Inhalt

Prima inter Pares?

Tanzdirektorinnen in der Krise

Von Dorion Weickmann

Es gibt ein weibliches Herrschaftsgebaren, das sich am besten mit dem Signet «Eiserne Lady» kennzeichnen lässt. Gerade so, nämlich mit strenger Hand, regierte Monica Mason das Royal Ballet London bis 2012. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals präsidierte zur selben Zeit die nicht minder durchsetzungsfähige Brigitte Lefèvre dem Ballet de l´Opéra de Paris. Inmitten all der Anzugträger, die das Tanzparkett von Amsterdam (Ted Brandsen) über Moskau (seinerzeit Sergei Filin) bis nach San Francisco (Helgi Tómasson) bevölkerten, wirkten die beiden Prinzipalinnen geradezu wie Paradiesvögel. Sie waren und blieben die Ausnahmen im Herrenclub. Zugleich bewährten sie sich als äußerst kreative Gestalterinnen – ohne eigene choreografische Ambitionen. Stattdessen holte Lefèvre namhafte Künstlerinnen ans Palais Garnier, zum Beispiel Pina Bausch, die seit 1973 die Leitung der Wuppertaler Tanzsparte innehatte. Ein Langzeit-Engagement, das schockartig im Sommer 2009 mit dem Tod der Choreografin endete.

Seitdem sind neun Jahre vergangen. Neun Jahre, in denen das bis dato recht stabile Patriarchat in den Direktionsetagen bröckelte. Das macht sich auch im Stadt- und Staatstheaterrahmen bemerkbar. Derzeit leiten Frauen die Tanzensembles von Schwerin, Gelsenkirchen, Heidelberg, Gera, Karlsruhe, Würzburg, Zwickau-Plauen, Trier, Hof, Chemnitz, Rendsburg, Rostock, Linz, St. Gallen, Bern und Luzern. Was freilich keine Konstanz garantiert, fallen doch demnächst mindestens drei dieser Posten wieder an Männer. Dafür gingen zuletzt eine Handvoll internationaler Top-Jobs an Frauen.

In London steuert die Ballerina Tamara Rojo seit 2013 das English National Ballet und hat es auf Augenhöhe mit dem königlichen Konkurrenten in Covent Garden positioniert. In Paris wechselte die Tänzerin Aurélie Dupont 2016 fast nahtlos von der Bühne ins Direktionsbüro, nachdem ihr Vorgänger Benjamin Millepied an der beinharten Hierarchie und dem Traditionskokon des Hauses gescheitert war. In Rom, Göteborg, Toronto, Washington, British Columbia setzten sich Frauen an die Spitze oder behaupteten sich dort. Aufs Ganze gesehen sichern solche Berufungen zwar allenfalls eine bescheidene Teilhabe an der Macht. Doch immerhin handelt es sich um Ensembles mit Strahlkraft – dank eingeführter Marke. Um Aushängeschilder wie das Tanztheater Wuppertal, wo 2017 mit Adolphe Binder eine gut vernetzte und einfallsreiche Kuratorin die Künstlerische Intendanz übernahm.

So weit, so gut. Stellt sich die Frage: Ist es nicht eigentlich relativ bis rundum egal, wer das Zepter im Tanzdepartement schwingt – Hauptsache die Qualifikation stimmt? Wenn dem so wäre, müsste jenseits der Kunst niemand mit Partei-und-Polit-Quoten liebäugeln oder legislative Verrenkungen erwägen, um mehr Managerinnen in DAX-Vorstände zu bugsieren. Dann blieben die Old Boys' Networks intakt, die Mädels in den Vorzimmern der Macht kleben – was bestenfalls auf einen Alltag in «Mad Men»-Optik hinausliefe.

Das kann im Ernst nur unverbesserlichen Nostalgikern gefallen, alle anderen dürften inzwischen bei der Erkenntnis angelangt sein: Frauen gehört die Hälfte des Himmels, und das mit allem irdischen Drum und Dran. Wer Argumente braucht, dem liefert die Wissenschaft reichlich Munition: Dass Frauen anders agieren, anders kommunizieren, anders rivalisieren und damit die Führungskultur insgesamt anders färben, ist mittlerweile hinreichend dokumentiert.

Im Tanz kommt dazu, dass sie regelhaft mindestens die Hälfte der künstlerischen Belegschaft stellen, aber höchst selten die Entscheidungen treffen. Daraus folgt eine Schieflage des Systems, die jenseits schierer Ungerechtigkeit auch noch der Kunst schadet. Zwar ziehen Frauen nicht automatisch andere Frauen nach sich, aber umgekehrt ist es kein Zufall, dass in Paris und London die Förderung von Choreografinnen ganz oben auf der Agenda steht – bei Aurélie Dupont und Tamara Rojo.

Das gilt jedenfalls, solange die Damen amtieren. Was derzeit alles andere als ein Selbstläufer ist. Denn binnen eines halben Jahres sind Dupont und Rojo in heftige Turbulenzen geraten. Immerhin bespielen sie ihre Büros bis auf weiteres – anders als Adolphe Binder, die am Ende ihrer ersten Saison im Juli 2018 demontiert wurde. Ein Desaster für das Wuppertaler Tanztheater, das voraussichtlich kopflos in die neue Spielzeit startet.

Über alle Unterschiede hinweg haben die Führungskrisen in Paris, London und Wuppertal eines gemeinsam: Männer hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit zunächst die Dynamik der Auseinandersetzung kalkuliert, dann kaltschnäuzig gefightet, beizeiten Anwälte eingeschaltet und schlagkräftige Allianzen geschmiedet. Stattdessen versuchte Binder in Wuppertal, den Konflikt mit der weisungsbefugten Geschäftsführung so lange unter Verschluss und die Füße still zu halten, bis die andere Seite in die Offensive ging und ihre Kündigung erwirkte.

In Paris strauchelte Dupont über eine Befragung der Tänzer, deren unvorteilhafte Ergebnisse sich zu weiten Teilen auf die Vergangenheit bezogen, aber gezielt in die Öffentlichkeit lanciert wurden. Während Madame la Directrice schwieg, schwang sich Operngeneralissimus Stéphane Lissner zu ihrer Verteidigung auf, der von Tanz so wenig Ahnung hat wie die meisten seiner Kollegen… – gutes Krisenmanagement sieht anders aus.

In London kam Tamara Rojo ins Wanken, als ihre Liaison mit einem jungen Starballerino aus den eigenen Reihen und das dort herrschende Arbeitsklima beklagt wurden. Unverkennbar zeitigt hier #MeToo Wirkung, was im bislang herrschaftshörigen Tanz-Soziotop grundsätzlich positiv zu werten ist, auch wenn an der einen oder anderen Stelle die Verhältnismäßigkeit von Vorwurf und Vorkommnis in Frage steht.

In London wie in Paris sind Rufe nach Ablösung der Direktorinnen laut geworden, in Wuppertal ist der Rauswurf bereits fait accompli. Wieso aber geraten Frontfrauen gerade jetzt in die Defensive? Ist der Tango fatal die Quittung dafür, dass sie mehr Einfluss beanspruchen und zugleich andere, angreifbarere Führungskonzepte favorisieren als ihre Vorgängerinnen?

Im Rückblick lässt sich jedenfalls festhalten: Die Leitungsprinzipien der Ex-Vorstände Brigitte Lefèvre und Monica Mason passten in die patriarchale Schiene der jeweiligen Operndirektoren. Beide hatten präzise Vorstellungen davon, was eine Ballettkompanie zeigen und wie sie beschaffen sein muss – und beide setzten ihre Ideen ohne viel Federlesens um. Weder hier noch da gab es sonderlich viel Verhandlungsspielraum. Lefèvre und Mason waren sozusagen: echte Kerle. Genau darum hatten sie Erfolg.

Doch die Ära autokratischer Strukturen samt straff organisierter Top-Down-Dominanz ist vorbei, auch im Tanz. Wie überall geht es auch hier um Ausgleich, Balance und Vertretung aller Interessen. Darauf sind längst nicht alle Akteure vorbereitet. Rojo, Dupont und Binder sind vermutlich auch deshalb in der Bredouille, weil sie den eigenen Erneuerungselan mit dem der Institution verwechselt haben. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz sind größere Kompanien nun mal behäbige Apparate, deren Kurs sich nicht auf die Schnelle korrigieren lässt. Schon gar nicht im Alleingang.

Tamara Rojo hat mittlerweile einen Beratungs- und Coaching-Prozess angestoßen, der die Tänzer auf Kollektiv-Kurs bringen und Disziplinierungswüteriche stoppen soll. Sie selbst will noch mehr Verantwortung teilen und Aufgaben delegieren. Das ist der Gegenentwurf zur «Eisernen Lady»: ein Zukunftsmodell, das Führen im Sinne der «Prima inter Pares» versteht. Ob es gelingt? On verra