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Medientipp April #4

Schubert: Winterreise

Bo Skovhus' tief berührende Wiedergabe der «Winterreise» hält einen bis zum letzten Ton in Bann. Es ist eine innere Reise in die existenziellen Abgründe des Schmerzes und der Verzweiflung, die in «Gute Nacht» mit dem Aufbruch des enttäuschten Liebhabers geradezu stürmisch beginnt und im fahlen Verstummen des «Leiermanns» als von der Gesellschaft verfolgten und geächteten Außenseiters endet. Aufbegehrend, aber auch bitter und grüblerisch lotet Skovhus mit seinem herben, doch stets sensiblen und makellos fokussierten Ton die emotionalen Spannungen des Zyklus aus. Jedes Lied erfasst er, in nahezu perfektem Deutsch, in seinem emotionalen Kern. Dabei überzeugt er nicht nur mit dramatisch-finsteren Stücken wie «Die Wetterfahne» und «Der stürmische Morgen», sondern vor allem mit Liedern wie «Wasserflut», «Einsamkeit», «Der greise Kopf» oder «Der Wegweiser», in denen er die innere Ausweglosigkeit bis an die Grenzen des Ausdrucks treibt. Selbst der scheinbare Volkston des vielmalträtierten «Lindenbaums» oder des «Frühlingstraums» entpuppt sich als halluzinatorischer Wahn. Entscheidenden Anteil an der Gestaltung hat, wie schon in den vorausgegangenen Einspielungen der «Schönen Müllerin» und des «Schwanengesangs», Pianist Stefan Vladar, der mit stets vorwärtstreibender Intensität und dennoch skrupulöser Genauigkeit fürs Detail begleitet. Alles in allem eine herausragende Interpretation, die einen der vordersten Plätze in der schier uferlosen «Winterreisen»-Diskografie des Zyklus beanspruchen kann.

Uwe Schweikert

Schubert: Winterreise
Bo Skovhus (Bariton), Stefan Vladar (Klavier)
Capriccio C5291 (CD); AD: 2016