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Niemands Geschöpf

Die Schauspielerin Eva Löbau

Von Eva Behrendt

Was für ein Trip! In den gut zweieinhalb Stunden, die die Performance «Nächstes Jahr in Tskaltubo» im Berliner Theaterdiscounter dauert, haben die Regisseurin und Schauspielerin Eva Löbau, der Videokünstler Philipp Haupt sowie ihre zwei georgischen Gastspielerinnen das Publikum nicht nur mit Videobildern, Fundstücken, Interviewschnipseln, Gästebucheinträgen, Reiseberichten und einer selbstkritischen Projektreflexion in das einstige Sowjet-Sanatorium Schachtjor im georgischen Tskaltubo eingeführt. In großen Assoziationssprüngen haben sie außerdem den Kalten Krieg, die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl und die deutsch-deutsche Wiedervereinigung aus Schülerinnenperspektive durchgearbeitet sowie ein verlassenes Parallelsanatorium im Schwarzwald aufgetan, wo Eva Löbau seit letzten Herbst als «Tatort»-Kommissarin Franziska Tobler ermittelt. 

Obwohl sich die Faszination für die verblichene sozialistische Erholungskultur auf der improvisierten Bühne zwischen Klavier und Technik-Pult unbedingt vermittelt, hätte «Nächstes Jahr in Tskaltubo» ein gewisser Killerinstinkt in Sachen Darlings gut getan. Doch im Berliner Café Bravo, wo wir uns zum Gespräch treffen, insistiert Eva Löbau auf dem Ausufern ihrer Recherche. «Einmal nicht abbrechen, wegschneiden – das war gerade das Reizvolle an diesem Projekt! Es war ja eine Arbeit ganz ohne Auftrag, aus dem reinen eigenen Interesse geboren. Deshalb sollte und durfte auch alles drinbleiben», verteidigt sie ihr Projekt, das sie als Autorin, Regisseurin, Performerin und Antragstellerin mitverantwortet (und das vom Hauptstadtkulturfonds, zu deren Jury die Autorin dieses Artikels zum Antragszeitpunkt gehörte.

Dass die 1972 im schwäbischen Waiblingen geborene Schauspielerin sich zwischen den TV- und Filmprojekten immer wieder Zeit für Freie-Szene-Projekte einräumt, hat System: Auf die «unhysterische» Arbeit beim Film, wo sie das «respektvolle Teil-eines-Uhrwerks-Sein» durchaus genießt, müsse die intensivere, subjektive Auseinandersetzung am Theater folgen, auch wenn die oft unvorhersehbare Konflikte mit sich bringe. Im Fall von «Tskaltubo» sei etwa die Integration der vor Ort gecasteten Georgierinnen die größte Herausforderung gewesen. «Ich kam mir vor, als mache ich Unterricht», erzählt sie. «Traumata und kindliche Kränkungen: Für uns mag es selbstverständlich sein, das für die Bühne zu nutzen, bei den jungen Georgierinnen war das gar nicht möglich! Da habe ich erst gemerkt, was für ein Selbstverständnis ich mitbringe.» Dieses Selbstverständnis – in dessen Zentrum die Überzeugung steht, dass auch Schauspieler*innen (Co-)Autor*innen sind und sein sollen – hat sich die Schauspielerin seit ihrem ersten und bislang einzigen Stadttheaterengagement ziemlich konsequent erarbeitet.

Nach Pforzheim wollte Eva Löbau damals, 1997, eigentlich mit Nicolas Stemann gehen, den sie während des Studiums am Wiener Max-Reinhardt-Seminar kennengelernt hatte. «Pforzheim sollte unser Anklam werden», sagt sie, «es wurde dann aber nur mein Anklam.» Theoretisch wären dort vielleicht Experimente wie einst bei Castorf in der mecklenburgischen Verbannung möglich gewesen, hätte Stemann damals nicht just den ersten größeren Karrieresprung gemacht. Dennoch haben sich die zwei Jahre in der nordwest-schwäbischen Provinzmetropole für Eva Löbau gelohnt. Zum einen merkte sie, wofür sie ausgebildet worden war: «Ich habe schon gleich nicht mehr verstanden, warum dieser Kanon, wozu diese klassischen Stücke. Warum keine Texte von jetzt und heute? Es war ja total egal, ob ich die Luise spiele oder das Gretchen! Gleichzeitig war diese Sinnkrise mein Glück. Viele Bekannte, Freunde von mir, die an einem großen Theater angefangen haben, sind viel später auch dahin gekommen. Aber dann war es viel schwieriger, sich daraus zu lösen, weil sie sich an den Lebensstandard gewöhnt hatten, an eine gewisses Prestige.» Sie grinst: «Mir wars ja egal, der Star des Theaters Pforzheim zu sein.» Zum anderen führte der Pforzheim-Frust zum Beginn ihrer Filmkarriere, als sie im nahen Ludwigsburg Rollen in Studentenstreifen übernahm: «So bin ich nicht gleich in die TV-Serienmaschine geraten, sondern habe mich ausprobiert, ähnlich wie mit den Leuten, mit denen ich dann Off-Theater gemacht habe.»

Eva Löbau ist mit dem Rad gekommen. Sie trägt eine Brille im ungeschminkten Gesicht, wirkt eher under- als overstyled und sieht, vielleicht wegen ihrer freundlichen Offenheit, jünger aus, als sie ist. Dieses strahlende Natürlichkeit hat die Filmregisseurin Maren Ade in ihrem ersten Langspielfilm geradezu schmerzhaft treffend eingesetzt: In «Der Wald vor lauter Bäumen» (2003) spielt Eva Löbau die frisch gebackene Lehrerin Melanie Pröschle, die voller hochfliegender Pläne und rührender Einfalt aus der schwäbischen Provinz an eine Realschule in Karlsruhe und dort in einen Teufelskreis der Peinlichkeiten gerät. Je stärker das neue Umfeld ihre Naivität als Lächerlichkeit zurückspiegelt, desto aggressiver versucht sie, anerkannt und ernstgenommen zu werden. Eva Löbau, selbst Tochter einer katholischen Religionslehrerin (und eines Informatikers), agierte in diesem Fremdschämdrama aus arglosem Vorpreschen und schamroter Selbsterkennntnis fast schon beängstigend instinktsicher.

Auch einige weitere Rollen knüpften an diesen tragikomischen Typus an, etwa in Sonja Heiss’ Backpacker-Episodenfilm «Hotel Very Welcome» (2007), in dem Eva Löbau als frisch getrennte Wellnesstouristin Marion in einem indischen Ashram zu sich selbst zu finden versucht. Oder in der kurios selbstreflexiven ZDF-Miniserie «Lerchenberg» (2013/15) über öffentlich-rechtlichen Quotenjagdschwachsinn, in der Löbau als arglose Redakteurin Billie Zarg von ihrer dreisten Praktikantin ausgebootet wird, bis sie in Staffel 2 den Spieß umdreht und selbst zum Mörderfisch im Haifischbecken wird. Hatte sie schon mal Angst, in der Schublade der komischen Naiven steckenzubleiben? «Klar, im Film passiert das ganz schnell. Man muss aber auch aufpassen, dass man nicht voreilig gehorsam ist.»

In den letzten Jahren hat sie darauf verstärkt geachtet. Franz Müllers Indie-Komödie «Worstcase Scenario» (2014) – «ein Film, der mir ziemlich viel bedeutet» – handelt von der eigenen Entstehungsgeschichte: bröckelnde Finanzierung, schwierige Produktionsbedingungen im fremdsprachigen Ausland sowie der Entschluss, dann eben das Schlimmstmögliche selbst zum Gegenstand der Handlung zu machen. Neben Samuel Finzi als Regie-Narziss Georg spielt Löbau dessen Ex-Freundin, die Ausstatterin Olga. In einem grandiosen Post-Beziehungsgespräch am polnischen Ostseestrand erzählt Olga Georg, dass sie von ihm schwanger ist. Während Georg schier durchdreht und so tut, als hätte Olga von ihm mindestens eine zehnjährige Elternzeit verlangt, kriegt er gar nicht mit, dass seine Ex a) gar nichts von ihm erwartet und b) bei ihr längst eine andere Liebe im Anmarsch ist. Und wieder trügt der Schein: Trotz Merkelhaarschnitt und Allürenverzicht ist Olga ganz klar die unkonventionellste Figur am Set.

Auch die Kommissarinnenrolle im Schwarzwald-«Tatort» hat Eva Löbau nicht zuletzt angenommen, um sich vom drohenden Rollenklischee zu emanzipieren. In der Debütfolge «Goldbach» (Regie Robert Thalheim) spielt sie die Ermittlerin Franziska Tobler vollkommen frei von Virtuosen-Mätzchen oder selbstbezüglichen Genre-Jokes. Das allein schon ist ungewöhnlich. Auf den ersten Blick ist Franziska Tobler so löbautypisch unauffällig, dass man sie neben ihrem temperamentvollen Kompagnon Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) fast zu übersehen droht. Doch Löbau injiziert ihrer Figur etwas für die deutsche «Tatort»-Tradition wirklich Ungewöhnliches: Empathie. Und damit sind nicht deren Derivate Selbstmitleid und Verdrängung gemeint, die zum nächtlichen Klischeesaufen oder anderen Stereotypen führen. Toblers Mitgefühl kommt in kleinen Gesten und Blicken zum Ausdruck, in sorgsam gesetzten Sprechpausen und Verzögerungen, die noch größere Wirkung entfalten, weil sie ihren Job ansonsten mit geradezu idealtypischer Sachlichkeit verrichtet. 

Ganz anders im Theater, etwa in Angela Richters Rainald-Goetz-Inszenierung «Jeff Koons» (2008) am HAU. Aus Koons wurde damals kurzerhand der noch zeitgeistigere Über-Künstler Jonathan Meese, in dessen Adidas-Jacke Löbau schlüpfte, ohne ihre Figur zur Kabarettnummer zu degradieren. Oder kurz darauf in Goetz’ «Wannseekonferenzstück» und Meta-Talkshow «Festung», die Patrick Wengenroth ebenfalls am HAU in Szene setzte. Aus beiden Produktionen stach Eva Löbau als glasklare, geistesgegenwärtige Textversteherin heraus, die sich dem Goetz-Sound – den sie im Gegensatz zum Autor eher gemessen, aber ebenfalls mit leicht süddeutscher Klangfärbung spricht – auf äußerst ansteckende Weise anvertraute. Goetz’ Texte, so Löbau, seien für sie Aufforderungen, «sich weiterzubilden, Luhmann und Heidegger weiterzulesen, sich mit Popkultur auseinanderzusetzen, Kunst anzuschauen oder Claude Lanzmanns ‹Shoah›. Erst dann kannst du Goetz so entschlüsseln, dass das Publikum weiß, wovon du sprichst – selbst wenn es die Bildungsreise nicht mitgemacht hat.»

Gleichwohl ist Komik das Thema, das Eva Löbaus Film- und Theaterarbeit verbindet, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Während der Witz etlicher ihrer Filmfiguren psychologisch motiviert und im Weglachen von Scham und Peinlichkeit sogar tragisch grundiert ist, entsteht er im Theater aufgrund einer viel größeren Fülle gerade auch formaler Möglichkeiten, die von der Wahl schräger Stoffe über nicht-realistische Sprechweisen bis zu Widersprüchen zwischen Form und Inhalt reichen. In die freien Arbeiten mit ihrer eigenen Gruppe Die Bairishe Geisha (mit Judith Huber) oder mit dem argentinischen (Musik-)Performancekünstler Santiago Blaum fließen in Projektrecherchen und literarisches Schreiben dafür jede Menge eigenen Erfahrungen und Interessen ein: Ob es in «Kellyfication» (Bairishe Geisha) ein Gedenkkonzert für die Grünen-Ikone Petra Kelly ist oder in Blaums Musical «This is not ok» eine Reflexion über die Grenzen des Geschmacks.

Dass Löbau dann aber auch mal im Boulevard-Realismus landet wie vor zwei Jahren als verzagte Muttertochter Ivy Weston in Ilan Ronens Tracy-Letts-Inszenierung «Eine Familie» in der Komödie am Kudamm, ist eher die Ausnahme. «Das habe ich aus der Sehnsucht heraus gemacht, endlich mal ein Stück richtig oft zu spielen», erzählt Löbau. «Es passiert in der Freien Szene dauernd, dass lang geprobte, gute Produktionen nur vier Mal gespielt werden, weil keine Vernetzungskapazitäten mehr da waren. Da fragst du dich schon, was das für eine Verschleuderung von Energien ist.» Aber 80-mal dasselbe spielen, nervt das nicht auch? «Es nervt in Wellen und wird zum Sport. Aber man macht auch immer neue Entdeckungen, versteht Stück und Figur immer besser.» 

In naher Zukunft wird Eva Löbau wieder öfter Stücke mehrfach spielen, denn zur nächsten Spielzeit geht sie nach fast zwanzig Jahren wieder an ein Stadttheater. Allerdings an ein eher ungewöhnliches: die Münchner Kammerspiele mit ihrem Versuch, Ensemble- und Repertoirestrukturen mit Künstlern aus der internationalen Freien Szene zu mischen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb Eva Löbau das Angebot angenommen hat (hinzu kommt, dass Freund und Familie im süddeutschen Raum leben): «Nur, weil es dort noch nicht so richtig funktioniert, interessiert es mich nicht weniger.» Verschmitzt fügt sie hinzu: «Ich helfe dem Theater gerne mit aus der Patsche.» Außerdem störe es sie zwischenzeitlich doch, «jetzt nur noch ‹die Tatortkommissarin mit obskuren freien Projekten› zu sein. Ich brauche ein offzielles Gegengewicht, eine Theaterbalance».

Matthias Lilienthal, den der «Tatort»-Aspekt vermutlich auch nicht ganz kaltgelassen hat, formuliert es gewohnt frontal: «Ich bin total interessiert an Schauspieler*innen, die nicht blond, hochgewachsen und nullachtfuffzehn sind. Eva hat hier eine große Modernität.» Außerdem schätzt er, der sie noch vom HAU kennt, «die große Kraft und sprachliche Plastizität, die sie entwickelt, sobald sie auf die Bühne kommt». Aber auch, «dass sie in Projekten für Inhalte kämpft». Obwohl Lilienthal, wie Eva Löbau augenzwinkernd anmerkt, bisher zwar die Schauspielerin, aber nicht unbedingt die Regisseurin Löbau gefördert hat, ist gerade das vielleicht der noch wesentlichere Punkt ihrer «Modernität». 

Auch im Gespräch kommen wir immer wieder auf die Frage der eigenen Autorschaft und der Arbeit in festen Ensembles zurück. Beides scheint nicht leicht zusammenzugehen. «So wünschenswert die Kontinuität von Ensembles auch ist, sie macht auch was mit den Leuten. Es entsteht dann, wie in Schulklassen, so etwas wie eine Ensemble-Meinung. Als würden die Leute den eigenen Blick verlieren. Das ist mir als Gast an Stadt- und Staatstheatern öfter aufgefallen», sagt sie. «Schauspielerinnen und Schauspieler kriegen da echt viel Aufmerksamkeit, aber es ist eine vergiftete Aufmerksamkeit. Die Meinung eines Schauspielers oder einer Schauspielerin, ihr Mitdenken über die Rolle hinaus, sind selten wirklich gefragt. Und genauso führen die Leute sich dann auch auf, kindlich, irrational.»

Sie selbst sei der Versuchung, «jemandes Geschöpf zu werden, total aus dem Weg gegangen». Die eigene Autorschaft ist ihr zu wichtig, «mein Name muss nicht drin stehen, aber es muss Raum haben und möglich sein. In vielen Arbeitszusammenhängen hatte es das, und wenn nicht, habe ich sie kein zweites Mal gesucht.» Selbst an Frank Castorfs durchaus bewunderter Volksbühne habe sie als Zuschauerin gestört, «dass sich die Leute da freiwillig einnorden. Gerade Schauspielerinnen haben dort sehr schnell den Volksbühnenstyle angenommen, das fand ich eher schade.»   

Als ich später noch einmal nachhake, ob sie sich eigentlich selbst auch als Gegenentwurf zu den üblichen weiblichen Repräsentationen sehe, zögert sie. Auch hierauf möchte sie sich nicht festnageln lassen. Als es an der Schauspielschule hieß, sie solle «ihre Weiblichkeit finden», sei sie schier an dieser Aufgabe verzweifelt, bis ihr ausgerechnet ihr Clownslehrer auf dem Flur vorschlug: «Nimms doch als Spiel! Du hast ja einen Arsch und Titten, setz die ein, benutz das Klischee, wenn es Dir in den Kram passt!» Und sie erzählt von einer TV-Komödie, in der sie die sexy Sekretärin spielte, blond, mit Riesendekolleté, hochhackigen Schuhen und Chanel-Kostümchen: «Das hat schon Spaß gemacht, noch nie haben die Techniker so mit mir geschäkert. Nicht einmal meine Mutter hat mich erkannt! – Aber das muss ich wirklich nicht immer haben.»