Oder mit einem Kuscheltier, wie Sie das sehr anschaulich in den «Gezeichneten» an der Komischen Oper Berlin betrieben haben.
(lacht) Ach ja, das war lustig. Aber im Ernst: Mein Spiel ist sehr abhängig davon, wer mein Partner ist. Das ist wie Pingpong, Aktion und Reaktion; der nächste Schritt ist ja immer davon abhängig, was er anbietet. Und wenn da nur tote Augen sind und hohler Gesang, nun ja, was soll man machen. Aber in meinem neuen Repertoire ist das Kontingent an guten Kollegen groß.
Das heißt, Sie haben jetzt tolle Partner?
Vermutlich schon. Wenn man einen Cavaradossi singt, weiß man: Es ist egal, was vorher und nachher geschieht, es geht letztlich nur um dieses verflixte hohe B. Und das erzeugt enormen Stress. Im anderen Repertoire ist das Gesamtergebnis weitaus wichtiger. Und das macht die Sänger viel freier.
Wissen Sie, bevor Sie zur Konzeptionsprobe gehen, wer Carlotta, Salome oder Renata ist?
Absolut nicht. In den ersten Jahren habe ich den Fehler gemacht, mir vorher Gedanken zu machen – vergeudete Zeit, das spare ich mir inzwischen. Es ist viel interessanter, eine Figur erst während der Proben entstehen zu lassen. Eines habe ich gelernt im Leben: Es gibt Sachen, über die man die Kontrolle hat, und es gibt Sachen, über die man keine Kontrolle hat. Und das ist eine davon.
Wenn der Regisseur Ihnen ein Konzept vorlegt, das schwach ist – was dann?
Ich versuche zu verstehen, was genau er damit will, es mir nach Kräften auch anzueignen. Vor einigen Jahren hatte ich einen solchen Fall. Ein toller Regisseur. Aber sein Frauenbild war überaus seltsam. Er sah Frauen, wie sie eventuell noch für die 1970er-Jahre typisch waren: als Hausfrau. Und ein solches Hausmütterchen sollte ich spielen. Das ging mir sehr stark gegen den Strich.
Beim Blick auf die Liste der Regisseure, mit denen Sie in der jüngeren Vergangenheit zusammengearbeitet haben, fällt auf: Darunter ist mit Tatjana Gürbaca nur eine Frau. Der Rest sind Männer, einige von ihnen Patriarchen vom alten Schlage. Ist das, kurz gesagt, nicht womöglich ein Problem, dass es Männer sind, die Ihnen sagen, welche Frau Sie auf der Bühne zu sein haben? Oder ist er vielleicht gerade hilfreich, dieser männliche Blick?
Ich sehe da keinen Unterschied. Es geht für mich vielmehr darum: Ist er ein Frauenhasser? Oder ein Frauenliebhaber? Man merkt sehr schnell und ziemlich deutlich, welchen Frauentyp der Regisseur mag, wie er die Frauen sieht, wie er sie anschaut. Und so inszeniert er sie auch. Es ist offenkundig, wenn ein Regisseur blonde Barbies mag. Mit mir klappt das nie, und wir sind beide unglücklich. Aber Gott sei Dank treffe ich sehr oft Regisseure, die das Tier in mir mögen. Und dann wird die Arbeit ein Erfolg. Ich hatte Glück in den letzten Jahren mit den Regisseuren. Keiner von ihnen hatte Angst vor meiner komischen Energie.
Was ist das für eine «komische Energie»?
Ich bin nicht süß. Wohl sensibel, aber nicht fragil. Nicht typisch «blond».
In der Literatur des 19. Jahrhunderts gab es, grosso modo, drei Frauentypen: den dämonischen, diabolisch-destruktiven Charakter, den häuslichen Engel und die sexuell freizügige, die gefallene Frau. Ihre Bianca war Typ drei, oder?
Das ist richtig. Ich arbeite sehr oft mit Tierbildern. Und als Bianca war ich eine geile, gierige, läufige Katze. Was zur Geschichte passte, denn die ist – was ich grundsätzlich sehr mag – nicht realistisch. Sondern verzerrt.
Stimmt der Eindruck, dass Sie, egal ob es eine Bianca, eine Carlotta, eine Katerina oder eine Salome ist, gerne bis zum Äußersten gehen?
Ja. Für mich ist Oper die höchste Art der Verschmelzung verschiedener Ausdrucksformen. Gesang ist nur ein Teil davon, etwa 40 Prozent. 60 Prozent sind Spiel, Bewegung, Energie. Das ist für mich viel spannender. Wenn du ausschließlich schönen Gesang haben willst, gehst du ins Konzert oder kaufst dir eine CD.
Warum sind Sie nicht Schauspielerin geworden?
Ich habe schon als Kind gesungen. Singen war für mich elementarer, natürlicher Ausdruck. Und ich finde schon, dass Oper etwas hat, das dem Schauspiel letztlich doch fehlt: Durch Musik erreicht man die Seele viel tiefer als durch Worte. Schauspiel ist realistischer, Oper ist irreal. Man spielt nicht, was im realen Leben existiert. Man spielt die Gefühle. Es ist wie ein Tanz.
Die Wagner-Frauen, die Sie verkörpert haben, tanzen nicht.
Richtig. Wagner ist ein ewiges Rätsel. Ich habe ihn nie wirklich verstanden. Seine Personage ist nicht lebendig.
Gilt das auch für Sieglinde, Gutrune, Isolde und Venus?
Ja. Die Situationen bei Wagner sind menschlich. Aber die Menschen sind es nicht. Sie sind nur Träger von Ideen. Von Gut und Böse, Treue und Untreue und so weiter ... Das ist mir zu wenig. Ich kann nicht spüren, was Kundry bewegt, so zu sein, wie sie ist. Ich sehe ihren Kern nicht. Das Gleiche mit Venus: Der Kern ist nicht klar. Ich kann mir das zulegen. Aber es fehlt irgendetwas, wenn ich das singe.
Hat Wagner womöglich von Frauen nichts verstanden? Und besaß er nur eine Idee von der Frau?
Er hat nicht einmal eine Idee von der Frau. Er hat nur die Idee eines Mannes von den Eigenschaften der Frau.
Gut. Dann zitiere ich eine Frau. «Die Frau ist alles, was der Mann begehrt, und alles, was er nicht erlangt.»
(lacht) Das ist sehr gut. Wer hat das geschrieben?
Simone de Beauvoir. Geben Sie ihr recht?
Unbedingt. Andererseits weiß die Frau sehr oft auch selber nicht, was sie ist.
Liegt es an den von Männern definierten gesellschaftlichen Bedingungen?
Nein. Heutzutage stimmt das nicht mehr. Außerdem würde ich es erweitern. Es ist der Mensch, der sehr oft nicht weiß, was er ist.
Vielleicht ein Versprechen auf etwas anderes, Höheres?
Der Mensch ist ein Tier. Etwas Schrecklich-Schönes.
Und was macht ihn schön?
Die Fähigkeit zu lieben.
Das Interview führt Jürgen Otten