Ihr Wechsel nach Deutschland brachte Sie dann schnell mit der Berliner Staatsoper zusammen.
Zunächst habe ich dort Herbert Brauer kennengelernt, Professor an der vormaligen Hochschule der Künste. Er hat mir entscheidend geholfen, meine Stimme zu formen. Das Material war da, aber die Verfeinerung nach der westeuropäischen Gesangsschule verdanke ich Deutschland. Ich sang in zwei Leipziger Produktionen, hätte dort auch einen Vertrag bekommen, entschied mich aber 1994 für Berlin. Am Anfang stand viel italienisches Repertoire. Das änderte sich mit Bayreuth. Meine Stimme ist gereift, glaube ich, tiefer und dunkler. Ich weiß genau, was ich ihr zutrauen kann. Das war früher anders. Als ich 1999 in Berlin «Robert le diable» machte, hatte ich wirklich Angst vor dieser riesigen Partie. Aber als Ensemblemitglied kann man sich an eine solche Herausforderung heranpirschen, zu Hause ruhig eine Partie einstudieren, ausführlich überlegen, was sich modifizieren und möglichst verbessern lässt.
Finden Sie den Status eines international gefeierten Sängers nicht um einiges attraktiver?
Teils, teils. Ensemblemitglieder sind an ihrem Haus wenig geachtet. Bei großen Produktionen wird immer Ausschau gehalten nach prominenten Namen, nach Weltstars, auch wenn die nicht unbedingt das erforderliche Niveau mitbringen. Außerdem ist man ja in seinem Stimmfach nicht der Einzige vor Ort. Doch man kennt den ganzen Chor und das Orchester, die Dirigenten und Regisseure. Die Arbeitsabläufe sind klar. Wenn ich in New York oder Wien gastiere, kenne ich nicht einmal die Kulisse. Ich trete auf und ab, bin am nächsten Tag in einer anderen Stadt. Vielleicht wird man dadurch berühmter, aber man bleibt ewig ein Wanderer. Das Reiseleben ist hektisch, die Branche sehr hart. Vielleicht bin ich in diesem Punkt altmodisch.
Sie sind heute vorrangig als Gurnemanz gefragt, als König Marke und als Sarastro – sämtlich weise Männer. Dämonische Partien fallen nicht in Ihr Metier?
Dafür braucht es mehr metallische Farbe. Man fragt mich zwar in letzter Zeit öfter nach Hagen, aber ich denke mir, meine Stimme ist weicher, wärmer, Bösewichte klingen anders. Zwar probiere ich gern Ungewöhnliches aus, wenn ein Angebot kommt, aber grundsätzlich bleibe ich den weisen Männern treu, auch den Buffo-Rollen.
Sie haben angedeutet, dass Ihre Nationalität nicht unbedingt ein Vorteil sei.
Ich habe einige Male den Jesus in der «Johannes-Passion» gesungen, aber viele Leute meinten, Jesus sollte von einem Deutschen gesungen werden. Solche Erlebnisse habe ich öfter. Beim ersten Treffen einer «Rheingold»-Probe fragte der Regisseur: «Wer ist der Fasolt?» Und als er mich sah, war sein Kommentar: «Oh, der ist ja gar nicht so riesig.» Es gibt in unserer Branche glücklicherweise Regisseure, die Noten lesen können und etwas von Musik verstehen, aber einige denken nur in Farben und Bildern. Als ich einmal den Commendatore sang und eine europäische Sängerin die Donna Anna, tat sich der Regisseur mit dem Satz hervor: «Wie kann eine so schöne Tochter einen koreanischen Vater haben!» So sind die Verhältnisse – wobei wahrscheinlich viele Kollegen genauso denken wie dieser Regisseur, ohne ihre Ansichten offen zu äußern.
Gilt das für alle Bühnen, weltweit?
Natürlich. Auch an der Met muss Mephistopheles zwei Meter groß sein und eine lange Nase haben. Überall wird nach optisch idealen Besetzungen gesucht, nach ganz großen Namen oder nach neuen, immer jüngeren Leuten. Erst wenn man die nicht findet, werde ich gefragt. Eine Ausnahme bildet Bayreuth, wo es nur einen Star gibt – Richard Wagner. Die Stadt ist beinahe meine zweite Heimat geworden, in jeder Beziehung. Ich habe dort viel Golf gespielt, morgens um fünf allein auf dem Platz, nur von einigen Vogelstimmen begleitet. Leider ist das jetzt schon zwei Jahre her, aber mein Golfgepäck steht immer noch in Bayreuth. Woanders bin ich auf meine Bücher und meinen Fotoapparat angewiesen.
Auch in Berlin?
Ich lebe nicht mehr in Berlin, sondern in Korea, wo ich sechs Jahre lang eine Gesangsprofessur hatte. Im Vergleich zu den Hochschulen in Europa sind die Verhältnisse dort ganz anders. Niemand dringt mit Reformvorschlägen durch. Es gibt viele gute Stimmen, sehr begabte Leute in Korea, aber für eine europäische Karriere braucht man mehr. Man muss mehr über die europäische Kultur, über Sprachen, Bewegungen etc. wissen. Es sind zwei verschiedene Welten.