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Trunkener Triumphator

Teodor Currentzis: ein Grieche aus Sibirien

Von Jürgen Otten

Keine Menschenseele war zu sehen, damals, am Krasny-Prospekt, nachts um halb eins. Wäre auch Irrsinn gewesen, bei atemraubenden minus 35 Grad Celsius. Dann doch lieber das Gegenteil: gefühlte 35 Grad plus, wie sie im Innern des prächtigen, völlig überheizten Opernhauses von Novosibirsk herrschten, wo ohnehin die bessere Sause lief: Sektkorken knallten, Wodka wurde gereicht, warmes Bier, schwersüßer Rotwein; Zigarettenqualmwolken stiegen zur Decke, Stimmen, Körper, Gedanken verknäuelten sich. Und irgendeinem der Beteiligten gelang es immer wieder auf wundersame Weise, weitere Getränke herbeizuzaubern. Die Stimmung war entsprechend ausgelassen – trunken irgendwie. 

Premierenfeiern sind meist lustig. Diese, an einem Wintertag 2010, war es ganz besonders, weil sie improvisiert war, ein plötzlicher Regieeinfall, womöglich eine charmante Laune des Schicksals. Und weil die Party nicht in einem schmucken Ballsaal stieg, sondern in den Büroräumen jenes Mannes, der wenige Stunden zuvor, bei der Wiederaufnahme einer merklich angestaubten «Bohème»-Inszenierung, erneut gezeigt hatte, welch enormes Talent in ihm steckt. Erstaunlich, ja unerhört, was da aus dem Graben herauskroch: ein leiser, behutsamer, sensitiver Puccini-Ton, der – ungemein differenziert in Tempi und Klangfarben, agogisch freizügig – den Sängern einen Teppich auslegte, der sich anfühlte wie Seide aus China.

Längst ist der Mann, der solches bewirkte, in olympischen Gefilden angelangt. Die Welt, und nicht nur die der Musik, spricht über ihn. Himmelt ihn an. Hält ihn für einen Scharlatan. Huldigt ihm. Verteufelt ihn. Liegt ihm zu Füßen. Das alles je nach Standpunkt und Blickwinkel. Es gibt Menschen, die sehen in Teodor Currentzis ernstlich einen Erlöser, der imstande sei, die kränkelnde Klassikwelt zu retten. Es gibt aber auch Zeitgenossen, die finden, er habe eher das Zeug zum mephistophelischen Rattenfänger – allerdings ohne je dessen Statur zu erlangen.

Nun ist Teodor Currentzis, das weiß Gott, kein Satan. Er ist auch kein Magier oder Guru. Er ist Dirigent, mithin irdischer Provenienz, nachweislich geboren am 24. Februar 1972 im weiland noch blühenden Athen. Dass aber zwischen dirigentischen und diabolischen Dingen eine gewisse Koinzidenz besteht, auch das steht außer Zweifel; man denke nur an Titanen vom Schlage eines George Szell, Wilhelm Furtwängler oder Sergiu Celibidache, die sowohl teuflisch begabt waren als auch ebenso ungenießbar werden konnten während einer Probe. Was diese Musikerpersönlichkeiten darüberhinaus einte, brachte Elias Canetti auf den Punkt, als er in seinem opus magnum «Masse und Macht» notierte, dass, was immer der Dirigent tue, dies ein Licht auf die Natur der Macht werfe. Und noch etwas schrieb Canetti mit Blick auf die Taktgeber der Welt, und exakt an diesem Punkt kommt Currentzis ins Spiel: «Sein Ohr sucht die Luft nach Verbotenem ab. Für das Orchester stellt der Dirigent so tatsächlich das ganze Werk vor, in seiner Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge, und da während der Aufführung die Welt aus nichts anderem bestehen soll als aus dem Werk, ist er genau so lange der Herrscher der Welt.» 

Der Herrscher der Welt, das klingt erhaben, ja hochmütig. Doch so lange diese Welt aus Tönen besteht, ist derjenige, der sie mit Händen gebiert, nun einmal der Herrscher. Und wenn Teodor Currentzis vor einem Orchester steht – sei es in Nowosibirsk, der Wiege seiner Karriere, sei es in Perm, wo er seit 2011 Musikdirektor des Opern- und Ballett-Theaters ist, oder in Stuttgart, wo er mit Beginn der Spielzeit 2018/19 die Chefposition beim SWR Symphonieorchester übernommen hat – dann kann man beobachten, wie subtil er diese Herrscherkunst ausübt: So lange feilt Currentzis an einem Stück, bis es exakt die Phrasierung, das Tempo und die Dynamik besitzt, die ihm vorschweben. Und wenn es die halbe Nacht dauert. Mit anderen Worten: Das Erhabene verwandelt sich in ganz konkrete prosaische Arbeit, das kesse Springteufelchen in einen einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn – wobei dieser nichts Geringeres ist als die Partitur.

Currentzis scheint, was die Präzision in der Umsetzung dessen, was dort steht, betrifft, ein Besessener zu sein; manche, und zu ihnen zählt der russophile Grieche selbst, glauben deshalb, er sei ein bisschen crazy: Man mag darüber schmunzeln, wie gleichfalls über manche Sentenz aus seinem Mund («Die Schönheit liegt im Widerstand») oder die Tatsache, dass er sich als créateur einer eigenen Parfümserie inszeniert. Eines aber steht fest: Der Mann kann was. Und darin liegt anscheinend ein Problem. Größe irritiert, sie führt zu Spaltungen in der Wahrnehmung der (darob verdatterten) Zeitgenossen. Insbesondere Currentzis’ Einspielungen der drei Mozart-Opern «Le nozze di Figaro», «Così fan tutte» und «Don Giovanni» erhitzte die Gemüter. Genial, sagten die einen. Grauenvoll, schimpften die anderen. Beides ist weder richtig noch falsch. Dieser Dirigent treibt die Dinge bis zum Äußersten, dynamisch, in den Tempi, in Phrasierung und Artikulation; die ganze Semantik der Stücke scheint ver-rückt. Das Publikum liebt ihn für diese radikale Extrovertiertheit, für die Extravaganz, die seinem Wesen und Tun anhaftet, für die enorme Eloquenz, die er etwa in seinem Stuttgarter Format «Currentzis-LAB» demonstriert, wenn er zwei Stunden lang über eine Mahler-Symphonie parliert. Sicher, das ist alles auch kokett, narzisstisch, ein wenig gaga. Aber eines vergisst Currentzis darüber nie: das Wesentliche. Die Musik. Sie ist die wahre Herrscherin. Auch über ihn.