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«Ich bin nicht süß»

Die litauische Sopranistin Ausrine Stundyte

Sie gilt als Spezialistin für extreme Rollen, für dämonische, gefallene, verratene Heldinnen, für Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Abseits der Bühne erweist sich die litauische Sopranistin Ausrine Stundyte als eine außerordentlich reflektierte Persönlichkeit – mit außergewöhnlichen Ansichten. Ein Gespräch über Männer, das Leben, die Liebe, den Tod – und über den Eindruck, dass Wagner wenig von Frauen versteht.

Frau Stundyte, wollen wir über Männer reden?
Sehr gerne. Alles, was Sie wollen.

Gut. Es fällt auf, dass Sie hauptsächlich Rollen von Frauen singen, die erstens extrem sind, zweitens von Männern verraten oder verkauft werden und drittens häufig am Ende das Zeitliche segnen. 
Nun, das ist wohl das Schicksal eines Soprans.

Wie viele Bühnentode sind Sie schon gestorben?
Das weiß ich nicht. Ich habe aber auch die Männer nicht gezählt, die ich auf der Bühne schon geliebt habe.

Aber der Tod ist doch interessanter als die Liebe.
Finden Sie?

Ja. Denn der Tod definiert uns von Anfang an. In dem Moment, wo wir die Erde betreten, sind wir dazu verdammt.
Ja, das stimmt. Die Frage ist nur, ob es interessanter ist, sich damit zu beschäftigen – oder nicht vielleicht doch lieber mit der Liebe.

Kann man Männer lieben?
Gegenfrage: Kann man Frauen lieben?

Ja, man muss sie lieben.
Sehen Sie! Und das Gleiche gilt für Männer.

Ich würde es anders definieren: Eine Frau muss man lieben, weil sie eine Frau ist.
Das mögen Sie so sehen. Ich hingegen finde Männer interessanter als Frauen. Von Frauen, und damit meine ich vor allem solche, die hinterlistig und egoistisch sind, fühle ich mich eher bedroht. Ich wusste nie, was ich mit ihnen anfangen oder reden soll, fand sie immer unzuverlässig und gefährlich. Ein Glück, dass ich auch andere Frauen kenne: fabelhafte, wunderbare Wesen, die alle Klischees über Bord werfen und das Gegenteil bezeugen. Männer aber sind grundsätzlich anders. Sie sind direkter, klarer. Wenn sie dich nicht mögen, schlagen sie dir, metaphorisch gesprochen, ins Gesicht. Männer sind wie Deutschland.

Das müssen Sie mir erklären. Was ist männlich an Deutschland?
Die Verhältnisse zwischen den Menschen sind es. Was versprochen wird, wird – zumindest in den meisten Fällen – auch gehalten. Wenn man dich nicht mag, wird dir das gesagt. Und das spart unheimlich viel Energie und Zeit. So hart es sein mag – ich bevorzuge das. Vielleicht auch deswegen, weil ich ein wenig maskulin bin – und weil meine Sicht auf die Dinge maskulin ist.

Eine recht interessante Position für eine Frau!
(lacht) Ich weiß. Aber ich stehe dazu.

Umso interessanter, dass Sie die exponierten Rollen, die Sie verkörpern, immer auch ins Extreme treiben. Da sind Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs wie Carlotta oder die Titelfigur in «Selma Ježková» von Poul Ruders. Da sind unterjochte Frauen wie Judith oder Katerina Ismailova. Und da sind noch diese vier Puccini-Frauen. Alle müssen (oder wollen) sterben. Ganz schön viel Drama.
Das stimmt. Aber ich gebe Ihnen ja recht. Auch ich fand den Tod seit jeher  sehr faszinierend. Ich liebte Begräbnisse, ich liebte es, Leichen anzuschauen, diese ganzen Zeremonien drumherum.

Schon als Kind?
Ja. Ich konnte nicht verstehen, warum Menschen dem Tod als Thema ausweichen, mithin der Frage nach dem Sinn des Lebens und dem des Todes. Ich habe meine Schwester, als sie 18 Jahre alt war, gefragt: «Denkst du an den Tod?» Und sie antwortete: «Nein. Warum sollte ich?» Sehen Sie, und genau das ist mir fremd. Denn es ist der Tod, der dem Leben Sinn gibt. Der Tod ist ein Mysterium in sich selbst. Und das hatte für mich nie etwas Furchtbares oder Tragisches. Ich empfand den Tod stets als Erlösung. Als etwas Schönes.

Dann wären Sie eigentlich dafür prädestiniert, die Isolde zu singen. Ist aber nicht ganz Ihr Fach, oder?
Nein. Generell jedoch ist es so: Wenn ich etwas spielen muss, das nicht meinem Denken oder Fühlen entspricht, dann klappt das nicht. Das heißt nicht, dass ich die böse, verrückte Frau im normalen Leben bin, aber wahrscheinlich gibt es in mir irgendetwas, das ich mir, obwohl es mir nicht gänzlich fremd ist, nie erlaubt habe zu sein. Diese Energie darf dann auf der Bühne heraus. Und ich identifiziere mich auch nicht mit der Rolle, die ich spiele und singe. Ich bin weder Renata oder Tosca noch Bianca, Carlotta oder Salome. 

Sondern immer Ausrine?
Ja, absolut. Aber die Ausrine, die auf der Bühne steht und singt. Es ist seltsam. Aber manchmal denke ich, dass ich dort oben lebendiger bin als in der Realität. Außerdem darf ich als Bühnengestalt Dinge tun oder zumindest denken, für die ich im normalen Leben ins Gefängnis gehen würde.

Sie kommen den Figuren nahe, kriechen aber nicht völlig in sie hinein?
Ja.

Wie gelingt es Ihnen dann beispielsweise, in Zemlinskys «Florentinischer Tragödie» eine Bianca so zu spielen, dass man den ganzen Abend denkt: «Das ist tatsächlich Bianca»? Vereinnahmen Sie diese Figuren so sehr für sich, dass Sie vielleicht unbewusst doch diese Figur sind?
Die Gefühle Biancas sind Erinnerungen an Gefühle, die ich selbst hatte. Es sind Energiekugeln, die ein eigenes Leben haben. Wenn ich das Glück habe, mit einem Regisseur zu arbeiten, der das unterstützt und damit umgehen kann, dann entsteht eine solch wunderbare Arbeit wie in Amsterdam mit Jan Philipp Gloger, und dann muss ich mir nicht untreu werden. Ich schöpfe aus mir selbst. Und daraus wiederum erwächst jenes Gefühl von Authentizität, das die Zuschauer wahrnehmen. Und die spüren ganz extrem, wenn ich nicht ich bin. Solche Rollen haben keinen Erfolg beim Publikum. Daher weiß ich nicht, ob ich eine gute Schauspielerin bin. Ich weiß nur, dass ich nicht das tun kann, was nicht in mir ist.

Das würde jedoch bedeuten, dass Sie auf der Bühne doch weit mehr Ausrine sind als die Figur, die Sie verkörpern.
Ja. Und nein. Waren Sie jemals in Ihrem Leben so böse, dass Sie jemanden hätten umbringen können oder wollen?

Nein. 
Gut, dann sagen wir: Sie schlagen jemanden. Oder Sie waren zumindest nahe dran. Die Energie hätte gereicht, wenn ...

Ich kann es einfach nicht.
Okay. Was ich meine, ist: Sie können sich vielleicht vorstellen zurückzuschlagen. Aber Sie haben es nicht getan, weil Sie ein zivilisierter Mensch sind. Dennoch wohnt das Tier in uns. In einem ein Hase, im andereren ein Krokodil.

Gut, ich wähle den Hasen. Und was sind Sie? Das Krokodil?
Ich bin ein Waschbär. Also eigentlich sehr nett, sehr kuschelig. Aber die anderen Tiere greifen den Waschbären nie an, weil sie wissen, dass dies sehr unangenehm für sie werden könnte.

Können Sie unangenehm werden?
Sehr selten. Und man muss mich über die Maßen provozieren. Aber ich will das nicht. Ich glaube an diese Flower-Power-Ideale, an die Idee, dass alle in Harmonie zusammenleben könnten und nicht zu Raubtieren werden müssen.

Unsere Gesellschaft ist anders. Sie erzeugt lauter Singularitäten.
Das stimmt. Wir sind ein bisschen gezwungen, so zu sein. Jeder kämpft gegen jeden.

Warum aber kämpfen wir nicht für etwas?
Weil es für uns alle zunächst darum geht zu überleben.

Aber genau das können wir nicht. Der Tod, wie gesagt, kommt sowieso. Er ist der starke Mann oder die starke Frau. Nicht wir sind es.
Ja, aber der Weg bis dahin kann entweder angenehm sein oder nicht.

Wissen Sie, wie Sie etwas gestalten müssen, damit es angenehm wird?
Ja. Das ist im Grunde sehr einfach. Man verwendet Energie und Zeit nur auf die richtigen Menschen. Man giert nicht nach sozialen Beziehungen, die leer sind. Und man lernt, allein zu sein.

Und die Liebe? Kommt sie von allein? 
Sie kommt, wenn man sie nicht erwartet.

Und der Hass? 
Den mag ich nicht empfinden. Was ich allerdings wohl zuweilen empfinde, ist, dass mein Gegenüber ein steriles Nichts ist.

Was aber ist, wenn Sie auf einer Probe auf jemanden treffen, der Ihren Liebhaber spielen soll, aber genau das ist: ein steriles Nichts?
Ehrlich gesagt, habe ich noch nie so jemanden getroffen. Weit häufiger aber begegnen mir diese narzisstischen Wesen, die viel zu sehr auf sich schauen,  anstatt sich zu konzentrieren. Wir versuchen doch in jeder Produktion aufs Neue, ein Wunder zu schaffen und die Menschen, die uns zuschauen, in eine andere Dimension zu versetzen. Und das ist sehr anstrengend. Da muss man, um gemeinsam etwas zu erreichen, sein Ego ein bisschen zurückstellen können. Wenn man aber einen Partner hat, der nur mit sich selbst beschäftigt ist, dann kommt da nichts. Dann kann man genauso gut mit der Wand spielen.

Oder mit einem Kuscheltier, wie Sie das sehr anschaulich in den «Gezeichneten» an der Komischen Oper Berlin betrieben haben.
(lacht) Ach ja, das war lustig. Aber im Ernst: Mein Spiel ist sehr abhängig davon, wer mein Partner ist. Das ist wie Pingpong, Aktion und Reaktion; der nächste Schritt ist ja immer davon abhängig, was er anbietet. Und wenn da nur tote Augen sind und hohler Gesang, nun ja, was soll man machen. Aber in meinem neuen Repertoire ist das Kontingent an guten Kollegen groß.

Das heißt, Sie haben jetzt tolle Partner?
Vermutlich schon. Wenn man einen Cavaradossi singt, weiß man: Es ist egal, was vorher und nachher geschieht, es geht letztlich nur um dieses verflixte hohe B. Und das erzeugt enormen Stress. Im anderen Repertoire ist das Gesamtergebnis weitaus wichtiger. Und das macht die Sänger viel freier.

Wissen Sie, bevor Sie zur Konzeptionsprobe gehen, wer Carlotta, Salome oder Renata ist?
Absolut nicht. In den ersten Jahren habe ich den Fehler gemacht, mir vorher Gedanken zu machen – vergeudete Zeit, das spare ich mir inzwischen. Es ist viel interessanter, eine Figur erst während der Proben entstehen zu lassen. Eines habe ich gelernt im Leben: Es gibt Sachen, über die man die Kontrolle hat, und es gibt Sachen, über die man keine Kontrolle hat. Und das ist eine davon.

Wenn der Regisseur Ihnen ein Konzept vorlegt, das schwach ist – was dann?
Ich versuche zu verstehen, was genau er damit will, es mir nach Kräften auch anzueignen. Vor einigen Jahren hatte ich einen solchen Fall. Ein toller Regisseur. Aber sein Frauenbild war überaus seltsam. Er sah Frauen, wie sie eventuell noch für die 1970er-Jahre typisch waren: als Hausfrau. Und ein solches Hausmütterchen sollte ich spielen. Das ging mir sehr stark gegen den Strich.

Beim Blick auf die Liste der Regisseure, mit denen Sie in der jüngeren Vergangenheit zusammengearbeitet haben, fällt auf: Darunter ist mit Tatjana Gürbaca nur eine Frau. Der Rest sind Männer, einige von ihnen Patriarchen vom alten Schlage. Ist das, kurz gesagt, nicht womöglich ein Problem, dass es Männer sind, die Ihnen sagen, welche Frau Sie auf der Bühne zu sein haben? Oder ist er vielleicht gerade hilfreich, dieser männliche Blick?
Ich sehe da keinen Unterschied. Es geht für mich vielmehr darum: Ist er ein Frauenhasser? Oder ein Frauenliebhaber? Man merkt sehr schnell und ziemlich deutlich, welchen Frauentyp der Regisseur mag, wie er die Frauen sieht, wie er sie anschaut. Und so inszeniert er sie auch. Es ist offenkundig, wenn ein Regisseur blonde Barbies mag. Mit mir klappt das nie, und wir sind beide unglücklich. Aber Gott sei Dank treffe ich sehr oft Regisseure, die das Tier in mir mögen. Und dann wird die Arbeit ein Erfolg. Ich hatte Glück in den letzten Jahren mit den Regisseuren. Keiner von ihnen hatte Angst vor meiner komischen Energie.

Was ist das für eine «komische Energie»?
Ich bin nicht süß. Wohl sensibel, aber nicht fragil. Nicht typisch «blond».

In der Literatur des 19. Jahrhunderts gab es, grosso modo, drei Frauentypen: den dämonischen, diabolisch-destruktiven Charakter, den häuslichen Engel und die sexuell freizügige, die gefallene Frau. Ihre Bianca war Typ drei, oder?
Das ist richtig. Ich arbeite sehr oft mit Tierbildern. Und als Bianca war ich eine geile, gierige, läufige Katze. Was zur Geschichte passte, denn die ist – was ich grundsätzlich sehr mag – nicht realistisch. Sondern verzerrt.

Stimmt der Eindruck, dass Sie, egal ob es eine Bianca, eine Carlotta, eine Katerina oder eine Salome ist, gerne bis zum Äußersten gehen?
Ja. Für mich ist Oper die höchste Art der Verschmelzung verschiedener Ausdrucksformen. Gesang ist nur ein Teil davon, etwa 40 Prozent. 60 Prozent sind Spiel, Bewegung, Energie. Das ist für mich viel spannender. Wenn du ausschließlich schönen Gesang haben willst, gehst du ins Konzert oder kaufst dir eine CD.

Warum sind Sie nicht Schauspielerin geworden?
Ich habe schon als Kind gesungen. Singen war für mich elementarer, natürlicher Ausdruck. Und ich finde schon, dass Oper etwas hat, das dem Schauspiel letztlich doch fehlt: Durch Musik erreicht man die Seele viel tiefer als durch Worte. Schauspiel ist realistischer, Oper ist irreal. Man spielt nicht, was im realen Leben existiert. Man spielt die Gefühle. Es ist wie ein Tanz.

Die Wagner-Frauen, die Sie verkörpert haben, tanzen nicht.
Richtig. Wagner ist ein ewiges Rätsel. Ich habe ihn nie wirklich verstanden. Seine Personage ist nicht lebendig.

Gilt das auch für Sieglinde, Gutrune, Isolde und Venus?
Ja. Die Situationen bei Wagner sind menschlich. Aber die Menschen sind es nicht. Sie sind nur Träger von Ideen. Von Gut und Böse, Treue und Untreue und so weiter ... Das ist mir zu wenig. Ich kann nicht spüren, was Kundry bewegt, so zu sein, wie sie ist. Ich sehe ihren Kern nicht. Das Gleiche mit Venus: Der Kern ist nicht klar. Ich kann mir das zulegen. Aber es fehlt irgendetwas, wenn ich das singe.

Hat Wagner womöglich von Frauen nichts verstanden? Und besaß er nur eine Idee von der Frau?
Er hat nicht einmal eine Idee von der Frau. Er hat nur die Idee eines Mannes von den Eigenschaften der Frau.

Gut. Dann zitiere ich eine Frau. «Die Frau ist alles, was der Mann begehrt, und alles, was er nicht erlangt.»
(lacht) Das ist sehr gut. Wer hat das geschrieben?

Simone de Beauvoir. Geben Sie ihr recht?
Unbedingt. Andererseits weiß die Frau sehr oft auch selber nicht, was sie ist.

Liegt es an den von Männern definierten gesellschaftlichen Bedingungen?
Nein. Heutzutage stimmt das nicht mehr. Außerdem würde ich es erweitern. Es ist der Mensch, der sehr oft nicht weiß, was er ist.

Vielleicht ein Versprechen auf etwas anderes, Höheres?
Der Mensch ist ein Tier. Etwas Schrecklich-Schönes.

Und was macht ihn schön?
Die Fähigkeit zu lieben.

Das Interview führt Jürgen Otten