Inhalt

Haus der Revolte

Rundgang durch das Pariser Odéon

Von Thomas Hahn

Am 15. Mai 1968 besetzten eintausend Studenten im Anschluss an eine Ballett-Aufführung das Odéon-Théâtre de France im 6. Arrondissement von Paris. Frankreichs erste Spontis blieben dort einen Monat lang, bis zum 14. Juni. Und immer wenn heute in Frankreich Künstler um ihre Rechte kämpfen, steht eine erneute Besetzung im Raum. Denn im Bewusstsein der Franzosen ist das Odéon seit 1968 eine libertär-freiheitliche Agora. Zum 50. Jahrestag lädt nun Intendant Stéphane Braunschweig ganz offiziell am 7. Mai zu einem Talk- und Performance-Abend unter dem Titel «L’Esprit de mai», an dem Persönlichkeiten aus Theater, Film, Literatur, Medien, Philosophie, Soziologie zu Wort kommen, und vor allem solche mit militanter Vergangenheit. 

«Das Odéon war die Haupttribüne des ’Alles ist möglich’», heißt es im Programm. Und es wird noch wohlwollender: «Da versuchte, auf der Bühne und überall im Theater, eine Gemeinschaft junger Menschen eine Utopie zu erfinden und sie zu leben. Es entstand ein Sprachraum, widersprüchlich und experimental.» So versucht das Odéon ganz autonom, aus seinem Mythos Kapital zu schlagen. Denn die Besetzung vor fünfzig Jahren genießt heute ähnliche Verklärung wie der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789. Dazu passend kündigt Braunschweig, eventuell beflügelt vom Wahlerfolg Emmanuel Macrons gegen Marine Le Pen, zusätzliche Überraschungen an: «quelques surprises». Vielleicht wird Braunschweig auch selbst überrascht, sollte das Theater wieder einmal von streithaft streikenden in Beschlag genommen werden.

Am 14. Mai 2017 wurde Emmanuel Macron zum Präsidenten gewählt. Im ersten Frühling nach der Wahl haben sich Regierung und Gewerkschaften strukturiert und bewegen sich auf einen Showdown zu. Sie wissen: Wer in diesem Frühjahr die Schlacht verliert, kann die Koffer packen. Macron sieht eine historische Chance, Frankreich zu «reformieren», während die Arbeiter, Studenten und Arbeitslosen, Rentner etc., denen die Reformen hohe Opfer abverlangen, nun ihre Stimme erheben. Allein die Künstler hielten sich aus den jüngsten Konflikten heraus, weil ihr Hauptanliegen, die Arbeitslosenversicherung, von der Regierung Hollande durchaus berücksichtigt wurde. Doch Macron will auch hier die Regeln neu verhandeln. 

Den ersten Schub seines Reformprogramms, die Liberalisierung des Arbeitsrechts, peitschte er 2017 mit Verordnungen durch, über das Parlament hinweg. 2018 will er nun gleichzeitig die Bahn (SNCF) und die Arbeitslosenversicherung reformieren. Die Universitäten sollen Bewerber zurückweisen können, die Schulpflicht soll schon ab drei Jahren greifen, die Sozialabgaben für Rentner sollen steigen und Arbeitslose sollen stärkere Einbußen verzeichnen, falls sie Jobangebote ablehnen, bei verschärfter Kontrolle. Das mag in Deutschland normal erscheinen, für Frankreich ist es eine Schocktherapie. Hinzu kommen eine Steuerreform und Nebenkriegsschauplätze von hoher psychologischer Wirkung wie ein Tempolimit auf Landstraßen, während Macron selbst Gas gibt und das Land durcheinander wirbelt, bis den Bürgern der Kopf schwirrt. Das ist kein frischer Wind mehr, das ist ein Sturm! 

Und plötzlich erinnert sich ganz Frankreich intensiv an die Streiks von 1995, als das ganze Land stillstand wie zuvor nur 1968. Im November und Dezember fuhren damals drei Wochen lang weder Bahn noch Metro, als es darum ging, eine Reform der Sozialleistungen abzuwehren. Es war der letzte große Sieg an der «sozialen Front». Mitte Dezember 1995 zog Premierminister Alain Juppé, der 1968 sogar selbst einmal demonstriert hatte, seine Reformen, darunter die der Renten und der Rahmenverträge der SNCF-Bediensteten, zurück. Es sind genau die Bereiche, in denen Macron heute, wenn nötig mit Verordnungen, seine eigenen Vorhaben durchpeitschen will. 

Im Frühjahr 2018 wollen die Bahner nun gleich bis Ende Juni streiken - immer genau drei Tage pro Woche, um möglichst lange durchzuhalten! Auch Streiktaktiken lassen sich erneuern. Auf die Straße gehen außer ihnen auch die Studenten, die Arbeitslosen und sogar die Rentner. Und was machen die intermittents, die Zeitarbeiter der Kultur, die immer wieder streikten und Theater besetzten? Sie reden zunächst vom „Mai 2018“ und unterstützen die Studenten, die von Paris bis Montpellier ihre Unis besetzen. Auch da entfaltet sich eine Eigendynamik. Und es erscheint in diesem immer turbulenteren Frühling nicht unmöglich, dass Macron und sein Premierminister Edouard Philippe, wie so manche Regierung vor ihnen, den sozialen Sprengstoff und das Potenzial der Protestbewegung unterschätzen. 

Es könnte ihnen helfen, sich die Chronik des Odéon vor Augen zu führen. Im April 1991 streikten die Bühnentechniker, ausgerechnet zu Jean Genets «Le Balcon». Das war beileibe kein Zufall, denn das Odéon mutierte zum Symbol der Freiheit und des Widerstands gegen reaktionäre Kräfte, als am 30. April 1966 Fallschirmjäger die Aufführungen von Jean Genets «Les Paravents» mit einer Theaterbesetzung verhindern wollten. Sie waren aber weder zahlreich genug noch sonst kulturell oder politisch im Bilde. Ihr Versuch, die unter der Regie von Roger Blin auftretenden Theaterstars wie Madeleine Renaud, Maria Casarès oder Marie-Hélène Dasté zu vertreiben, scheiterte kläglich. Im Gegenteil, sie brachten das Odéon-Théâtre de France, wie es damals hieß, erst so recht auf die politische Landkarte und machten aus ihm ein Symbol des Kampfes gegen die Schatten einer überholten Gesellschaft. Mit den bekannten Folgen, zwei Jahre danach.

1992 wurde das Odéon dann von der Bewegung der intermittents besetzt. Auch sie blieben einen ganzen Monat lang, vom 1. bis 31. Juli. Gleichzeitig wurde das Avignon-Festival bestreikt. Die Künstler und Techniker verweigerten sich einer Verschärfung der Bedingungen, unter denen sie Anspruch auf Arbeitslosengeld erwerben. Es war der Auftakt eines Abnutzungskampfes, der die Arbeitsbedingungen der Bühnenberufe immer prekärer macht und bis heute andauert. Am 31. Juli 1991 wurde die Besetzung offiziell mit einer großen Party im Theater beendet. Doch schon im September flackerten die Streiks wieder auf und die Künstler verbrüderten sich mit streikenden Krankenschwestern und einer Bewegung gegen Strukturwandel im ländlichen Raum. Ihre gemeinschaftlichen Versammlungen hielten sie im Odéon ab. Wo auch sonst? 

Seit 1990 firmiert das Odéon als «Théâtre de l’Europe», was seither auch an dessen Frontgiebel in goldenen Lettern zu lesen ist. Zuvor prangte dort der Schriftzug «Comédie Française», für die das Haus 1780-82 als «Théâtre Français» erbaut wurde. Bis 1990 blieb das Odéon administrativ und sogar inhaltlich unter deren Obhut, wenn auch ab 1983 «nur» noch sechs Monate im Jahr. Da begann die Mission, die europäische Theaterkultur zu zeigen. Sie wurde Giorgio Strehler anvertraut, der sich das Haus siebzehn Jahre lang mit der Comédie Française teilen musste. Als ihn 1990 Lluis Pasqual ablöste, wurde das Odéon erstmals eigenständig. Im Oktober 1993 fand der Protest gegen das Freihandelsabkommen GATT im Odéon einen Ort, an dem die freie Rede im Geist des Gedankenaustauschs von 1968 wieder aufflammte. Natürlich wurde es auch 1995 während des Generalstreiks wieder besetzt. Nur ging das, als Millionen durch die Straßen zogen, im Meer der roten Fahnen einfach unter. 

Dass das Théâtre de l’Europe danach zehn Jahre lang ohne Konflikte auskam, hatte einen praktischen Grund. Es wurde nämlich 2002 für eine Totalrenovierung geschlossen. Doch schon die Wiedereröffnung Anfang April 2006 musste unter Polizeischutz stattfinden. Von 2002 bis 2006 wurde der ganze Theatersaal  entkernt und mit individuell klimatisierten Stühlen bestückt. Doch das Foyer mit seinen neoklassischen Säulen ist so eng wie zuvor. 

Doch schon ein Jahr nach der Neueröffnung, als Olivier Py, heute Leiter des Festival d’Avignon, Nachfolger von Georges Lavaudant wurde, waren derartige Vorwürfe vergessen. Py wollte, ganz im Gegenteil, das Odéon wieder zum Hort gesellschaftlichen Engagements machen, hatte er doch selbst 1995 in Avignon am Hungerstreik der Künstler gegen den drohenden Völkermord in Bosnien teilgenommen. Nur als er im Oktober 2011 Patrice Chéreau, Ariane Mnouchkine und andere Berühmtheiten ins Odéon lud um ein Zeichen gegen Assads Morden in Syrien zu setzen, musste er einsehen, dass die Kraft des Mythos ihre Grenzen hat. Da wusste Py bereits, dass er im März 2012 abgelöst würde, weil er Luc Bondy Platz machen musste. Kulturminister Frédéric Mitterand wollte Bondy gegenüber ein altes Versprechen einlösen. Die Proteste der Belegschaft, der Oppositionsparteien und der Kulturwelt halfen nichts. Für die Regierung unter Präsident Sarkozy hatte das Odéon nur noch den Status eines Spielballs. 

Man kann Stéphane Braunschweig verstehen, wenn er heute die Agitation von Mai 1968 wieder auf die Bühne holt, um dem Odéon neues Gewicht zu verleihen. Denn künstlerisch bleibt der Laden unter seiner Leitung blass. Ein Risiko geht er trotzdem ein. Welche Art «Mai» wird es 2018 im Odéon geben?