – genauer, bei der Mozart-Oper «La finta giardiniera» 1992 in der Regie von Ursel und Karl-Ernst Herrmann. «Die Herrmanns haben mich zur Oper gebracht», bekennt er, «und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.» Hineingeschnuppert in das Genre hatte er schon bei einer «Zauberflöte» in Brüssel, der Sommer in Salzburg gab dann den Ausschlag. «Ein fantastischer Sommer, nur schönes Wetter, die Nächte nach der Arbeit im Fotolabor endeten immer im berühmten Stadtkino – das alles hat eine sehr große Begeisterung bei mir entfacht.»

Heute ist Uhlig einer der Stammfotografen in Salzburg, arbeitet außerdem für La Monnaie in Brüssel, die Opéra national de Paris, die Deutsche Oper und die Staatsoper in Berlin sowie die Häuser in Köln und Hamburg. Er hat Produktionen mit Frank Castorf, Andrea Breth, Heiner Müller, Peter Stein, Sasha Waltz, jüngst auch von Krzysztof Warlikowski und Romeo Castellucci dokumentiert. Aber der Beruf ist nicht nur Beruf. «Wenn ich daran nicht auch privat Vergnügen hätte, würde ich das nicht als Job machen», sagt Uhlig. «Ich schätze, das geht allen Kollegen so, die Theater fotografieren.»

Sein Handwerk lernt Bernd Uhlig während einer Fotografenausbildung an der Staatlichen Fotoschule in München. Seine Leidenschaft für die Fotografie erwacht schon im Kunstunterricht in der Schule: «Fotografie war für mich schnell mehr als nur Familienfotos.» Mit 20 kauft er sich seine erste Spiegelreflexkamera. Nach der Ausbildung zieht er nach Hamburg, arbeitet als Bildredakteur der «Welt am Sonntag», fotografiert für den «Spiegel», den «Stern» und andere große Blätter – vor allem Demonstrationen und Straßenschlachten. Auf dem Hamburger Fischmarkt sprechen ihn junge Schauspieler an, die Straßentheater machten. «Das gefiel mir, ich fühlte mich sofort angezogen.» Er erfährt, dass sie eine freie Truppe gründen wollten, schließt sich ihnen an und ist drei Jahre lang Schauspieler im Straßentheater, neben der Arbeit als Fotograf. Eine befreundete Truppe aus Stockholm bittet ihn eines Tages, ihr Stück zu fotografieren: eine Adaption von Gabriel García Márquez’ Roman «Hundert Jahre Einsamkeit». «Das war fantastisch», sagt Uhlig. «Ich war völlig begeistert – und das war’s. Von diesem Moment an hatte mich das Theater gefangen.»

Zunächst fährt Uhlig zweigleisig. «Theater war mein Luxus. Ich habe mich darauf gestürzt, weil ich davon nicht leben musste. Mein Geld habe ich im Journalismus verdient.» Dann beschließt er, sich zu spezialisieren – «ich habe gemerkt, dass es das war, was ich am besten konnte. Und dann dauerte es auch nicht lange bis zu meiner ersten Oper. Manchmal passiert es ja, dass einen das Glück an den Ort bringt, der richtig ist.» 

Die Bilder erarbeitet sich Uhlig über einen längeren Zeitraum. «Ich habe viele Jahre mit Stativ gearbeitet, das mache ich schon lange nicht mehr. Ich bewege mich katzenartig durch den Zuschauerraum, so, dass es möglichst niemandem auffällt, und laufe die Perspektiven ab. Ich weiß dann genau, welche Situation ich von welchem Punkt aus angehe. Manchmal verwerfe ich den Plan dann auch absichtlich – aber das gehört mit zum Erarbeitungsprozess.» Die erste Probe verlässt Uhlig mit mehreren hundert Bildern in der Kamera, von Probe zu Probe reduziert sich die Zahl. In die erste Auswahl schaffen es höchstens 30. 

Gute Fotos passieren nicht einfach so. «Ich gehe immer vom Raum aus; der Raum ist mein Gefäß. Ich sehe die Bilder, die Möglichkeiten – und dann ist es der Impuls, der das Bild prägt. Gute Bilder entstehen aus dem Prozess heraus. Es ist nicht so, dass ich beim Fotografieren bewusst überlege – denn Überlegen braucht Zeit, und diese Zeit habe ich nicht. Aber es arbeitet in meinem Kopf.»

Sein Lieblingsfoto zeigt einen Ausschnitt der Inszenierung von Mozarts «Idomeneo», die Ursel und Karl-Ernst Herrmann im Jahr 2006 erarbeiteten. «Dieses Bild ist perfekt», meint Uhlig,  «ein extremes Beispiel für das, was ich mit der Beherrschung der Form meine.» Und mit dem Ausreizen des Spielraums, den das kleine Rechteck bietet.