Kapital und Drama
Was Marx von Shakespeare lernte
Sein Schwiegersohn Paul Lafargue beschrieb das Londoner Arbeitszimmer von Karl Marx als eine etwas chaotische Gelehrtenklause: Von Kamin und Fenster abgesehen, war jeder Zentimeter bedeckt von Regalen, «die mit Büchern gefüllt und bis zur Decke mit Zeitungspaketen und Manuskripten überladen waren.» Selbst die Tische waren «voll mit Papieren, Büchern und Zeitungen», und auch «auf dem Kamin lagen noch Bücher, dazwischen Zigarren, Zündhölzer, Tabaksbehälter...»
In diesen Regalen versammelte Marx allerdings nicht nur Fachbücher zur Politik, Philosophie oder Volkswirtschaft, sondern daneben eine riesige Sammlung literarischer Werke. Und zwei der wichtigsten Schriftsteller, zu denen er immer wieder zurückkehrte, waren Klassiker des Theaters: Aischylos und Shakespeare.
«Jedes Jahr», schreibt Paul Lafargue über seinen Schwiegervater, «las er Aischylos im griechischen Urtext; ihn und Shakespeare verehrte er als die beiden größten dramatischen Genies, welche die Menschheit hervorgebracht. Shakespeare, für den seine Verehrung unbegrenzt war, hatte er zum Gegenstand eingehendster Studien gemacht; er kannte auch seine geringfügigsten Figuren. In der ganzen Familie wurde mit dem großen englischen Dramatiker ein wahrer Kultus getrieben.»
Es wäre nicht nur oberflächlich, sondern schlicht falsch, dieses hartnäckige Interesse als biographische Anekdote oder Bildungsbeflissenheit abzutun. Schon in der Jugend gehörte Marx’ Leidenschaft der Literatur, als Student hatte er Dichter werden wollen und Vorlesungen bei August Wilhelm Schlegel besucht, einem der Vordenker der deutschen Romantik. Obwohl manche Manuskripte verloren gingen, sind etliche hundert Gedichte von ihm erhalten geblieben. Er verwarf sie schließlich als epigonal, überspannt, kitschig – und kaum einer, der sie gelesen hat, wird diesem Urteil widersprechen wollen. Marx’ Talente lagen zweifellos auf anderem Gebiet.
Aber auch wenn er seinen lyrischen Ambitionen abschwor, verabschiedete er sich nie von der Literatur. Neben Aischylos und Shakespeare zählten Cervantes und Goethe zu seinen Hausheiligen, mit Heinrich Heine war er befreundet, die bedeutenden Romanciers seiner Zeit, Balzac und Victor Hugo, Dickens und Thackeray, Charlotte Brontë und Elizabeth Gaskell las er mit großer Aufmerksamkeit. Denn die Beschäftigung mit Literatur war für Marx immer auch ein Erkenntnisinstrument, ein Mittel, durch das er Gegenwart, Geschichte und Gesellschaft genauer zu begreifen versuchte.
Das begann ganz banal bei den sprachlichen Grundlagen. Als Marx in Trier aufwuchs, ließ er sich von seinem Vater mit dessen Begeisterung für aufklärerische Schriftsteller wie Voltaire und Rousseau anstecken und machte das Französische so zu einer zweiten Muttersprache, in der er sogar eines seiner ersten Bücher «Das Elend der Philosophie» schrieb. Und als er 1849 nach London ins Exil gehen musste, waren es die Werke Shakespeares, die ihm halfen, das Englische bald schon so gut zu beherrschen, dass er als Journalist für Zeitungen wie die «New York Daily Tribune» arbeiten konnte.
Daneben aber lieferte ihm die Literatur ein riesiges Repertoire von Charakteren und Typen, in denen er – im Guten wie im Schlechten – die Menschen und die Welt wiedererkannte. Von seinen frühen Zeitungsartikeln bis hin zum «Kapital» und seinen späten Essays breitet sich über sein gesamtes Werk ein Netz literarischer Anspielungen und Zitate aus. Sie halfen ihm, gesellschaftliche Klassen, Schichten, Milieus gleichsam soziologisch zu beschreiben und erkennbar zu machen zu einer Zeit, in der die Soziologie als Wissenschaft noch nicht erfunden war.
Und Marx stattete den Literaten für diese Erkenntnishilfe ausdrücklich seinen Dank ab: «Die derzeitige glänzende Bruderschaft der Romanschriftsteller Englands – deren anschauliche und beredte Seiten der Welt mehr politische und soziale Wahrheiten vermitteln, als alle Berufspolitiker, Publizisten und Moralisten zusammengenommen von sich gegeben haben – hat jede Schicht der Bourgeoisie beschrieben, vom ‚allervornehmsten’ Rentier und Inhaber von Staatspapieren ... bis zum kleinen Ladenbesitzer und Advokatengehilfen. Und wie haben Dickens und Thackeray, Fräulein Brontë und Frau Gaskell die gezeichnet? Voller Anmaßung, Heuchelei, kleinlicher Tyrannei und Ignoranz.»
Diese Bereitschaft, sich von der Literatur über die Typologie des gesellschaftlichen Lebens belehren zu lassen, hat bei Marx allerdings auch verstörende Züge. So griff er, wenn es darum ging, den rücksichtslosen Seiten des Kreditgeschäfts eine anschauliche Gestalt zu verleihen, gern auf Shakespeares Shylock zurück (aus dem von August Wilhelm Schlegel übersetzten «Kaufmann von Venedig»). «Unter einem ‚guten’ Mann», so schrieb Marx beispielsweise, verstehe man in der Finanzbranche, «wie Shylock, einen ‚zahlbaren’ Mann». Obwohl sein Großvater noch Rabbi von Trier gewesen war und Marx selbst nur deshalb als Protestant aufwuchs, weil sein Vater sich aus beruflichen Rücksichten hatte taufen lassen, schreckte er, wenn er über die «Judenfrage» schrieb, vor platten antisemitischen Verkürzungen nicht zurück: «Betrachten wir den weltlichen Juden, nicht den Sabbatjuden ..., sondern den Alltagsjuden. Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.»
Welche enorme Rolle die Literatur in seinem Denken spielte bei den ersten Versuchen, die Bedeutung des Wirtschaftssystems für Politik und Gesellschaft zu begreifen, zeigen etwa die frühen «Ökonomisch-philosophischen Manuskripte», die er mit Mitte Zwanzig in Paris schrieb. Wie sehr sich im Geld die Arbeitsleistung gleichsam kondensiert, wie sehr Geld das gesellschaftliche Verhalten bestimmt, wie sehr Geld das Verhältnis des Menschen zur Welt verändert – all das macht sich Marx hier an Passagen aus zwei großen Theaterstücken klar:
«Wenn ich sechs Hengste zahlen kann», zitiert er Goethes Mephisto, «sind ihre Kräfte nicht die meinen? / Ich renne zu und bin ein rechter Mann / Als hätt’ ich vierundzwanzig Beine.» Und erinnert dann an Shakespeares Timon von Athen, der das Geld die «sichtbare Gottheit» nennt, die alles und jeden verwandeln kann: «So viel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön; / Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.»
«Shakespeare schildert das Wesen des Geldes trefflich», notiert Marx unter diesen beiden Zitaten: «Was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß ist die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht häßlich, denn die Wirkung der Häßlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet. Ich – meiner Individualität nach – bin lahm, aber das Geld verschafft mir 24 Füße; ich bin also nicht lahm.»
Hier kann man Marx förmlich beim Denken zuschauen, kann beobachten, wie Ideen zu keimen beginnen, die ihn erkennen lassen, in welchem Maße das wirtschaftliche Sein das Bewusstsein des Menschen bestimmt und ihn seiner Individualität entfremden kann. Natürlich musste Marx dazu noch lange, windungsreiche Denkwege zurücklegen, auf denen er sich an philosophischen und volkswirtschaftlichen Kenntnissen orientierte. Doch wie viel er dabei der Literatur verdankte, verlor er nie aus dem Blick.
Man sollte allerdings auch nicht aus dem Blick verlieren, wie hartnäckig Marx in seinen Beschreibungen von Gesellschaft und Geschichte auf dramatische, gleichsam Shakespearsche Kategorien zurückgreift. Wie bei den großen Klassikern des Theaters stehen in seinem Denken immer wieder Spaltungen, Antagonismen, Konflikte, (Klassen-)Kämpfe im Vordergrund, die auf radikale Umbrüche zielen, auf Revolutionen eben, denen dann eine Art globale Katharsis und Erlösung folgen. Für die humanisierende Kraft der mühsamen, aber friedlichen Reformen, des Interessenausgleichs oder des Kompromisses blieb bei ihm nicht viel Raum. Vielleicht war für Marx – mehr als es die Marxisten wahrhaben wollen – die Welt im tiefsten Grunde seines Bewusstseins eine Bühne, auf der er sich gar nichts anders vorstellen konnte als gigantische, unweigerlich auf den Showdown zustrebende Dramen.