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Essay

Der Grenzüberschreiter

Von Thea Dorn

Er taucht immer dann auf, wenn die Menschheit sich anschickt, ihre Grenzen zu überspringen: Georg oder Johann Faust, der Schulmeister, der sich voll Überdruss von aller Schulweisheit ab- und der Magie zuwendet, zum Geisterbeschwörer und Schwarzkünstler aufsteigt, um ein böses Ende zu nehmen. Möglicherweise gab es ihn wirklich. Er könnte 1480 im württembergischen Knittlingen geboren worden sein. Glaubt man dem Gerücht, so ist er 1540 in Staufen im Breisgau gestorben, mit verkohlt-verdrehtem Kopf, was nach Ansicht seiner Zeitgenossen weniger von einem misslungenen alchemistischen Experiment zeugte, als vielmehr davon, dass der Teufel seine Finger im Spiel gehabt haben müsse. So ungewiss die Lebensgeschichte des historischen Faust ist, so gewiss lässt sich sagen, dass seine Landsleute ihn damals verabscheut haben. Der humanistische Theologe Trithemius hielt den selbsternannten «Fürsten der Nekromanten» für einen «Landstreicher», «leeren Schwätzer» und «betrügerischen Strolch, würdig ausgepeitscht zu werden». Der im Allgemeinen zur sprachlichen Mäßigung neigende Reformator Philipp Melanchthon fluchte in bester Luther-Manier, jener Faustus, den er gekannt habe, sei eine «schändliche Bestie, eine Kloake vieler Teufel» gewesen. Und der fromme Frankfurter Buchdrucker Johann Spies, der im Jahre 1587 die herumschwirrenden Geschichten als erster einfing und zur «Historia von D. Johann Fausten» versammelte, tat dies, wie er im Vorsatz bekannte, «allen hochtragenden, fürwitzigen und gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel, abscheulichen Exempel und treuherziger Warnung».

Was brachte die braven Deutschen so auf gegen ihren Faust? Hassten sie ihn, weil sie ihn für einen dreisten Hochstapler hielten? Oder jagte er ihnen Angst ein, weil sie spürten, dass nun auch einer der ihren sich anschickte, die Menschheit um jeden Preis aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultieren zu wollen? Die Renaissance erblühte zwischen Florenz und Rom, nicht zwischen Freiburg und Königsberg. Die großen Seefahrer brachen zu ihren ersten Globalisierungsreisen von spanischen und portugiesischen Häfen auf, während die Hanse sich damit begnügte, die Küsten der Nord- und Ostsee entlang zu segeln. Sicher: Gutenberg und Kopernikus stammten aus deutschen Landen. Der eine hatte den Buchdruck erfunden, der andere das jahrtausendealte geozentrische Weltbild begraben. Doch der erste Bestseller auf dem jungen Buchmarkt sollte die Lutherbibel werden. Und Kopernikus betrieb seine ketzerischen Studien in ostpreußischer Abgeschiedenheit – erst der Italiener Galileo Galilei vertrat die unerhörte Ansicht, dass die Erde sich um die Sonne drehe, so laut, dass die Ohren der Inquisition sie nicht länger überhören konnten. Der Rabiateste aller deutschen Revolutionäre, Martin Luther, zettelte den protestantischen Aufstand gegen den Heiligen Vater an – dem Vater im Himmel unterwarf er sich in alter Christendemut.

Jener Faust war also womöglich der erste Deutsche, der unmissverständlich kundtat, dass er nicht bereit war, sich mit den engen Grenzen, die menschlichem Wissen und Treiben durch Gottesehrfurcht gezogen waren, abzufinden. Er wollte mehr. Alles erkennen. Alles erleben. Alles haben. Und wenn er dafür seine Seele dem Teufel verpfänden muss – was soll’s, fährt auf Erden doch ohnehin alles zur Hölle. Im Spies’schen Volksbuch darf Faust dieser Hölle schon mal eine Stippvisite abstatten. Aber sein «Mephostophiles» (so heißt der dort) lässt ihn auch bis über die Wolken hinauffliegen. Einem Ritter zaubert er ein Hirschgeweih auf den Kopf, vier anderen Zauberern haut er die Köpfe ab und setzt sie verkehrt herum wieder auf. Mit der schönen Helena verbringt er eine rasende Liebesnacht. Und einem Bauern frisst er einmal ein ganzes Fuder Heu samt Wagen und Pferden vor der Nase weg. Einfach so. Weil er’s kann.

Kein Wunder, dass Faustens Theaterkarriere in deutschen Landen die ersten zweihundert Jahre auf der Stadlbühne stattfindet. Während sich das Volksbuch in kürzester Zeit in den europäischen Nachbarländern ausbreitet und den englischen Dramatiker Christopher Marlowe bereits 1589 zum ersten großen Faustdrama inspiriert, das den ewig Suchenden, ewig Unbefriedigten als Prototyp des neuzeitlich-tragischen Menschen zeigt, klatscht sich das deutsche Publikum auf die Schenkel, wenn im Puppentheater Hanswurst und Pickelhering kräftig mitmischen, den hoffärtigen Schurken als Narren zu entlarven.

Die Zeit der Faustveredlung, ja Faustverherrlichung bricht in Deutschland erst im 18. Jahrhundert an. Dann aber mit Macht: So unterschiedliche Temperamente wie Gotthold Ephraim Lessing und Jakob Michael Reinhold Lenz versuchen sich am Faust-Stoff – und scheitern beide. Goethe bleibt es vorbehalten, als erster deutscher Dichter den alchemistischen Springteufel literarisch zu bändigen: 1772 beginnt er mit der Arbeit am «Urfaust», 1832, kurz vor seinem Tod, beschließt er «Der Tragödie zweiter Teil». Sechzig Jahre Faustarbeit, die damit endet, dass der verstiegene Doktor zum ersten Mal in der Geschichte nicht zur Hölle fahren muss, sondern am Schluss der Teufel der Gelackmeierte ist. «Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen.» So singen es die Engel, die «Faustens Unsterbliches» in «höhere Atmosphären» entführen. Der Unersättliche, der Unbehauste, der «Unmensch ohne Zweck und Ruh» wird zur Ikone erhoben. Die Moderne, das «veloziferische» Zeitalter, das der alte Goethe selbst eher mit Schrecken heraufziehen sah, hat unwiderruflich begonnen: Die sich ausdifferenzierenden Einzelwissenschaften verkünden beinahe im Jahrestakt immer tiefere Einblicke ins Wesen der Natur; Webstühle rattern maschinell; der Bergbau wird zur Industrie; in England und bald auch auf dem Kontinent keuchen die ersten Eisenbahnen durch die Landschaft; in Frankreich sind die alten Adelsköpfe gerollt; der Mensch ist aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit ins Freie getreten. 

Faust hat Konjunktur: 1791, noch während Goethe den Stoff besetzt hält, erzählt Friedrich Klinger «Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt» als Höllentrip durch eine moralisch verrottete Welt; 1828 arrangiert Christian Dietrich Grabbe ein dramatisches Gipfeltreffen der beiden Schwerenöter Don Juan und Faust; 1836 erscheint Nikolaus Lenaus elegisch-dramatisches Langgedicht «Faust», das leider nie aus Goethes Schatten heraustreten wird; 1839/40 beginnt Richard Wagner, eine Faustsymphonie zu komponieren, kommt jedoch über den ersten Satz nicht hinaus; 1846 macht Heinrich Heine dem alten Doktor Faust Tanzbeine und lässt Mephisto zum ersten Mal als Frau auftreten; im selben Jahr erlebt Hector Berlioz’ «La Damnation des Faust» ihre konzertante Uraufführung; schon 1859 folgt mit Charles Gounods Oper der nächste französisch-musikalische Faust; 1862 beendet Friedrich Theodor Vischer das faustische Jahrhundert, indem er unter dem Namen «Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky» der Tragödie dritten Teil als grelle Farce erzählt.

Danach wird es stiller um Faust. Hat Oswald Spengler also recht, wenn er in «Der Untergang des Abendlandes», geschrieben zum Ende des Ersten Weltkriegs, «das Faustische» als die Seele der abendländischen Kultur ausmacht, und eben diese Seele, «deren Sein Überwindung des Augenscheins, deren Gefühl Einsamkeit, deren Sehnsucht Unendlichkeit ist», am Erlöschen sieht?

Einen Weltkrieg später taucht dasselbe Motiv bei Thomas Mann auf, allerdings in noch tieferes Moll getaucht, indem er das «Faustische» nicht allein als die kostbar-dynamische Seele des Abendlandes, sondern als die ebenso gefährlich-dämonische Seele des Deutschen bestimmt. «Ein einsamer Denker und Forscher, ein Theolog und Philosoph in seiner Klause, der aus Verlangen nach Weltgenuss und Weltherrschaft seine Seele dem Teufel verschreibt – ist es nicht ganz der rechte Augenblick, Deutschland in diesem Bilde zu sehen, heute, wo Deutschland buchstäblich der Teufel holt?», fragt Thomas Mann im Mai 1945 in seiner berühmten Rede in der Washingtoner Library of Congress. Vor diesem Hintergrund versteht sich fast von selbst, dass er seinem «Doktor Faustus», erschienen 1947, keine Goethe’sche Apotheose gönnen kann, sondern ihn, den Tonsetzer Adrian Leverkühn, der bereit war, für den Preis musikalischen Genies aller «warmen Liebe» zu entsagen, am Ende in den totalen Zusammenbruch schicken muss.

Auch Hanns Eisler, der parallel zu Thomas Mann im amerikanischen Exil an einem Faust-Libretto schrieb, mochte in dem nervösen Welterkenner-Weltverrenker nichts Vorbildhaftes mehr erkennen. Er siedelte seine Oper in der Zeit der deutschen Bauernkriege an, am Schluss wird Faust abermals vom Teufel geholt, dem alten Klassenfeind, mit dem er gegen die revolutionären Massen paktiert hat. Genutzt hat Eisler die sozialistische Linientreue bei seiner Aneignung des Faustmaterials nichts: Das Neue Deutschland drohte unverholen, man werde eine solche Verhunzung des deutschen Nationalepos nicht dulden. Faust sei der deutsche Held und werde es bleiben. Eisler floh nach Wien, bevor er «Selbstkritik» übte und nach Ost-Berlin zurückkehren durfte. Vertont hat er seinen «Faust» nie. Dafür verkündete Walter Ulbricht, in der DDR werde «Faust III vom werktätigen Volke geschrieben». Ob Friedrich Theodor Vischer sich je hätte träumen lassen, dass seine Satire auf den deutschen Faustkult einmal derart überboten würde? 

Nebenan, in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre, begnügte man sich derweil damit, Gustaf Gründgens bei seiner mephistophelischen Artistik zuzuschauen, und vergaß geflissentlich, dass er vor Kurzem noch den braunen Mephistos ans Hakenkreuz gegangen war.

Und heute? Kaum ein Theater-, Opernmacher, der es nicht mit «Faust» aufnimmt. Und dennoch, so will mir scheinen, drücken sich die Künstler der Gegenwart davor, die Sprengkraft dieses mittlerweile fünfhundert Jahre alten Blindgängers für unsere Zeit ernstlich offenzulegen. Stehen wir nicht abermals an einer Schwelle? An der sich die Menschheit entscheiden muss, ob sie über jene Grenze springen will, hinter der sich ihre Geschichte nur noch mit Binärcodes und Gensequenzen wird erzählen lassen? Und wer, wenn nicht Faust, wäre der geeignete Reisebegleiter, um dieses verstörende Land zu durchmessen: In dem die alten Magier-Träume Wirklichkeit geworden sind? In dem sich die Entstehung der Arten im Reagenzglas vollzieht? In dem ein Schweineherz in einer Affenbrust schlagen kann? In dem Fahrzeuge ohne Fahrer rollen? In dem eine Sekunde genügt, Milliarden zu vernichten? Und eine weitere, das Geld am anderen Ende der Welt als neue, schillernde Blase wieder aufsteigen zu lassen? Wer, wenn nicht Faust, wüsste darum, dass die Menschheit ihre hochfliegenden Träume verfolgen muss – und dass der Preis für diese ihre Himmelsstürmerei kein geringerer als der Sturz in die Hölle sein kann?

Der alte Faust mag ein Meister aus Knittlingen gewesen sein. Den neuen Faust wird man weder in Luthers Wittenberg noch Manns «Kaisersaschern» finden. Deshalb gehört der Stoff aus der deutschen Sackgasse befreit. Wer Faust heute treffen will, muss ins Silicon Valley oder nach Shenzhen reisen. Allerdings mit der tiefen Beklommenheit im Herzen, die nicht der schlechteste Zug ist, den die deutsche Seele seit jeher kennt.