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Ausstellung

Faustfieber

Der große Wirbel um Goethes Drama in München

Von Silvia Stammen

Nein, es gibt keinen äußeren Anlass, warum tout Munich nun schon seit Februar und noch bis zum Sommer im «Faust»-Fieber schwelgt. Jeder ist eingeladen und alle sind gekommen. Zwischen 100 und 500 Veranstaltungen sollen es sein, keiner weiß das so genau, Lesungen, Aufführungen, Konzerte, Spaziergänge sprießen wie die Frühlingszwiebeln. Die Paulaner-Brauerei lockt mit speziellem «Faustus»-Weizenbock auf den Nockherberg, das Kaufhaus Beck hat seine Schaufenster faustisch dekoriert und eine gelbe Plastik-Pudeldame namens Luzi lädt ins Einkaufsparadies der Fünf Höfe zum Selfie-Knipsen. «Selber schuld, Gretchen?» fragt die Frauenseelsorge in einer Diskussionsrunde nur für Frauen, ein Wochenendseminar bietet Selbsthilfetipps zum Thema «Pfeif auf Faust! Raus aus der Gretchen-Falle» und im Deloitte Blockchain Institute gibt Faust II Anlass zu Betrachtungen über «Währung und Unsterblichkeit».

Der Nukleus des ganzen Wirbels lag dabei schlicht in der Ausstellung «Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst», ein lang gehegtes Herzensprojekt des Kunsthistorikers und Direktors der Kunsthalle München Roger Diederen, der sich im Laufe der Vorbereitungen Max Wagner, den neuen Geschäftsführer des Kulturzentrums Gasteig, als Komplizen fürs Rahmenprogramm ins Boot holte. Zusammen mit der Kulturmarketing-Expertin Anna Kleeblatt entwickelte das Faust-Trio dann die unerwartete Sogkraft, über 200 Institutionen und Initiativen vom Kindertheater bis zum Boxwerk in den Ring zu locken und so die Ragout-Vision des Theaterdirektors aus dem Vorspiel umstandslos bunt und frei von kuratorischer Geschmacksabsicherung in die Tat umzusetzen.

Dagegen gibt sich die Schau in der Kunsthalle mit ihrem Schwerpunkt auf der malerischen und bildhauerischen Umsetzung der Faust-Motivik im 19. Jahrhundert auf den ersten Blick homogen gediegen, inszeniert sich dann aber doch auch spielerisch mit medialen Variationen, Videosequenzen und Hörbeispielen zu Faust-Opern und Liedern bis hin zu abstrakten Formulierungen des 20. Jahrhunderts. Der Besucher betritt den Parcours, der im Wesentlichen den Stationen des Dramas folgt, durch die vergrößerte Fassade des Puppentheaters, auf dem der kleine Goethe zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Figur des Dr. Faustus gemacht haben soll. In den angrenzenden Mephisto- und Faust-Räumen begegnet man zwischen allerlei romantisch geprägten Marmorstatuen, Bronzen und Ölgemälden wie dem abendlich leuchtenden Osterspaziergang von Carl Gustav Carus (1821), auch  Szenenausschnitten mit Gustaf Gründgens und Klaus Maria Brandauer sowie einem melancholisch gehörnten Selbstporträt von Robert Mapplethorpe als Mephisto aus dem Jahr 1985 und einem gleichnamigen Gemälde Sigmar Polkes von 1988, das eine alchimistische Goldstaubexplosion zwischen gemalten Rasterpunkten und Fußabdrücken suggeriert. Zu bestaunen gibt es zwischen allerlei grüblerischen Fäusten in altdeutschen Studierzimmern die subtile Entfesselung des Frauenbildes vom biedermeierlicher Sittsamkeit über kokett posierende Postkarten-Schönheiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur schimmernden Perfektion einer von Karl Lagerfeld in Szene gesetzten Claudia Schiffer. Dazwischen fast versteckt die eindrucksvolle Radierung der schmerzstarren Kindsmörderin von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1899 und als dunkle Apotheose Anselm Kiefers malerische Antwort auf Paul Celans Todesfuge «Dein goldenes Haar Margarethe» von 1981, eine von goldenen Strohhalmen durchzogene abstrakte Gewitterfront.

Nach einem Exkurs in die Pariser Oper, wo sich der Besucher beim Betreten des Raums auf der Hinterbühne zwischen den Kulissen einer Aufführung von Gounods «Faust» wiederfindet, sieht man sich zuletzt sehr heutig und gleichsam in Augenhöhe konfrontiert mit den Protagonisten von Martin Kusejs derzeit noch am Residenztheater gespielter «Faust»-Inszenierung in Form holografischer Projektionen, und wird von Bibiana Beglaus endzeitlich-selbstüberdrüssigem Mephisto ins Ewig-Leere entlassen.

Wenige Schritte entfernt im Deutschen Theatermuseum in den Hofgartenarkaden haben sich die Kuratorinnen Claudia Blank und Katharina Keim unter dem Titel «Faust-Welten» ganz auf das Bühnenleben des Dramas konzentriert und bieten mit einer detailreichen Zusammenstellung historischer Dokumente zu Rollen- und Bühnenbildern anschauliche Einblicke in die Aufführungspraxis von der Braunschweiger Uraufführung 1829 über Max Reinhardts Berliner Drehbühnen-Fassung von 1909 bis hin zu den ästhetisch ganz neue Interpretationswege öffnenden Inszenierungen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit von Dieter Dorn, Einar Schleef, Christoph Marthaler über Peter Stein bis hin zu Martin Kusej, Robert Wilson und Frank Castorf.  

Einmalig ist dabei vor allem die Präsentation von zwei Dutzend größtenteils Original-Bühnenbildmodellen, darunter die Rekonstruktion der Raumbühne zur Reinhardt-Inszenierung von Alfred Roller, Jürgen Roses gelber Guckkasten für Dieter Dorn 1987 an den Münchner Kammerspielen sowie gleich zwei Drehbühnenskulpturen von Aleksandar Denic (für Martin Kusej 2014 am Residenztheater und Frank Castorf 2017 an Volksbühne Berlin), die der Katalog theaterhistorisch kompetent einordnet.

Erstaunlich bleibt dabei, welche Irrwege und fatale Sackgassen die Rezeption des Dramas während des Deutschen Reichs, im Nationalsozialismus und in der DDR nehmen konnte, bevor sich Faust zuletzt im Zuge der kritischen Auseinandersetzung mit der europäischen Kolonialgeschichte endlich als Paradigma des zerrissenen, schuldhaft verstrickten Subjekts der Moderne erweisen konnte. So drängt sich der Eindruck auf, dass Fausts radikal-destruktive Hybris erst im 21. Jahrhundert in ihrer dunklen Konsequenz wahrgenommen wird. Wer mit dieser Einsicht auf den bunten Trubel der Münchner «Du bist Faust»-Euphorie blickt, sollte sich nicht einlullen lassen. Der Blick in den Faust-Spiegel hält durchaus Erschütterungen bereit.

http://www.kunsthalle-muc.de/ausstellungen/details/dubistfaust/