Medientipps
«Marx beim Barbier», Kurzfilmtage Oberhausen
Uwe Wittstock «Karl Marx beim Barbier»
Der Titel ist ebenso schlicht wie ergreifend, denn man weiß sofort: «Der Bart muss ab!» Und man wird neugierig: Wann, wie, warum? Aber das Warum wird hier nicht verraten, der Titel wirkt wie der Cliffhanger am Ende einer Serien-Staffel und soll zum Lesen verführen. Uwe Wittstock, lange Literatur-Redakteur bei FAZ, Welt und Focus und Verlagslektor, weiß, wie man das macht. Und er weiß, wie man eine vermeintlich schon sehr geläufige Biographie noch mal (fast wie) neu erzählt.
Es ist also: ein «Erzählendes Sachbuch». Mit genauer Kenntnis der Akten- und Faktenlage und unter Verwendung bislang unpublizierter Briefe erkundet Wittstock Marxens Biographie, kriecht gleichsam als teilnehmender Beobachter in den Kopf des bürgerlichen jungen Mannes, aus dem ein revolutionärer Philosoph wird – und erörtert Werk und Wirken nicht allein aus den Buchstaben, sondern aus dem Geist des Schriftstellers Marx.
Wittstocks brillanter Struktur-Streich: Er erzählt auf der einen Ebene die Reise des 64-jährigen Marx nach Algier im Jahr 1882, kurz nach dem Tod seiner Frau Jenny und kurz vor seinem eigenen. Marx soll auf Anraten der Ärzte in mediterraner Sonne seine Lungenkrankheit kurieren; doch daraus wird nichts, weil das Wetter nicht mitspielt, sondern ihm mitspielt. In der sinnleeren Zeit der misslingenden Kur räsonniert der Alte. Es entsteht aus erinnerten Punkten eine pointillistische Kontur des Gewesenen. Die introspektive Nacherzählung hat durchaus selbst literarische Qualität. Und im Reißverschlussverfahren verzahnt Wittstock die Episode in Algier dabei leichthändig mit der Vergangenheit – die Passagen kommen dann im Ton eher sachlich biographisch daher.
Dabei treten – zumindest für mich – verblüffende Aspekte zu Tage, wie etwa Marxens Shakespeare- und Theater-Liebe (von Wittstock für «Das TheaterMagazin» ausführlicher als im Buch beschrieben). Aber auch der Spieler im kommunistisch denkenden Bürger, der Hasardeur wird erkennbar, während er die Licht- und Schattenseiten des Kapitalismus etwa beim Besuch im Kasino gierig auslotet.
Und: Marx arbeitet, so wie es Wittstock schildert, tatsächlich ähnlich an seinem Werk wie Proust später an seiner «Recherche», denn mit jeder Wirklichkeitserfahrung wird um- und weitergeschrieben: «Auf der Suche nach politischen Ökonomie», nur – ganz anders als in Prousts Fall – ohne das dafür nötige (Eigen-)Kapital. Aber Marx hat seinen Schutz-Engels, der ihm über die letzten Lebensjahrzehnte hin eine halbwegs bürgerliche Existenz ermöglicht mit Zuwendungen von (nach heutigem Wert) mindestens einer halben Million Euro.
Vor allem auch die oft verdrängten Schattenseiten werden deutlich: Marxens Unvermögen, lebenspraktisch aus dem Schatten seiner bürgerlichen Herkunft zu treten; sein latenter, vermutlich auch aus jüdischem Selbsthass geronnener Antisemitismus; seine Kälte gegenüber dem Leiden der eigenen Familie unter seinem Werk-Egoismus, dem alles unterworfen wurde; sein Doppelleben – als Ehemann der ehedem aus «wahrer» Liebe geheirateten, acht Jahre älteren Jenny von Westphalen und als gleichzeitig langjähriger Liebhaber des Dienst- und Kindermädchens Helena Demuth, deren gemeinsamen Sohn Henry Frederick dann Freund und Förderer Friedrichs Engels wie einen Sohn versorgt.
Eine Lichtgestalt war Marx nicht, alles in allem, sondern ein Mann in seinem Widerspruch – und mithin: interessant. Wie Uwe Wittstocks biographisches Blitzlicht auf «Karl Marx beim Barbier».
Michael Merschmeier
Uwe Wittstock: «Karl Marx beim Barbier. Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs»; Blessing Verlag, München 2018.
Kurzfilmtage Oberhausen
Vom 3. bis 8. Mai laden die Kurzfilmtage zum 64. Mal nach Oberhausen. Ob in den 53 Filmen im internationalen Wettbewerb, den 23 Produktionen im Deutschen Wettbewerb, den 37 Arbeiten für den Kinder- und Jugendfilm oder zahlreichen Filmen in vier neuen Sektionen gibt es Unzähliges zu entdecken. Und auch wer nicht hinfahren kann, findet einen wunderbaren Einblick in den Charme und die Möglichkeiten des Genres in der Publikumsumfrage MuVi Online, bei der man unter 20 Kandidaten seinen Liebling aussuchen kann. Vom Damenbart bis zu den schönsten Duschszenen der Filmgeschichte findet man hier Skurriles, Gelungenes, Kreatives und Absurdes. Abstimmen kann man noch bis zum 5. Mai.
https://www.kurzfilmtage.de/festival/sektionen/muvi/muvi-online/