Eine kleine Verfremdung erfuhren beispielsweise die letzten Sätze eines Accompagnato-Rezitativs vor dem Terzett des zweiten Akts von «La clemenza di Tito». Hier sagt der römische Kaiser Titus – bei Mozart ein Tenor: «Wir sind so reich und doch immer in Angst. Wir wissen niemals, was der Andere vorhat. Denn aus Ehrgeiz oder Furcht lügen alle.» Das ist kein hinzuerfundener Text, sondern original von Pietro Metastasio: «Noi fra tante grandezze Sempre incerti viviam; ché in faccia a noi La speranza o il timore Su la fronte d’ognun trasforma il core.» Die Stelle wird man auf CD-Aufnahmen jedoch vergeblich suchen, da sie immer gestrichen wird. Musikalisch gibt es auch keinen Grund, die ellenlangen Rezitative zu spielen, zumal sie nicht einmal von Mozart selber komponiert sind, sondern von seinem Schüler Süßmayr. Doch Metastasios «Titus»-Libretto wurde schon von Voltaire als aufklärerisches Gedankengut gelobt. Es lohnt sich also, genauer hinzuhören. In Konwitschnys Hamburger Inszenierung von 2005 werden diese Sätze nur dadurch als «fremd» herausgehoben, dass Titus diese Worte nicht singt, sondern spricht. Der Zuschauer stutzt und denkt einen Augenblick länger über den Sinn des Satzes nach, vielleicht fühlt er sich von dem «Wir» des Kaisers sogar mit angesprochen.
Konwitschnys Inszenierungen durchbrechen gelegentlich die «vierte Wand», um mit dem Zuschauer in einen Dialog zu treten. Brecht plädierte für ein «nichtillusionistisches Theater». Aber nimmt man dem Publikum nicht etwas weg, wenn man die Illusion stört? Eine kleine Anekdote soll belegen, dass Glaubwürdigkeit und Authentizität nicht unbedingt die besten Kriterien für die Qualität einer Inszenierung sind, und dass man Theater immer als einen Wirkungszusammenhang von Bühne und Publikum begreifen muss: Mein kommunistischer Großvater floh während des Zweiten Weltkriegs aus dem berühmten Strafbataillon 999 zu den griechischen Partisanen. Hier beteiligte er sich an einer Laienaufführung und spielte mit so großem schauspielerischen Ehrgeiz einen faschistischen Offizier, dass die griechischen Bauern im Publikum (die noch nie im Leben in einem Theater gewesen waren) sich auf den Darsteller stürzten, um ihn zu verprügeln.
Brecht beschrieb es 1920 in seinem Essay «Das Theater als Sport» so: «Wenn man ins Theater geht wie in die Kirche oder in den Gerichtssaal oder in die Schule, das ist schon falsch. Man muß ins Theater gehen wie zu einem Sportfest. Es handelt sich hier nicht um Ringkämpfe mit Bizeps. Es sind feinere Raufereien. Sie gehen mit Worten vor sich. Es sind immer mindestens zwei Leute auf der Bühne, und es handelt sich meistens um einen Kampf.» Peter Konwitschny hat gezeigt, wie man Opernaufführungen für das Publikum spannender macht, indem man die der Handlung zugrunde liegenden Konflikte deutlich zeigt und das Publikum ermuntert, Partei zu ergreifen. Für seine Bonner «Penthesilea» entwarf der Bühnenbildner Johannes Leiacker keine antike Landschaft, sondern setzte das Publikum in eine Wettkampfarena, in deren Mitte der Geschlechterkampf zwischen Penthesilea und Achill stattfand, während der Chor, vermischt mit dem Publikum, auf den Zuschauertribünen saß und erst spät ins Geschehen eingriff.
Entwickelt wurde das aus der Musik, weniger aus dem Kleist’schen Text. Immer verlangt Konwitschny von seinem Team auch die genaue Kenntnis der musikalischen Ebene. Nebulöses «Musik überwindet alle Schranken»-Gefasel wird man bei ihm nicht finden. Gerd Rienäcker bezeugte das schon 2007 in einer Laudatio: «Wer mit Dir ins Gespräch kam (…) wurde eingehend nach Strukturen des Werkes befragt – etwa nach dem Miteinander mehrerer rhythmischer Abläufe in der sogenannten Beisl-Szene im ‹Rosenkavalier›, etwa nach Rondoformen in der ‹Verkauften Braut›, etwa nach dynamischen Abstufungen im Instrumentalvorspiel eines Duettes in ‹Cosi fan tutte›, etwa nach dem eigentlichen musikalischen Geschehen des Stadinger-Liedes im ‹Wildschütz›.»
Rienäcker beschreibt hier einen dialektischen Prozess, bei dem ästhetische und politische Aussage des Inszenierens untrennbar sind. Für Brecht wie für Felsenstein war Theater ein Mittel, zur Verbesserung der Welt beizutragen. Peter Konwitschny betont in Interviews immer wieder, dass er sich diesem Ethos nach wie vor verpflichtet fühlt. In einem Text zur Stuttgarter «Medea»-Inszenierung schrieb er 2017: «Mir scheint, dass bisher nur Verhältnisse existierten, in denen die allerschlechtesten Möglichkeiten, die wir Menschen in uns tragen, gefördert wurden. Aber die eigentliche Aufgabe der Politik ist es, Verhältnisse zu schaffen, die positive Potenziale fördern. Damit unsere Gesellschaft das erreichen kann, braucht sie das Theater und alle anderen werte- und menschenbildenden Disziplinen.» Auf der Bühne will der Regisseur aber niemanden mit belehrenden Sentenzen langweilen. Er versucht mit seinen Ausstattern und Dramaturgen immer den theatralischen Reiz herauszuarbeiten und den Unterhaltungswert eines Werkes zu benutzen, um seine Botschaft an die Leute zu bringen. Ganz im Sinne der Bemerkung Walter Felsensteins: «... aber eine Weltverbesserung ohne Unterhaltung kann ich mir nicht vorstellen.»
Konwitschny vertritt weiterhin auch die Meinung Felsensteins, dass es sinnvoller ist, Opern in der Landessprache des Publikums aufzuführen als in ihrer «Originalsprache», und das nicht, weil er einem Primat des Textes vor der Musik das Wort redet, sondern weil er den Text als einen ebenso wesentlichen Baustein des Gesamtkunstwerks betrachtet wie Musik, Bühnenbild und Darstellung. Als Sohn eines berühmten Dirigenten kennt er natürlich auch die Partituren bis ins letzte Detail und sieht wie Felsenstein in den Noten «genauso das Werkzeug zur Verständigung» wie im Text. Wesentlich ist ihm der «Gestus einer Musik», der herausgearbeitet sein will. Herausarbeiten heißt nicht immer «Nachmalen». Es kann auch bedeuten, dass ein Kontrast erzeugt wird wie bei der Gewittermusik in Cherubinis «Medea» aus dem Jahre 1797, der Introduktion zum dritten Akt. Der Komponist vertont hier nicht nur das Wetter, sondern die stürmischen Gefühle im Innern der Hauptfiguren und mit ziemlicher Sicherheit auch das naturgewaltige Hereinbrechen sozialer Umwälzungen seiner Gegenwart. In der Inszenierung hätte daher eine konkrete Bebilderung durch fahnenschwingende Demonstranten oder brutale Soldateska erfolgen können. Konwitschny ließ aber die Darstellerin der Medea auf einer über den Orchestergraben ragenden kleinen Spitze sitzen, vor dem mit einer friedlichen Küstenlandschaft bemalten Stückvorhang. Sie saß so für die Dauer des siebenminütigen Orchesterzwischenspiels, fast unbeweglich. In den Endproben fragte der Regisseur die Sängerin dann, ob sie dabei einen Apfel verspeisen wollte. Die Sängerin fand die Idee gut, und das stille Apfelessen brachte den stürmischen Aufruhr der Musik noch besser zur Geltung.