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Ganz schön schwul

Der Theatermacher Tucké Royale

Von Falk Schreiber

Man wünscht sich Kategorien, wenn man über Künstler spricht. Man möchte sagen können: Der macht Musiktheater, performt, macht Aktionskunst. Man möchte sagen können: Der ist ein Mann, die ist eine Frau. Man möchte den Künstler irgendwie fassen. Und der erste große Stein, den einem Tucké Royale in den Weg legt, wenn man versucht, etwas über seine Kunst zu sagen, ist, dass diese Kategorien auf ihn allesamt nicht anwendbar sind.

Dass ihm schon Einordnungen wie Mann, Frau, Transsexualität oder Homosexualität zuwider sind, stellte Royale früh klar. In seiner ersten größeren Arbeit, einer Soloperformance mit dem selbstbezüglichen Titel «Tucké Royale», beschrieb er sich 2011 als «Pseudo-Hermaphroditen»: «Ein Pseudo-Hermaphrodit ist kein Hermaphrodit», hieß es da. «Ein Pseudo-Hermaphrodit ist keine Frau. Ein Pseudo-Hermaphrodit ist auch kein Mann. Ein Pseudo-Hermaphrodit ist ein Zwitter. Naja. Ein Pseudo-Hermaphrodit ist kein richtiger Zwitter. Ist ein Pseudo-Zwitter … Ich bin Pseudo! Ich bin eine Fassade ohne Haus. Äußerer Schein, das Als-Ob. Wie das Theater.» Das ist nicht in erster Linie eine Beschreibung einer sexuellen Identität, das ist ein ästhetisches Programm.

Ein Programm, das Royale seither konsequent umsetzt: 2013 entwickelte er mit «Ich beiße mir auf die Zunge und frühstücke den Belag, den meine Rabeneltern mir hinterließen» noch ein weiteres biografisch grundiertes Solostück, das man als Ergänzung zu «Tucké Royale» sehen konnte, dann gründete er ein Jahr später als Akt sozialer Plastik einen «Zentralrat der Asozialen», zuletzt inszenierte er am Berliner Maxim Gorki Theater das jüdisch-queere Rachemusical «Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet». Außerdem performt er unter anderem bei Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen (mit denen er im September am Theater Bremen «Nathan der Weise» zeigen wird) und in Lola Arias' «Atlas des Kommunismus» am Berliner Gorki, zudem spielt er in der queeren Popgruppe Boiband. Auf einen Nenner bringen lässt sich das nicht.

Also versucht man, Royales Kunst über die Biografie des Künstlers zu verstehen. Geboren ist er 1984 im sachsen-anhaltinischen Quedlinburg. Arbeiterumfeld: Die Mutter hat als erste aus der Familie studiert, war Lehrerin für Deutsch und Russisch, später für Ethik. Als Royale fünf war, fiel die Mauer. War die DDR wichtig für ihn? Überraschung: Ja. «Ich war kein Pionier mehr, ich war auch zu jung, dass das ein Thema für mich gewesen wäre», erzählt er. «Aber auf einer ästhetischen Ebene haben sich diese «Peter im Tierpark»-Szenarien eingeprägt. Eine gewisse Melancholie, mit der ich lebe, wurde durch die sehr gefordert. Mir stellt sich durchaus die Frage, wer ich wäre, wenn die Farben und die Kohlegerüche aus den ersten Jahren nicht gewesen wären.» Eine erste Spur: «Peter im Tierpark» ist ein Gemälde Harald Hakenbecks aus dem Jahr 1961, das sechs Jahre später als Briefmarke gedruckt wurde und in der DDR insbesondere durch Nachdruck in Schulbüchern enorm populär war. Und vielleicht versteht man die Ästhetik Royales über dieses Bild tatsächlich etwas besser, über die matten Farben, über die realistische Darstellung eines Kindes in einer winterlichen Zoolandschaft. Vielleicht tauchen genau diese Farben wieder auf in der anarchischen Selbstermächtigung des jüdischen Racheengels aus «Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet», in der Identitätsvergewisserung von «Tucké Royale».

Bis zum Abitur blieb Royale in Quedlinburg und war dort anscheinend ein Querschläger in der Kleinstadt: «Ich habe eine ziemliche Schulschwänzerkarriere hingelegt, und das machte ich vor allem, damit ich Zeit für meine künstlerischen Sachen hatte.» Schon damals waren diese Interessen breit gestreut: Royale gab seinen Geburtsnamen auf und nannte sich «Tucké Royale», ein Künstlername, der längst von der Kunstfigur in die Realität gewandert ist und offiziell in seinem Pass steht. Er baute eine schwullesbische Bibliothek auf, bot Beratungsstunden an, war im linken Kulturzentrum und bei der Antifa aktiv. Er spielte in der Theatergruppe an der Schule seiner Mutter und gründete kurz darauf eine eigene Gruppe. «Ich bin mit 16 von zu Hause ausgezogen und habe mit meiner WG ziemlich viel Kunst im weitesten Sinne gemacht. Das einzige, was ich nicht gemacht habe, war Musik – das haben die heterosexuellen Macker in der Provinz gemacht.» 

Erst als er Volker Wachholtz kennenlernte, bekam dieses freischwebende Kunstmachen eine feste Richtung. Wachholtz von der damaligen PDS war Lokalpolitiker – aber vor allem auch ehemaliger Schauspieler, der an der Berliner Ernst-Busch-Schule studiert hatte. Auf seinen Rat hin bewarb sich Royale ebenfalls in Berlin an der Schauspielabteilung. Und wurde abgewiesen, «aus sexistischen Körperpolitiken»: «Auf der Ebene Geschlecht konnte man nichts mit mir anfangen. Schauspielschulen beliefern einen Markt, und da habe man keine Verwendung für mich.» Mit der zweiten Bewerbung war er dann erfolgreich, diesmal im Bereich Puppenspiel. Was nicht heißt, dass die Probleme damit gelöst gewesen wären: «Die meisten fanden schon irgendwie gut, was ich da gemacht habe. Aber einige Dozenten haben mich aus dem Unterricht geschmissen mit der Begründung, dass sie sich mit mir nicht identifizieren könnten. Das war das Ausschlusskriterium.» Das Stück «Tucké Royale» ist nicht zuletzt das Ergebnis dieser Erfahrungen: «Das ging so weit, dass ich dachte: Naja, dann macht das auch keinen Sinn. Dann muss ich mich auch nicht mehr mit Anpassung beschäftigen, dann kann ich mich eigentlich desintegrieren.» 

Eine zweite Spur für den Zugang zu Royales Kunst: die Desintegration. Es geht in seinen Arbeiten immer um Menschen, die nicht in ein vorgefertigtes Raster passen, seien es die Dropouts, für die der «Zentralrat der Asozialen» gegründet wird, sei es die queere, bombenlegende Heldin in «Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet», sei es der Pseudo-Hermaphrodit in «Tucké Royale».

Es ist kein Wunder, dass Royale mit dieser Desintegrationsästhetik irgendwann am Berliner Maxim Gorki Theater landete, das unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje konsequent Außenseiterthemen behandelt. «Es gab da immer eine große Offenheit und ein großes Interesse, was meine Vorhaben anging», beschreibt er die Zusammenarbeit mit Langhoff und Hillje. «Obwohl ich jedes Jahr was anderes angeschleppt habe, gab es keine Orthodoxie, ich musste mich nirgends einsortieren. Stattdessen ist mir sehr viel Platz gemacht worden.» 

Der Satz «Ich musste mich nirgends einsortieren»: extrem wichtig. Bis heute sind alle Royale-Arbeiten in Koproduktion mit dem Gorki entstanden, meist gemeinsam mit dem Hamburger Kulturzentrum Kampnagel, dessen Intendantin Amelie Deuflhard ein ähnliches Konzept des Platzmachens und -lassens verfolgt. Mehr oder weniger bewusst schlägt Royale so auch eine Brücke zwischen dem Staatstheater Gorki und dem freien Produktionshaus Kampnagel – wobei er kein klassischer Grenzgänger zwischen den Strukturen ist, gerade das Staatstheater hat großen Einfluss auf seine Ästhetik.

Sein jüngstes Stück, «Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet», jedenfalls ist gerade im Vergleich zu einer aktionistischen Arbeit wie «Zentralrat der Asozialen» recht konventionelles Theater, mit einer nachvollziehbaren Story, mit professionellem Ensemble, mit klaren Zuständigkeiten. Im Vergleich: Der «Zentralrat der Asozialen» hatte keine theatrale Form, war tatsächlich der Gründungsakt einer Initiative, die man einerseits als echtes politisches Anliegen verstehen konnte, andererseits aber auch als soziale Skulptur, in der der Royale ebenso wie das Publikum zum Teil des Werks wurde. Bei «Dolores» hingegen ist nicht nur die Vierte Wand wieder hochgezogen, auch performt Royale nicht mehr selbst, sondern zeichnet ausschließlich für die Regie verantwortlich. Und zeigt ein Interesse an festen Strukturen, das im Grunde schon immer da war: «Das hat mir an meiner Ausbildung ausgesprochen gefallen: Dass man dem Modell Familienbetrieb etwas entgegensetzt, indem man einen Ensemblebetrieb hat. Und Ensemblebetrieb heißt: Gewerketrennung.» 

Diese Betonung aufs Handwerkliche, auf klare Zuständigkeiten, auf definierte Strukturen zeigt, wo Royale hin möchte: ins Stadttheater. Wo es bislang allerdings jenseits des Gorki keinen Raum für ihn zu geben scheint. Die Reibung zwischen einer immer stärker in die Konvention drängenden künstlerischen Sprache und einer sich dieser Konvention verweigernden Haltung macht sein Theater aus – und irritiert dabei auch immer wieder. «Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet» sorgt jedenfalls beim Hamburger Auftritt auf Kampnagel für fragende Gesichter bei einem Freie-Szene-Publikum, das hier Camp-Ästhetik erwartet und stattdessen ein Musical serviert bekommt, dessen Verstörungspotenzial weniger in der Form als im Inhalt liegt. Denn tatsächlich ist der Abend im Vergleich zu den harschen Formdehnungen früherer Projekte klassisches (Musik-)Theater mit fixiertem Stücktext und rumpelig-schönen Songs einer Band um den Goldene-Zitronen-Bassisten Ted Gaier: die stringent erzählte Geschichte einer jüdischen Tänzerin, die Nazis erst den Kopf verdreht und dann meuchelt. Aber gerade wenn man sich wohlwollend auf ein Musical mit Trash-Qualitäten einstellt, schlägt Royale einen weiteren Haken und unterläuft die Camp-Erwartungen. «Dolores» nämlich entpuppt sich als überraschend spröde, Mathias Becker, Friedericke Miller, Oscar Olivo und Mehmet Yilmaz agieren meist hinter Masken (eine Reminiszenz an Royales Puppenspiel-Ausbildung) auf der von verschiebbaren, abstrakten Formen strukturierten Bühne von Josa Marx. Die queere Identifikation im Camp findet nicht statt.

Vorwürfe, die Royale schon häufiger gehört hat: «Es wurden immer wieder Elemente der Travestie vermisst», versucht er, die Ablehnung zu erklären. «Ich sage das jetzt mal flapsig: Man bekam keine Federboa zu sehen. Keinen Glitzer. Aber wenn man Queerness so übersetzt, dass überall eine Glitzerfolie draufgepappt wird, dann schlafen mir auch ein bisschen die Füße ein.» Wenn freilich ein Künstler unter dem selbstgewählten Namen Tucké Royale auftritt, dann weckt das durchaus bestimmte Erwartungen. «Tucké Royale», ein Name, der quasi selbst mit Glitzerfolie umwickelt ist. Royale lacht. «Aber das ist doch total schön! Wenn Leute mit einer bestimmten Erwartungshaltung kommen, und diese Erwartung wird nicht erfüllt, dann sind die Leute ja trotzdem erst einmal da. Das passiert mir manchmal auch im Theater: dass meine Erwartungen nicht erfüllt werden. Und manchmal finde ich das auch ganz gut.»

Man sollte Royales Queernessbegriff nicht ausschließlich sexuell oder ästhetisch verstehen, obwohl er beides bis zu einem gewissen Grad natürlich auch ist. Die hier gemeinte Queerness ist aber nicht zuletzt rezeptionspraktisch: «Der Begriff der Queerness muss mobil bleiben, in Verantwortung zu den Widerständen, die einem fortwährend widerfahren. Die Queerness des «Dolores»-Abends, diese Art der Verkörperung, ist eine Strategie; es geht darum, auf einer Ebene der Selbstbestimmung autonom zu bleiben. Aber bei der nächsten Arbeit muss diese Strategie neu getroffen werden, insofern verändert sich die Gestalt der Queerness immer.» Mobile Queerness: Mit diesem Begriff kommt man schon recht nahe an das heran, was Royales Kunst ausmacht.

Freilich um den Preis, dass das Publikum mehr oder freiwillig vor den Kopf gestoßen wird. Ein Publikum, dass Camp erwartet und stattdessen in die spröde Konvention von «Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet» geworfen wird. Ein Publikum, das Selbstentblößung erwartet und stattdessen symbolpolitisch einen «Zentralrat der Asozialen» gründet. Ein Publikum, das politische Statements erwartet und stattdessen den Club-Hedonismus eines Boiband-Konzerts erlebt. Man kann nicht sagen, dass Royale es seinen Fans leicht macht. Und man kann auch nicht sagen, dass er sich diese Achterbahnfahrt der Ästhetiken und Haltungen selbst leicht macht.

Royale hat keine Freude dabei, Zuschauer zu enttäuschen; diese Enttäuschungen folgen auch keinem künstlerischen Plan, sondern entstehen als Kollateralschäden seiner queeren Praxis. «Nach Verweigerung ist mir gar nicht», beschreibt er sein nie erreichtes Ideal. «Ich stelle mir einen Theaterabend immer vor wie ein Abendessen. Ich habe für alle gekocht, und da will ich nicht nebenbei zwei Besucher vergiften. Eigentlich will ich, dass so viele Leute wie möglich einen schönen Abend mit mir haben. Es ist natürlich schade, wenn mir das nicht gelingt, aber eigentlich ist das mein Ziel.» Ein Ziel, das nicht erreicht wird. Und eine Kunst, die ihre Spannung aus diesem Widerspruch gewinnt: Dass hier jemand im Grunde seines Herzens gefallen möchte und gleichzeitig alles dafür tut, dass er, wenn überhaupt, nur eingeschränkt gefällt.

Kategorien funktionieren nicht. Da ist ein Künstler, der sein eigenes Leben zum Kunstwerk gemacht hat und sich gleichzeitig immer wieder aus dem Scheinwerferlicht entfernt. Ein Künstler, der das «Als ob» zur existenziellen Haltung adelt, aber in jedem zweiten Satz die Floskel «Ehrlich gesagt» anbringt. Ein Künstler, der mit Versatzstücken von Camp arbeitet und genau dort, wo es sich am eindeutigsten anbieten würde, auf Camp-Ästhetik fast vollkommen verzichtet. Ein Künstler, der zwischen der prekären Existenz der freien Szene und den klaren Zuständigkeiten des Stadttheaters pendelt, ein Künstler, der von der ästhetisch randständigen Puppenspielausbildung kommt. Nicht zuletzt ein Mittdreißiger, in dessen Leben sich die DDR eingeschrieben hat, 29 Jahre nach der Wende. Peter im Tierpark, ein aufgeweckter Junge im verschneiten Zoo, hinter ihm kahle Bäume, eine Giraffe, Wildschweine. Ein Künstler, der es einem recht machen will und stattdessen ziemlich viel richtig macht. Nicht zu fassen.