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Ballet of Difference

Die Kunst der Margarida Neto

Von Eva-Elisabeth Fischer

Diese Frau ragt gemeinhin auf Spitze noch weiter empor gen Bühnenhimmel denn auf platter Sohle. Auf Fotos kann man nachvollziehen, was man schon mit eigenen Augen bewundern durfte, ihre wahnsinnige Extension, stehend im Überspagat mit keck vorgeschobener Hüfte. Oder ein schräg gerecktes Bein, zielt, eine verführerische Waffe, um wenige Zentimeter mit dem Spitzenschuh am Kopf des Partners vorbei.

Diesmal aber trägt Margarida Neto derbe Schnürstiefel, die ihr ein ungewohntes Fundament für ihren langgliedrigen weidenrutenbiegsamen Körper verschaffen. Doch der erste Eindruck von Stabilität trügt. Denn sie muss sich ausbalancieren bei jedem Schritt. Richard Siegals neuester Coup «Made for Walkin», lässt wegen des Titels natürlich erst einmal an Lee Hazlewoods Song «These Boots Are Made for Walkin» denken, den Nancy Sinatra unsterblich machte, verrät aber in seiner abartig schnell wechselnden Polyrhythmik unter anderem die Gum Boot Dances afrikanischer Minenarbeiter als choreografisches Vorbild.

Also laufen die Füße Gefahr, sich immer wieder in den verzwickt getakteten Step-Schritten zu verheddern.  Und gleichzeitig agieren die Hände als Klangproduzenten. Margarida Neto trommelt auch noch als eine von vier Körper-Percussionisten - ein Höllentrip an Koordination, wobei nicht einmal akribisches Zählen wirklich hilft. Sie kriegt das nicht nur hin. Sie zieht die Blicke auf sich als die eleganteste in einem wilden Quartett dreier Frauen und eines Mannes, deren helle Kleider suggerieren, sie trügen die gegerbten Häute selbst erlegter Tiere am Leib. Margarida Neto steht höchste Konzentration ins schmale Gesicht mit den halb geschlossenen schwarzen Augen geschrieben. Sie ist ganz bei sich - ein guter Zustand für eine Tänzerin, angekommen auf dem unsicheren Terrain der Freiberufler, angekommen im Ballett of Difference, der zweiten freien Tanzkompanie Deutschlands nach der Dresden Frankfurt Dance Company Deutschlands  in Kooperation mit zwei Bühnen.

Ballet of Difference? Der amerikanische Tänzer und Choreograf Richard Siegal ging vor zwei Jahren ein ziemliches Risiko ein, als er mit Fördermitteln der Stadt München seine eigene unabhängige Kompanie gründete. Eine solche Kompanie kommt einem Kamikazeflug gleich, denn die Überlebenschancen im Land der subventionierten Staats- und Stadttheater sind prekär. Siegal gelang, zumindest erst einmal für drei Jahre, was vor ihm nur William Forsythe nach der Schließung des Balletts Frankfurt im Jahr 2003 geschafft hatte. Er konnte an zwei Häuser andocken, zunächst ans Muffatwerk in München, wo er sowieso bereits Künstler in Residenz war und entsprechende Probenräume sowie einen attraktiven Aufführungsort zur Verfügung hat. Dann kam das Schauspiel in Köln dazu.

Der Name für den Zusammenschluss von derzeit zwölf Tänzerinnen und Tänzern ist Programm. Ballet of Difference, inzwischen nur noch BoD genannt, basiert auf Siegals selbst verfasstem Manifest, das offensiv für die Diversität, die Vielfalt der menschlichen Gesellschaft streitet: Willkommen sind alle, egal welcher Nationalität, Religion, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung. Siegal spitzt damit zu, was das Ballett, der Tanz bis zu einem gewissen Grad schon immer war – der künstlerische Hafen für diskriminierte Minderheiten.

Die gebürtige Portugiesin Margarida Neto fällt freilich allenfalls durch ihr besonderes Äußeres auf. Sie hat zunächst, damals noch unter ihrem vollen Namen Margarida Isabel de Abreu Neto, das Tanzkonservatorium in Lissabon besucht. Die Teilnahme beim Youth American Grand Prix brachte ihr ein Stipendium der Tanzakademie Zürich ein. Vier Jahre später, in der Spielzeit 2015/2016 trat sie als Volontärin in der Junior Company, dem damaligen Bayerischen Staatsballett II, ihr erstes Engagement an. Schön ist sie, kein Zweifel. Und prädestiniert fürs Extreme, nicht nur wegen ihrer Körpermaße, den überlangen Armen und Beinen. Schon klar, dass all das Richard Siegal gefallen hat, als er sie beim Bayerischen Staatsballett sah und sie dann später auswählte für sein Ballet of Difference. Da passt sie hin als ein Versprechen, als eine Tänzerin, die noch ein bisschen mehr von der Norm abweicht, als dies auch in deutschen Stadttheaterkompanien längst schon der Fall ist.