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Die Burgfrau tritt ab

Karin Bergmanns Wiener Bilanz

Als erste Intendantin in der Geschichte des Burgtheaters schrieb Karin Bergmann Wiener Theatergeschichte. Jetzt geht ihre Amtszeit zu Ende. Eine Bilanz

Am 30. Juni geht ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Burgtheaters zu Ende: Karin Bergmann, die erste Frau an der Spitze der Burg, tritt ab. Fünfeinhalb Jahre vorher, im März 2014, hatte sie – mitten in der Spielzeit – ihr Amt angetreten. Nach der damaligen fristlosen Entlassung von Matthias Hartmann war Bergmann vom Kunstminister Josef Ostermayer (SPÖ) zunächst für zwei Jahre interimistisch eingesetzt worden. Im Herbst 2014 wurde Bergmanns Vertrag dann auf die übliche Dauer von fünf Jahren verlängert.

Wie sind die Bergmann-Jahre einzuschätzen? Für eine Interimsdirektorin war sie zu lange im Amt, für eine Ära war ihre Zeit zu kurz. Einerseits war es ihr vordringlicher Auftrag, das nach den Hartmann-Jahren schwer verschuldete Haus finanziell zu sanieren. Andererseits hatte Bergmann durchaus den Ehrgeiz, mehr zu sein als eine Trümmerfrau, die den Schlamassel aufräumt, den ihr Vorgänger hinterlassen hat. «Trümmerfrau finde ich schwierig», sagt sie. «Das Bild vom Phönix aus der Asche gefällt mir besser für meine Burgtheatergeschichte.» Aber um die Geschichte von Karin Bergmann und dem Burgtheater hinreichend würdigen zu können, muss man etwas weiter ausholen. 

Die 1953 in Recklinghausen geborene Karin Bergmann ist ein Kind des Ruhrpotts. Sie stammt aus einer Bergarbeiterfamilie, Literatur oder Theater waren zuhause kein Thema. Die junge Bergmann entwickelte eine manische Lesewut, stillte mit Büchern ihr Fernweh. Als sie bei den Ruhrfestspielen ihre ersten Theateraufführungen sah, empfand sie das als Offenbarung. Noch bevor sie genau wusste, was das überhaupt ist, wollte sie Dramaturgin werden. Um ihren Traum zu verwirklichen, holte sie auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und ging viel ins Theater. Sie trampte nach Berlin, zu den legendären Aufführungen an der Schaubühne, und versäumte im damals von Peter Zadek geleiteten Bochumer Schauspielhaus keine Inszenierung. Als Claus Peymann 1979 Intendant in Bochum wurde, las Bergmann eine Stellenanzeige: «Mitarbeiterin für Direktions- und Dramaturgiebüro gesucht.» Sie bekam den Job und begriff, dass einer wie ihr im Theater viele Türen offenstanden. Nach vier Jahren als Sekretärin in Bochum wechselte sie ins Pressebüro des Deutschen Schauspielhauses nach Hamburg. Als Peymann 1986 ans Burgtheater ging, holte er sie zurück – als seine Pressesprecherin. Es waren heiße, spannende Jahre, der Kulturkampf war an der Burg damals der Normalzustand. Aber irgendwann fand Bergmann erneut, dass sie sich verändern musste. Sie wechselte zuerst an die Vereinigten Bühnen Wien, wo damals ausschließlich Musicals produziert wurden, und dann zu Klaus Bachler an die Volksoper. Mit diesem kam sie 1999 dann zurück ans Burgtheater – diesmal als Co-Direktorin. 

Als Bachler an die Oper nach München ging, überlappten sich seine Verträge; ein Jahr lang war er zugleich in München und Wien im Amt. In dieser Zeit wurde das Burgtheater de facto von Bachlers Stellvertreterin Karin Bergmann geleitet. Nach München wollte sie nicht mitkommen, stattdessen blieb sie auch unter Matthias Hartmann als Co-Direktorin am Haus. Warum sie nur ein Jahr bei Hartmann blieb, möchte sie nicht kommentieren. Jedenfalls ging sie damals, ohne einen anderen Job zu haben; man kann also davon ausgehen, dass sie wirklich sehr dringend raus wollte aus der Nummer. 

Kurioserweise war es – Ironie der Theatergeschichte – dann aber auch Hartmann, der es Karin Bergmann ermöglichte, ein drittes Mal ans Burgtheater engagiert zu werden, diesmal als Intendantin. Man kann die Geschichte also, sehr zugespitzt, auf eine Gleichung herunterbrechen: Peymann + Hartmann = Bergmann. Man kann sie natürlich auch als Aufsteiger-Märchen erzählen: Wie aus einem bildungsfernen Ruhrpottmädchen die erste Direktorin des Burgtheaters wurde. Oder man beschreibt sie einfach als das, was sie ist: eine erstaunliche Karriere, die ihresgleichen sucht. 

Als Karin Bergmann das Burgtheater übernahm, war die Lage wirklich kritisch. Im Budget klaffte ein Millionenloch, und im Ensemble klaffte ein tiefer Riss zwischen waidwunden Hartmann-Freunden und zornigen Hartmann-Gegnern. In einer solch verfahrenen Situation kam für die Leitung eigentlich nur die allseits geschätzte und mit dem Haus bestens vertraute Bergmann in Frage. «Man ist auf mich zugekommen, weil man nicht um mich herumgekommen ist», kommentierte sie ihre Berufung damals trocken. 

Dass Minister Ostermayer ihr den langjährigen Peymann-Chefdramaturgen Hermann Beil als «Berater» zur Seite stellen wollte, findet sie im Nachhinein «rührend», obwohl das eigentlich eine Zumutung war. «Hermann Beil kenne ich sehr lange, und ich schätze ihn wirklich sehr», sagt Bergmann heute. «Aber einen Berater brauche ich nicht. Und ich frage mich: Hätte man auch einem Mann einen Berater zur Seite stellen wollen?» 

Bergmann krempelte also die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit. Erste Aufgabe: einen neuen Regisseur für Karl Kraus’ Monsterdrama «Die letzten Tage der Menschheit» finden, das Hartmann im Sommer 2014 als Koproduktion des Burgtheaters bei den Salzburger Festspielen hatte inszenieren wollen. Ein paar Wochen vor Probenbeginn gab es nun nicht nur keinen Regisseur mehr, sondern auch noch keine Fassung und keine Besetzung. Bergmann suchte einen Österreicher – «weil die ihren Karl Kraus natürlich kennen» – und rief bei Georg Schmiedleitner an, der nach kurzer Bedenkzeit zusagte. Gecheckt! 

Nächste Aufgabe: In ihrer ersten Spielzeit (2014/15) mussten vier Millionen Euro eingespart werden. Gemeinsam mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Thomas Königstorfer erarbeitete Bergmann einen rigoro­sen Sparplan, drehte jeden Cent um, legte Abteilungen zusammen, gründete einen Förderverein und reduzierte die Anzahl der Premieren. Die Nebenspielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz sollte überhaupt geschlossen werden, aber das ging Bergmann zu weit. Während Hartmann im Kasino Großproduktionen wie «Krieg und Frieden» inszeniert hatte, fuhr sie die Produktionskosten radikal herunter, vermietete die Spielstätte einmal im Jahr an die Volksoper – und rettete so das Kasino. «Auch der Minister wollte, dass ich es abstoße, und war sich eigentlich ganz sicher, dass ich das auch treu und brav mache», erinnert sich Bergmann. «Ich musste zwei Jahre lang um das Kasino kämpfen!» Sie erzählt das, um deutlich zu machen, was das für eine Ausnahmesituation war, in der sie Burgtheaterdirektorin wurde. 

Nach zwei Jahren war das Burgtheater finanziell aus dem Gröbsten heraus, inzwischen werden längst wieder tiefschwarze Zahlen geschrieben, auch die Premierenzahl in Burg- und Akademietheater wurde von 13 wieder auf 17 hochgefahren. Im Januar diesen Jahres, anlässlich ihres letzten Pressegesprächs als Burgtheaterdirektorin, präsentierte Karin Bergmann stolz ein paar Zahlen. An der Kasse hat das Burgtheater in der Spielzeit 2017/18 mehr als 9,5 Millionen Euro eingenommen, gegenüber der Spielzeit 2013/14 war das eine Steigerung von mehr als zwei Millionen; auch die Gesamteinnahmen (Kartenverkauf, Sponsoring, Gastspiele, Vermietungen etc.) sind kontinuierlich gestiegen. Wenn im September Martin Kusej das Burgtheater übernimmt, muss er keine Schulden übernehmen, im Gegenteil: Bergmann hinterlässt ihrem Nachfolger sogar Rücklagen. 

Als Bergmann antrat, machte sie keinen großen Schnitt. Das Ensemble blieb weitgehend unverändert; in der Dramaturgie hat sie zwei neue Leute geholt, den Chefdramaturgen Klaus Missbach aber übernommen; überhaupt hat die neue Chefin weitgehend darauf verzichtet, Schlüsselpositionen mit Leuten ihres Vertrauens zu besetzen. Dafür gab es zwei Gründe. Erstens genoss auch das unter Hartmann gekommene Personal ihr Vertrauen: «Ich wusste, dass das kompetente Leute sind.» Zweitens war anfangs ja noch gar nicht klar, wie lang sie bleiben würde – und für zwei Jahre hätte ein radikaler Neubeginn keinen Sinn gemacht: «Ich hatte nie den Plan, eine Stunde Null zu machen.» 

Die Verträge mit Annette und Peter Raffalt, die unter ihrem Bruder und Schwager Matthias Hartmann die «Junge Burg» geleitet hatten (ein Programm, das theaterinteressierten jungen Leuten ermöglichte, ein Jahr lang praktische Erfahrungen zu machen), verlängerte Bergmann allerdings nicht – und ersetzte die Junge Burg durch das Projekt «Offene Burg», das Jugendliche an das Burgtheater heranführt, die sonst vielleicht nie damit in Berührung kommen würden. Wem in diesem Zusammenhang ein Mädchen aus dem Ruhrpott in den Sinn kommt, dem sich über das Theater einst eine neue Lebensperspektive eröffnete, liegt wahrscheinlich nicht ganz falsch. 

Viele Regisseurinnen und Regisseure, die unter Bergmann regelmäßig an der Burg inszenierten, hatten schon unter Hartmann hier gearbeitet – Jan Bosse und David Bösch, Barbara Frey oder Andrea Breth, Michael Thalheimer oder Antú Romero Nunes. Erstmals am Burgtheater engagiert waren unter anderen Herbert Fritsch, Christian Stückl, Johan Simons und Luk Perceval; aus der jüngeren Generation holte Bergmann Jette Steckel und Martin Laberenz ans große Haus. 

Während Laberenz an «Torquato Tasso» scheiterte, war Steckel mit einer vor allem lauten «Antigone» und einem mit dem Holzhammer bearbeiteten «Volksfeind» wenigstens beim Publikum erfolgreich. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass in beiden Inszenierungen Joachim Meyerhoff mitwirkte. Der Schauspieler und Bestsellerautor ist derzeit der erklärte Favorit des Wiener Publikums: Auch eine eher mittlere Fritsch-Inszenierung wie «Der eingebildete Kranke» zählte dank Meyerhoff in der Titelrolle zu den Rennern der Bergmann-Jahre; im Akademietheater liegt Meyerhoff mit dem – allerdings wirklich grandiosen – Thomas-Melle-Solo «Die Welt im Rücken» überhaupt auf Platz Eins der Zuschauerstatistik. 

Dass Bergmann Regisseure wieder an die Burg holte, die hier zuletzt unter Bachler oder gar in der Peymann-Ära engagiert waren, brachte ihr den Ruf ein, ein Retro-Programm zu fahren. Dass etwa ihr Ex-Chef Peymann an der Burg eine Handke-Uraufführung («Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße» 2016) inszenierte, habe aber nichts mit Sentimentalität zu tun gehabt, beteuert Bergmann, sondern mit dem Autor. «Für Handke einen Regisseur zu finden, ist mindestens so schwierig wie für Nestroy. Da gibt es nur zwei oder drei, die man überhaupt fragen kann.» 

Andreas Kriegenburg, der als Hausregisseur unter Bachler nicht richtig warm mit dem Haus geworden war, gab Bergmann eine zweite Chance, er inszenierte «Wassa Schelesnowa» (2015) und – erstmals an der Burg – «Pension Schöller» (2016). Das waren keine schlechten Aufführungen, aber wirklich angekommen ist Kriegenburg auch diesmal nicht in der Stadt. Bergmann: «Das ist immer noch unerlöst und wird jetzt vielleicht auch unerlöst bleiben.» 

Carolin Pienkos, in der Bachler-Zeit als Assistentin am Haus, durfte mit ihrem Mann Cornelius Obonya und dessen Mutter Elisabeth Orth «Coriolan» inszenieren – was keine gute Idee war. Wenig zwingend erschien es auch, dass Bergmann Leander Haußmann an der Burg den insgesamt vierten «Sommernachtstraum» seiner Karriere inszenieren ließ oder den einstigen Peymann-Assistenten Peter Wittenberg wieder ans Haus holte, der im Akademietheater «Willkommen bei den Hartmanns» inszenierte – nein, leider kein Schlüsselstück über Bergmanns Vorgänger, sondern bloß die Bühnenversion der Filmkomödie von Simon Verhoeven. 

Als sie den soliden Handwerker Felix Prader 2015 damit beauftragte, im Akademietheater die Schwerenöterkomödie «Das Konzert» des Schnitzler-Zeitgenossen Hermann Bahr zu inszenieren, musste Bergmann das Stück gegen den Widerstand der eigenen Dramaturgie durchsetzen. «Ich habe gesagt: Das ist die Spardose für zwei, drei Sachen, die wir uns dann wieder leisten können.» 

Einerseits musste sie eben tatsächlich auf die Kasse schauen. Andererseits gibt Bergmann aber auch zu, dass sie mit manchen neuen Regiehandschriften nicht viel anfangen kann. Deshalb habe sie auch das ursprüngliche Angebot abgelehnt, an die zwei Interimsjahre noch einen vollen Fünf-Jahres-Vertrag anzuschließen. «Es sollten insgesamt sieben Jahre sein. Da habe ich gesagt: Das mache ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich dafür einen genügend langen Atem habe, ob ich mitkann mit dem, wie sich das Theater entwickelt – und ob ich das will. Ersan Mondtag oder Susanne Kennedy sind für mich reine Feuilletonerfolge. Ihre Aufführungen sind leer! Das sagt nichts über die Qualität aus, aber ich mache nun mal gerne Theater vor vollem Haus, Theater für ein Publikum.» 

Als sie anfing, lag die Platzauslastung auf allen Bühnen des Burgtheaters bei 75 Prozent. Jetzt, am Ende ihrer fünften Spielzeit, liegt sie bei 83 Prozent. Bereits im April sind in den Wiener Zeitungen die ersten Bilanzen der Direktion Bergmann erschienen. Tenor: wirtschaftlich sehr erfolgreich, ästhetisch bieder. «Künstlerisch ist das Burgtheater ins Hintertreffen geraten», konstatierte etwa Margarete Affenzeller im «Standard». Bergmann reagiert auf so was eher dünnhäutig, dem «Standard» hat sie sogar einen Leserbrief geschrieben. «Dass Sie meine Direktionszeit künstlerisch unbefriedigend finden, ist völlig legitim, aber es gab vor mir keinen Burgtheaterdirektor, der in so kurzer Amtszeit fast jährlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde», hielt sie fest. 

Tatsächlich war das Burgtheater in vier von fünf Bergmann-Jahren in Berlin vertreten. Insgesamt reisten fünf Inszenierungen zum Theatertreffen, drei davon hatten gleich in der ersten Saison Premiere: die Uraufführungen «Die lächerliche Finsternis» von Wolfram Lotz und «Die Unverheiratete» von Ewald Palmetshofer sowie Simon Stones Ibsen-Überschreibung «John Gabriel Borkman». 

Streng genommen, darf man Bergmann die beiden erstgenannten, bereits vor ihrer Zeit vereinbarten Produktion zwar eigentlich nicht anrechnen; aber erstens gibt es auch im Theater so etwas wie einen «Trainereffekt», und zweitens hatte Karin Bergmann in dieser Situation wirklich jedes Recht auf ein bisschen Spielglück. Dusan David Parizeks Inszenierung der «Lächerlichen Finsternis», eine fulminante Performance mit vier extrem coolen Schauspielerinnen, gehört zu den herausragenden Produktionen von Bergmanns Direktion; mit Ewald Palmetshofers Hauptmann-Paraphrase «Vor Sonnenaufgang» (2017) schafft es noch eine zweite Parizek-Arbeit in die Bestenliste. Der Australier Simon Stone, diese ziemlich einzigartige Mischung aus Autor und Regisseur, legte mit «John Gabriel Borkman» (eine Koproduktion des Burgtheaters mit dem Theater Basel und den Wiener Festwochen) seine erste deutschsprachige Inszenierung überhaupt vor; in Wien folgten 2018 mit «Hotel Strindberg» (dieses Jahr beim Theatertreffen) und «Medea» zwei weitere Klassikerbearbeitungen à la Stone. 

Zu den Highlights gehören – neben einigen starken Arbeiten von Breth und Thalheimer – außerdem Jan Bosses «Die Welt im Rücken» (2018 beim Theatertreffen) und die bei Ferdinand Schmalz in Auftrag gegebene, heiter-erschütternde Hofmannsthal-Nachdichtung «jedermann (stirbt)», die Stefan Bachmann 2018 im großen Haus zur Uraufführung brachte. 

Schon in ihrer ersten Pressekonferenz hatte Bergmann angekündigt, den «Jedermann» machen zu wollen – was im Publikum leise Panik auslöste, aber da wusste man ja noch nicht, dass Bergmann das Stück neu schreiben lassen würde. Sie selbst wusste es damals übrigens auch noch nicht so genau. «Als ich beim Antritt der interimistischen Direktion sagte, ich mache das und das, dachte ich mir: Bergmann, es ist erstaunlich, was du da redest – ich bin gespannt, wie du das einlösen wirst. Ich hatte mich ja erst drei Tage vorher entschieden, die Ernennung anzunehmen, und hatte gar keine Zeit, irgendetwas konkret durchzudenken – geschweige denn, zu planen.» 

Als Karin Bergmann im Jahr 2010 das Burgtheater zum zweiten Mal verließ, hatte sie sich eigentlich schon damit abgefunden, dass sie nie an der Spitze eines Theaters stehen würde. Sie tröstete sich mit der Gewissheit, immer eine «gute Zweite» gewesen zu sein. Und wie war es, als sie doch noch einmal Erste sein durfte? «Das hat sich gut angefühlt», sagt sie – obwohl sie jetzt auch einmal am eigenen Leib erfahren musste, was für eine Verantwortung man in dem Job hat, wie einsam man da oft ist. «Aber es ist eine tolle Aufgabe, es war eine großartige Zeit. Wobei ich persönlich glaube, dass sie das nicht nur für mich, sondern auch für das Theater war. Ich würde im Rückblick sagen, dass meine fünf Jahre eine einmalige Erfolgsgeschichte sind.» 

Von außen betrachtet, fällt die Bilanz der Bergmann-Jahre an der Burg gemischt aus. Ja, es gab einige herausragende Arbeiten, auf die sie zu Recht stolz ist. Aber ja, wahrscheinlich hat sie beim Gestalten des Spielplans ein bisschen zu sehr auf die Kasse geschaut. Andererseits war ja genau das ihr Auftrag, und eines muss man Karin Bergmann auf jeden Fall zugute halten: Sie übergibt ihrem Nachfolger – den sie übrigens sehr schätzt – ein Theater, in dem Geld jetzt einmal kein Thema mehr ist. Unter dem Motto «30 Tage – 30 Geschenke» gibt’s im Juni jeden Tag ein kleines Abschiedsgeschenk für das Publikum, von ermäßigten Karten bis zum Büchergutschein, vom Autogrammkarten-Set bis zum Gratis-Menü in der Kantine. Und was ist für den letzten Spieltag der Direktion Bergmann am 30. Juni geplant? «Sicherlich kein Feuerwerk», sagt die Intendantin. An dem Abend sind zwei ganz normale Repertoirevorstellungen angesetzt, Herbert Fritschs «Zelt» im Burgtheater und Peymanns «Stühle» im Akademietheater. Ein großes Fest wolle sie am letzten Tag schon deshalb nicht machen, weil dann erstens viele Zuschauer schon in den Schulferien sind und sie es zweitens jenen Kollegen, die sonst schon vorher die Stadt verlassen könnten, nicht zumuten wollte, bis zum Ende bleiben zu müssen. 

Auch daran sieht man, was Karin Bergmann von egomanischen Vorgängern wie Peymann oder Hartmann unterscheidet: Sie denkt auch an die anderen.

Wolfgang Kralicek