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«The Cleaner»

The Cleaner. Marina Abramović in der Bundeskunsthalle Bonn

Welches Kunstwerk hat Ihr Leben bewegt, Sie selbst verändert? Für die wenigsten dürfte es auf diese Antwort vermutlich das eine große Ereignis geben. Auf welche Kunst-Erschütterung soll man sich besinnen? Die Erschütterung der Selbsterkenntnis durch Kunst, die endlich sortiert und formuliert, was da als Chaos in uns tobt? Die Erschütterung durch überwältigende Schönheit, die uns über unsere geniale Spezies staunen macht? Oder das Gegenteil. Die Erschütterung durch Entidealisierung, die das Widerwärtigste des Menschen spiegelt? Ein solcher «Kunst-Schock» war für mich eine über Fotos und Dokumentationen vermittelte Performance, mit der Marina Abramović eine grausame, von ihr selbst offenbar nicht ganz kalkulierte Botschaft gab: Ist der Mensch von der Verantwortung für seine Handlungen entbunden, verliert er alle Skrupel.

1974, Neapel. Marina Abramović ist 29 Jahre alt und hat ihren Körper selbst schon verschiedentlich in ihren Performances gefährdet und malträtiert. Jetzt liefert sie ihn dem Publikum als «Spielzeug» aus. «Rhythm 0. Auf dem Tisch befinden sich 72 Gegenstände, die man nach Belieben an mir verwenden kann. Ich bin der Gegenstand. Während dieser Zeit übernehme ich die volle Verantwortung.» So lautet die simple Versuchsanordnung. Auf einem Tisch neben der still dastehenden Abramović liegen im Arrangement eines Ordnungsfanatikers 72 Gegenstände, von denen viele in späteren Performances von Abramović wiederkehren werden – ihr masochistisches Fetisch-Arsenal. Eine Bürste, mit der sie sich in ihrer von Choreografen gern zitierten Performance «Art Must Be Beautiful. Artist Must Be Beautiful» brutalst das schneewittchenschwarze Haar ausrupfen wird. Honig, von dem sie in der nächsten Performance «Lips of Thomas» ein ganzes Kilo löffeln wird. Farbbecher, eine Rose, Bandagen, eine Schere, Rasierklingen, auch ein Revolver und die dazu passende Kugel. Sechs Stunden dauert die Performance, bis tief in die neapolitanische Nacht hinein. Am Ende wird Abramović von den Zuschauern betatscht, verwundet, beschmiert, beklebt sein. Ihre Kleidung ist zerschnitten, auf ihren Brustwarzen kleben Rosenblätter, die Pistole ist geladen und gegen ihren Kopf gerichtet. Eine saubere, präzise Installation hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Kunst, die das Schlechteste im Menschen hervorlockte.

In der Retrospektive «The Cleaner» in der Bonner Bundeskunsthalle wird Abramovićʼ Lebensweg nun zur Danteschen Jenseitsreise. Sie beginnt in den Höllen ihrer frühen Performances mit einer Geräuschkulisse wie in einer Folterkammer: Schreie bis zur Bewusstlosigkeit, das Klatschen von Schlägen auf nackter Haut, das dumpfe Klacken eines Messers, mit dem Abramović, die Schamanin der Schmerzen, rasend schnell zwischen ihren Fingern auf den Boden einstach. Dann die Läuterung durch eine der einfachsten menschlichen Handlungen: das Schauen. Abramović entdeckt die Magie ihres – man weiß nicht: seelenvollen oder leeren? – Blicks: Erst versenkt sie sich in das Antlitz ihres Geliebten Ulay. Dann bannt sie einen Esel mit ihren Augen, schließlich ihr Publikum in der so simplen wie spektakulären MoMa-Aktion «The Artist is Present». Ecce homo! Ein Mensch wird gesehen, ein Mensch sieht selbst. Es kann ein Leben verändern.

Nicole Strecker

«Marina Abramović - The Cleaner»
Bundeskunsthalle Bonn bis 12. August 2018
www.bundeskunsthalle.de