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Hier steppt der Bär

Börlin dancer mischt U-Bahn auf

Von Marc Staudacher

Ein Freitagabend im Januar, kurz nach 22 Uhr in der Berliner U-Bahn, Linie 6: Ein athletischer, nicht mehr ganz junger Mann betritt die Bahn, stellt die Sporttasche neben sich auf den Boden und streift sich die Lederjacke ab. Noch ist niemand auf ihn aufmerksam geworden. Erst als er eine kleine Musikbox hervorholt und Michael-Jackson-Beats erklingen, zieht der Typ mit dem kurzgeschorenen rotblonden Haar erste verstohlene Blicke auf sich. Da posiert er schon mitten im Gang, hebt die Arme in großer ballettöser Geste und begrüßt die verdutzten Fahrgäste mit den Worten: «Guten Abend, Berlin! Ich bin Stefan, der Börlindancer, für eine Minute bekommt ihr jetzt eine Show.»

Sechzig kurze Sekunden lang wird die U-Bahn zur Bühne. Wir sehen Breakdance-Moves, Footworks und Freezes, wie eine Katze bewegt sich der Tänzer zwischen Sitzbänken und Haltestangen, dabei immer den Blickkontakt suchend mit den erstaunten Zuschauern, die nach und nach ihre mobilen Endgeräte in den Schoß sinken lassen. Eben noch ausdruckslose Gesichter beginnen zu lächeln, neugierig. Die Ersten fangen an, rhythmisch zu klatschen. «Ihr könnt jetzt eine Minute lang Spaß mit mir haben», ruft Stefan und wickelt seinen Körper um eine vertikale Stange. Während dieser Poledance-Einlage sendet er neckische Blicke in Richtung einer jungen Frau, die neben ihrem Freund sitzt und längst begeistert mitklatscht: «Schade, dass du schon vergeben bist! Wie lange kennt ihr euch denn schon?» Stefan weiß, er bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen harmloser Kontaktaufnahme und gewagtem Flirt. Doch er ist ein Meister der Entwaffnung. Sein Augenzwinkern lässt erst gar keinen Unmut aufkommen. Auch sein rasantes Tempo nicht: Ein letzter Air Freeze auf der schwarz behandschuhten Handfläche, den einen Fuß dabei lässig in eine Halteschlaufe gehängt, und schon ist es Zeit für die Abschiedssequenz: «Vielen Dank fürs Zuschauen und toll, dass ihr nicht alle auf eure Handys starrt! Ich bin Stefan, der Börlindancer, und wünsche euch einen schönen Abend!» Schnell noch macht der Hut die Runde, es klimpert reichlich, dann verschwindet die Box in der Sporttasche, und der Tänzer jumpt aus der U-Bahn, so unvermittelt, wie er vor einer Minute erschienen war.

Gestresst, genervt, oder autistisch verstöpselt aufs Display starrend: So kennt man das Berliner U-Bahn-Publikum. Vor allem im Berufsverkehr, wenn die Züge gerammelt voll sind, werden ungebetene künstlerische Darbietungen schnell als Belästigung empfunden. Nicht so, wenn Stefan tanzt und die Bahn mit seiner positiven Energie unter Strom setzt. Trotzdem meine Frage, später auf dem frostigen Bahnsteig: Warum tut man sich sowas freiwillig an? «Ich bin ein Adrenalin-Junkie», sagt Stefan und lacht. «Für mich ist das eine Schule des Lebens: Jeden Tag aufs Neue aus der Komfortzone rausgehen, im Moment leben und den Kick des Unerwarteten genießen. Nach dem Motto: Zeig mal was, lass die Hosen runter!»

Dagegen freilich hat man was beim Berliner Fahrgastverband IGEB. Dessen Sprecher äußerte schon 2012 gegenüber dem «Tagesspiegel»: «Was in den Zügen passiert, ist hart am Rande der Nötigung. Die Musiker müssen raus aus den Zügen.» Seinerzeit ging es vorrangig um Blechbläser-Combos aus Osteuropa, die Rede war von einer «Bettelindustrie», der man ein Ende machen müsse. Auch Stefan kennt die Hausordnung der BVG: Wer in der Bahn musiziert, bettelt oder sonstige Vorführungen macht, dem drohen Abmahnungen, Verweise, schlimmstenfalls Hausverbot. Nicht zuletzt deshalb hat er das Ein-Minuten-Format seiner U-Bahn-Shows entwickelt: Bis ein Kontrolleur auf die «Ruhestörung» aufmerksam wird, ist der sportlich-spielerische Spuk längst schon wieder vorbei – und der Börlindancer über alle Berge.

Eine Woche später: Wir treffen uns in einem Restaurant am Neuköllner Herrmannplatz, wo Stefan gerne einen Zwischenstopp einlegt, um sich zu kräftigen. Er bestellt einen grünen Tee. Ich greife das Schlagwort «Adenalinjunkie» auf und frage, was der eigentliche Auslöser für ihn war, Berlins öffentliche Verkehrsmittel zu betanzen. Die Idee, sich auf engstem Raum mit Haut und Haar einem unberechenbaren, potenziell undankbaren Publikum auszusetzen, so erfahre ich, entstand vor etwa zwei Jahren bei Pro-Stage Berlin, einem Zentrum für Tanz, Gesang, Schauspiel und Musik, wo Stefan derzeit eine dreijährige Ausbildung zum Bühnentänzer absolviert. «Meine Gesangslehrerin Dan und mein Trainer Warnar van Eeden waren die Impulsgeber für dieses spezielle Präsenztraining. Dabei geht es auch darum, sich mit dem eigenen Lampenfieber zu konfrontieren. Das übermannt mich zwar immer noch wie am ersten Tag. Aber ich liebe es! Außerdem macht es wach.»

Wach und aufmerksam zu sein, ist eine Grundvoraussetzung, wenn Stefan in der Bahn performt. Sein oberstes Gebot: Niemals die Leute stressen. «Ich achte genau auf die Stimmung, die gerade im Wagen herrscht. Ich will meinem Publikum ja auf Augenhöhe begegnen und suche deshalb sofort den Blickkontakt. Empathie heißt das Zauberwort. Schließlich tanze ich für Frieden, Respekt und gute Laune. Wenn zum Beispiel ein Baby im Kinderwagen schläft, gehe ich lieber einen Wagen weiter. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass ich blöd angemacht werde. Neulich meinte ein Typ zu mir: ‹Was soll der Scheiß?› Den Satz hab ich dann gleich aufgegriffen und aus den vier Wörtern spontan einen Rap gemacht. Improvisieren ist eine super Übung – und ein ziemlich verlässlicher Eisbrecher.»

Es gibt aber auch rundherum positive Erfahrungen. Besonders freut sich Stefan über Schulklassen: «Die wollen immer gleich mitmachen. Ich erkläre dann, dass sie gerne mitklatschen oder ein paar Moves am Platz ausführen können, mehr aber nicht. Die Verletzungsgefahr ist groß, und Sicherheit hat nun mal oberste Priorität! Meine Message an die Kids: Macht das nicht alleine nach, sondern geht in die Tanzschule und sucht euch einen Trainer.» Klingt hier womöglich schon der zukünftige Pädagoge durch? «Ich könnte mir gut vorstellen», nickt Stefan, «einmal als Trainer zu arbeiten und das, was ich mir erarbeitet habe, an andere weiterzugeben – wie man Ängste überwindet, egal ob als Privatmensch oder als Künstler.» Dazu passt ein Spruch, den er auf seiner Facebook-Seite gepostet hat und der ihm zum Motto geworden ist: «Spür die Angst und mach es trotzdem!»

Aufgewachsen ist Stefan auf dem platten Land in Schleswig-Holstein. Wollte er immer schon tanzen? «Nein, das kam erst später. Eine Zeit lang bin ich erst mal LKW gefahren. Als Kind wurde ich in der Schule gemobbt, daher habe ich mit Kampfsport angefangen, um an meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Daraus entwickelte sich der Plan, mich ganz bewusst einem Publikum auszusetzen, als Performer.» Die Initialzündung hierzu kam von dem Berliner Tänzer und Choreografen Detlef D! Soost, der Anfang der 2000er-Jahre als Coach und Jurymitglied der TV-Casting-Show «Popstars» bekannt wurde. Bei einem Kieler Event sprang Stefan über den eigenen Schatten, sprach den Choreografen kurzerhand an und zeigte ihm ein paar Moves. Soost war angetan und ermunterte ihn: «Du hast was drauf.»

Es sind solche Events, bei denen Stefan künftig tanzen möchte, auf der großen Show-Bühne: «Zum Beispiel als Background-Tänzer mit DJ Bobo auf Tour gehen, das wärs.» Aber wäre dann nicht Schluss mit den U-Bahn-Shows? «Vielleicht, wer weiß, ich kann nichts versprechen», erwidert er lachend. «Irgendwie ist es wie eine Sucht. Und es hilft mir dabei, den inneren Keller aufzuräumen. Eines meiner schönsten Erlebnisse hatte ich übrigens letzten Dezember: Ich komme vom Yoga, steige in die U-Bahn, der Wagen ist fast voll, und plötzlich ertönt die Ansage durch die Lautsprecher: ‹Hallo Stefan, nun zeig mal, was du kannst!› Sowas motiviert natürlich unheimlich. Und es bestärkt mich in meiner Überzeugung: Wer in der Berliner U-Bahn tanzen kann, der kann überall tanzen.»