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Medientipp #2

Vivaldi «Gloria»

Vivaldi «Gloria»

Das Lob des Herrn hat viele Gesichter. Es kann demütig sein, erhaben frohlockend, schlicht-eingängig. Aber es kann auch so sein wie hier: überschäumend, vital, ja beinahe ausgelassen. Antonio Vivaldis «Gloria», mit großer Wahrscheinlichkeit anlässlich Venedigs Sieg gegen die Türken anno 1716 komponiert, sprüht vor diesem erquickenden Geist, der geistliche Würde mit jenem musikantischen Esprit verknüpft, für den «Il Prete Rosso» noch heute zu Recht gerühmt wird. Zumal in einer Interpretation, die jedes affirmative Pathos vermeidet, stattdessen auf brizzelnde Sprachmelodik und bewegten Rhythmus setzt: Ehre sei Gott in der Höhe des Swing!

Diego Fasolis und sein Ensemble I Barocchisti gebieten über eine gut ausbalancierte, deklamatorisch dichte, atmende Tongebung. In den schnellen Sätzen des «Gloria» lässt diese Funken sprühen, in einem elegischen Stück wie «Et in terra pax» mit seinen absteigenden Arpeggien, schattiert sie geschmeidig und im steten Puls die verschiedenen Stimmen, bringt Akzente wohldosiert zum Einsatz. Im Einklang mit den Chromatismen des Chorsatzes (der Chor des Schweizer Rundfunks besticht durch präzise Artikulation und hohe Phrasierungskunst) entsteht eine geradezu sublime Klanglichkeit.

Und ein Glücklicher, wer solch formidable Solisten an seiner Seite hat: Countertenor Franco Fagioli, der schon mit seinem Händel-Album verzückte (siehe OW 3/2018) und die Sopranistin Julia Lezhneva harmonieren aufs Beste im (erkennbar händelianisch gefügten) Sopran-Duett «Laudamus». Den berühmten feinen Unterschied jedoch zwischen diesen beiden bemerkt man, wenn man sie losgelöst voneinander vernimmt: Während Lezhnevas Stimme im «Domine Deus» doch etwas verwölbt, monochrom anmutet, auch ein bisschen stereotyp im metallischen Klang, stimmt bei Fagioli einfach alles: Figur, Farbe, Form, Fülle, Fantasie; seine continuobegleitete Arie «Domine Deus, Agnus Dei», mit der irisierenden Cello-Linie ohnehin das Feinste, was Vivaldis «Gloria» zu bieten hat, entpuppt sich als ein Höhepunkt des Albums.

Auch der zweite verdankt sich dem immensen gestalterischen und vokalen Potenzial dieses Sängers. Das «Cum dederit» aus der Psalmvertonung «Nisi dominus» unterstreicht, wie sanft und knospengleich, wie ausgewogen selbst in tiefer Lage Fagiolis hochkultivierter, technisch unantastbarer Counter zu klingen vermag. Hörte es der Herr dort droben, er würde es gewiss goutieren.

Jürgen Otten


Vivaldi: Gloria
Julia Lezhneva (Sopran), Franco Fagioli (Countertenor), Coro della Radio­televisione svizzera, I Barocchisti, Diego Fasolis 
Decca 289 483 3874 (CD); AD: 2016