Medientipps #3
Händelduette und -arien; «Welttheater» im Museum Barberini
Händel: Duette und Arien
Polen ist bislang nicht als Zentrum für Alte Musik und genuine Aufführungspraxis bekannt gewesen. Doch das ändert sich. Gerade fiel der Countertenor Kacper Szelążek in Amsterdam bei der Aufführung von Stefano Landis Tragicommedia «Morte d’Orfeo» auf. Nun hat sein Kollege Jakub Józef Orliński mit der Mezzosopranistin Natalia Kawałek, die regelmäßig am Theater an der Wien zu erleben ist, ein Album mit dem polnischen Originalklangensemble Il Giardino d’Amore herausgebracht. Seit 2012 gibt es den «Garten der Liebe», gegründet wurde er von dem Geiger Stefan Plewniak, der die Musiker auch vom Konzertmeisterpult aus leitet.
Das Programm umfasst zwölf Soli und Duette aus Händel-Opern; das prägnante Coverfoto zielt ins thematische Zentrum der Werkauswahl: liebender Hass, hassende Liebe. «Enemies in Love» lautet der shakespearehafte Titel der CD. Orliński ist die dominierende Figur – kraft der reichen Qualität seines in allen Lagen ausgeglichenen Countertenors, der gut in der Höhe anspricht und natürlich in der Tiefe Kraft entwickelt; dazu kommen unglaublich lange Phrasen, leichtfüßige Koloraturen, wobei sich manchmal ein erregtes Zittern einstellt. Als Affektmittel hat dieses Beben seine Berechtigung, etwa in «Stille amare», der großen Szene des Titelhelden in «Tolomeo».
Technisch muss der Pole keine Konkurrenz scheuen, eher in dem genauen Färben unterschiedlicher Gefühle, wie hier von Anklage, Selbstmitleid und echter Trauer über den vermeintlich bevorstehenden Tod. Ärgerlich nur, dass diese Nummer auf der CD-Hülle und in der Trackliste als ein Stück aus «Teseo» aufgeführt ist. Nur der Textabdruck ist korrekt.
Natalia Kawałek hat eine feine Sopranextension und harmoniert gut mit Orliński, neben dem sie allerdings fester klingt. Sehr schön umkreisen sich die Stimmen in Ornamenten am Schluss des Duetts Rodelinda/Bertarido aus «Rodelinda». Wenn Kawałek wie in «Furie terribili» aus «Rinaldo» aufdreht, klingt das leicht übersteuert und hart: besser als Lethargie. Ähnlich verhält es sich mit dem von Stefan Plewniak geleiteten Ensemble; im Zuge des spürbaren Enthusiasmus für die Musik sind manche Unsauberkeiten hinzunehmen. Der eingeschlagene Weg jedenfalls ist vielversprechend.
Götz Thieme
Enemies in Love: Händel-Duette und -Arien
Natalia Kawałek (Sopran), Jakub Józef Orliński (Countertenor).
Il Giardino d’Amore, Stefan Plewniak
Ëvoe Records 5905279916050 (CD); AD: 2016
Max Beckmann: «Welttheater» im Museum Barberini
Im Potsdamer Museum Barberini ist noch bis zum 10. Juni die Ausstellung «Max Beckmann: Welttheater» zu sehen. Der Titel ist etwas irreführend, denn vor allem bekommt man als Zuschauer Theaterwelt(en) zu sehen – ein barockes Panoptikum: gleichsam Menschen, Tiere, Sensationen, alles in fabelhaft kräftig-düsteren Farben und mit großer Geste gemalt. Darunter auch das berührend brachiale Familienportrait der Georges, mit Heinrich als grobschlächtig drohendem Kerl im Hintergrund, Mutter Berta Drews klein im Vordergrund, einen Sohn zärtlich umarmend – und das ist nicht Götz, sondern Jan. Vor allem aber: Man sieht die deutsche Welt zwischen den großen Krieg auf einer Bühne, die sich Beckmann gebaut hat, um das ihm Unverständliche zu begreifen – und dann aus seiner Sicht für uns zu zeigen. Sehenswert!
Michael Merschmeier
www.museum-barberini.com/ausstellung-max-beckmann.welttheater