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Pomp and Circumstances

Ein Besuch bei «The Last Night of the Proms»

Die ganze Welt schwärmt von ihr, für viele Musikliebhaber ist sie ein Traum: «The Last Night of the Proms», die letzte Nacht der Londoner Promenaden-Konzerte. Höhepunkt und Abschluss eines Musikfestivals, das von Mitte Juli bis Anfang September die britische Hauptstadt in klassischem Atem hält. Jahr für Jahr fiebern Millionen von Musikfans diesem Abend entgegen. Die BBC – Herrin der Fernsehübertragung – ist mit einem Großaufgebot an Technik vor Ort. Die Royal Albert Hall wird für Musikfans aus aller Welt zum Schauplatz des populärsten Klassikkonzerts der Welt, zur Show-Arena, die die Last Night of the Proms als Karneval des tierischen Vergnügens inszeniert.

Dabei zu sein, dieses Spektakel leibhaftig zu erspüren, ist sicher der Traum vieler. Doch vergessen Sie alles, was Sie im Fernsehen gesehen haben: Es ist schlimmer, stressiger und erregender zugleich – aber auch langweiliger. Denn sogar diese letzte Nacht ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Konzert. Die Medienwelt gaukelt den versammelten Fernsehzuschauern eine Wirklichkeit vor, die nur zur Hälfte stimmt – denn sie liefert den TV-Fans nur die Hälfte. Für die Medien beginnt die Last Night erst nach der Pause. Davor läuft alles wie gehabt im Kulturbetrieb – nur dass man stehen muss im Parkett. Kondition ist also von Nöten an diesem Abend – vor und vor allem nach der Pause, denn dann dürfen Orchester, Dirigent, Künstler und erst recht die «Promenaders» ihren Affen Zucker geben.

«Musik verbindet», sagt Hans Liberg, der holländische Musikentertainer, doch wie sehr, das muss man erleben, am eigenen Körper erfahren: dieses Gedränge, die ansteckende Begeisterung, dieses leidenschaftliche Feuer, das die Promenaders im zweiten Teil der Last Night unten in der Arena entfachen. Nur dort, stehend, kostümiert, angemalt wie bei einer Fußball-WM, ist diese letzte Nacht auch wirklich die Nacht der Nächte. Das Logenpublikum hat nichts verstanden von ihrem Geist. Verschämt klimpert es, wie John Lennon es einst bei einem anderen Konzert kommentierte, mit seinen Juwelen – und nur zaghaft wird mal hier, mal dort der Union Jack geschwungen. 

Kontrastprogramm in der Arena. Auch wer nicht will, muss hier mitmachen: dieses klassische Schunkeln, das ja eher stilistisch unreinen Kniebeugen gleicht – mit viel Pomp den Umständen entsprechend zelebriert; das kollektive Mitsingen scheint die Hoffnung auf Glorie längst hinter sich gelassen zu haben. Tradition würde ein Engländer sagen, gelebte Musik ein Psychologe oder Philosoph; Lemminge auf der Schlachtbank der Kultur ein Zyniker. Irgendwann schleicht es sich dann ein, heimlich, klammheimlich – ein Gefühl, unbeschreiblich. Mitten in diesem Haufen Wahnsinniger wirft man den Ballast des Wissens ab: Elgar, Mozart, Bach, Beethoven oder Händel – egal, es zählt nur noch diese Woge auf dich herein-, über dich hinwegbrechender Töne, Klänge und Rhythmen. Dies ist die Nacht der Nächte. 

Nein, damit hätte Sir Henry Wood sicher nicht gerechnet, als er am 10. August 1895 den Taktstock zum ersten Promenaden-Konzert in der Queen’s Hall hob. Wood, dessen Büste heute lorbeergekränzt über das Finale wacht und von den Promenaders verehrt wird wie ein Heiliger, war allerdings gar nicht der führende Kopf. Die Idee zu dieser Konzertreihe kam von Robert Newman, Manager der Queen’s Hall, der Wood im Februar 1895 die Leitung eines eigenen Orchesters und der Konzertreihe angetragen hatte. «Mr. Robert Newman‘s Promenade Concerts» waren ein Erfolg: die Preise niedrig, das Programm durchaus volkstümlich und das Publikum durfte rauchen, essen und trinken – allein man bat die ehrenwerten Gentlemen, während eines Liedes kein Streichholz zu entzünden. Tradition – schon Shakespeare hatte im Globe mit ähnlichem zu kämpfen.

Es sind diese Traditionen, die die letzte Nacht der Proms am Leben erhalten – auch wenn manche verschwunden sind. Aber auch das ist ein Zeichen echter Tradition: Veränderung. Und im Laufe dieser 122 Jahre hat sich einiges verändert – um den Geist der Proms zu bewahren. Geblieben ist der Anspruch, Konzerte für jedermann zu veranstalten, Konzerte, die sich jeder leisten kann. Wenige Pfund kostet die billigste Karte, ein Klacks. Henry Wood hätte es nicht geglaubt – aber seine Idee, Musik fürs Volk zu machen, volkstümlich zu sein, ohne verdummen zu wollen, klassische Musik zu servieren ohne kulturellen Unter- und Überbau, sie als das zu nehmen, was sie war, als sie komponiert wurde – waren Mozart und Beethoven nicht die ersten Popstars? – trägt bis heute Früchte. Längst ist die Royal Albert Hall zum Festival-Haus geworden, haben sich die Proms der außereuropäischen Musik geöffnet, der Popmusik, sind zu einem medialen Ereignis unvergleichlichen Ausmaßes gewachsen. 

Bei allem aber, bei aller Gigantomanie – die Proms sind noch immer eine Plattform für junge, unbekannte Komponisten, für junge Musiker und für ein neugieriges Publikum, das die Musik um der Musik willen liebt. Ganz im Geiste Henry Woods haben die Promenaden-Konzerte wahrscheinlich mehr Menschen an die klassische Musik herangeführt, als es die vereinten Kräfte der Musikindustrie mit ihren trendigen Superstars jemals schaffen werden. Nur einen Wermutstropfen gibt es bei jeder Last Night of the Proms – auf die nächste muss man ein Jahr warten.

Uwe Golz