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Erste Hilfe für die Künstlerseele

Gespräch mit einer Ratgeberin

Von Nicole Strecker

Frau Barandun, Sie haben einen sehr überzeugenden Leitfaden zur «Ersten Hilfe für die Künstlerseele» verfasst. Was macht Künstlerseelen therapiebedürftig? 
Weniger therapie- als unterstützungsbedürftig. Bühnenkünstler versuchen, im Spannungsfeld zwischen Rolle und Sein gesund zu bleiben. Sie müssen feinfühlige Künstler sein, die die eigene Persönlichkeit, den eigenen Körper als Arbeitsinstrument einbringen. Gleichzeitig finden sie aber an den Theatern oft zermürbende Arbeitsbedingungen vor. Sie müssen mit einer hohen Fluktuation von Kollegen umgehen und sich täglich mit Kritik und Feedback auseinandersetzen.

Und nicht selten mit starren Strukturen und langen zeitlichen Planungsvorläufen. Ein – nicht ganz unrealistisches – Beispiel: Ein Bühnenbildner will für ein Tanzstück aus soliden Steinen eine Mauer bauen, die gleich zu Beginn des Stückes einstürzt. Die naheliegende Reaktion der Werkstätten: «Geht nicht». Es könnte zum Konflikt kommen. Was tun Sie? 
Ich würde mir zunächst die Motive beider Seiten genau ansehen. Warum müssen es Steine sein? Wenn es um den Effekt geht, könnte man gemeinsam nach Alternativen suchen – Kreativität ist doch das Kerngeschäft des Theaters! Und umgekehrt: Meiner Erfahrung nach verweigern Werkstätten und Techniker nie aus Faulheit oder Böswilligkeit die Wünsche der Künstler. Meistens hat so ein «Nein» etwas mit Sicherheit und Arbeitsschutzrichtlinien zu tun. Das wird leider oft falsch verstanden. So können sich Sachkonflikte verhärten. Überhaupt geht es meistens in meiner Arbeit um die Klärung eines Gefühls. Um das Verstehen, was hinter einer Emotion steckt.

Vieles in Ihrem Buch kann jeder Leser für sich selbst anwenden. Aber was ist für Sie theaterspezifisch? 
Mein Herzenskapitel: der Geniekult! Gerade in Deutschland wird dem Geniebegriff viel zu viel Bedeutung beigemessen, dabei ist diese Idee von «spontaner Genialität» selten umsetzbar. Die Werkstätten sind eingebunden in zeitliche Abläufe, wenn dann der Choreograf kommt und sagt: «Jetzt schmeißen wir doch wieder alles um», ist das oft schlicht nicht möglich. Im Stadttheaterbetrieb hilft es, wenn sich Künstler wieder mehr als Handwerker begreifen. 

Das heißt? 
Kunst als kontinuierliche, ruhige Schaffenskraft praktizieren. Genialität macht einsam und selbstbezüglich, das funktioniert im Theater nicht. Der Handwerker-Künstler kann immer wieder an seine Kreativität anknüpfen, wenn er sich darin geschult hat, den Geist in den Flow-Zustand zu bringen. Er ist dann von äußeren Gegebenheiten unabhängiger. Für mich sind die japanischen Kunsttraditionen sehr lehrreich. Ein Kalligrafie-Künstler etwa stellt seine Persönlichkeit zurück – und lässt sein Gemälde in diesem Moment entstehen. Man fokussiert, meditiert, ist im Augenblick präsent.

Sie sind nicht nur Buchautorin und Coach, Sie unterrichten auch Aikido. Warum diese Kampfkunst? 
Aikido ermöglicht es, mit unseren ganz alltäglichen, realen Erfahrungen umzugehen. Unsere Welt ist alles andere als friedfertig. Im Alltag ist man so vielen mentalen Angriffen ausgesetzt. Das kann ein blöder Satz sein, ein Blick, ein Anraunzer, jemand, der vorbeigeht und nicht grüßt. Es geht also darum: Wie kann ich schwierige Situationen so mitgestalten, dass ich mich schützen kann und dennoch respektvoll bleibe – selbst bei einem Angriff?

Wie kamen Sie selbst zum Aikido? 
Mein Vater war Banker und für den Aufbau von Filialen im Ausland zuständig. So bin ich als Kind viel gereist, habe viereinhalb Jahre in Japan, drei Jahre in Bahrain, dann in Luxemburg gelebt, immer andere Kulturen kennengelernt. Ich habe erst zehn Jahre lang klassisches Ballett gemacht, auch eine Ballettlehrerinnen-Ausbildung nach dem System der Royal Academy of Dance absolviert. Dann suchte ich nach einer neuen Bewegungsform und dachte: Eine Kampfkunst wäre nicht schlecht, damit ich mal lerne zu fallen. Im Aikido arbeitet man genauso wie im Tanz an den Feinheiten der Bewegungen. Aber anders als im Ballett gibt es keine kinetischen Idealformen, nach denen der Körper streben muss. Vielmehr nutzt er die Bewegungsabläufe der Kampfkunst, um sich optimal auszudrücken. Das hat mich später auch zum Coaching geführt: Es geht immer darum, die eigenen Stärken – mentale wie physische – zu erkennen und zu nutzen, so dass man frei und selbstbestimmt in einem Geflecht von Ereignissen agieren kann.

Wann wenden Sie Aikido in Ihren Seminaren an? 
Meist als Konflikt-management, wenn es darum geht, eine Win-Win-Lösung zu finden. Es geht nicht um Sieg, sondern darum, das eigene Wohl zu schützen, ohne die Grenzen der anderen Person zu überschreiten. Einen Angriff sollte man am besten in eine harmonische Bewegung verwandeln. 

Lassen Sie uns das durchspielen. Ich sage: «Frau Barandun, Sie nerven mich!» 
Das wäre ein Angriff.

Was würden Sie nach dem Muster der Aikido-Taktik erwidern? 
Ich würde antworten: «Erklären Sie mir noch mal in Ruhe, was Sie damit meinen, worum es Ihnen geht.» Das Aikido-Prinzip, so wie ich es verstehe, heißt: Beruhigend aufnehmen, umlenken und eine gereizte Situation konstruktiv nutzen. Das hat aber viel mit meinen eigenen Emotionen zu tun. Wenn ich Angst habe, zeigt sich das in angespannten Bewegungen, harten Gesichtszügen. Das löst wiederum bei der anderen Person etwas aus. Das ist für mich der Kern meines Buches, der Kern von allem: Setze bei dir selbst an, um dein Leben zu verändern. Es geht um Eigenverantwortlichkeit als Künstler, der nicht nur dem Theater verpflichtet ist, sondern viel mehr dem eigenen Leben, das er gestalten muss. Das Theater ist darin nur ein Aspekt. 

Was war bislang Ihr schwierigster Fall? 
Ich wurde für ein Coaching-Seminar in einer Theater-Werkstatt engagiert. Als ich morgens um acht Uhr ankam, saßen dort alle Mitarbeiter mit verschränkten Armen vor mir und schwiegen. Da war ich sehr gespannt, was passieren wird! Ich habe sie dann gebeten, in einer kleinen Zeichnung ihre Gemütslage zu skizzieren, und interessanterweise malten alle acht Mitarbeiter das gleiche Bild: ein Emotikon mit herabhängenden Mundwinkeln.

Warum war das Betriebsklima so schlecht? 
Viele Werkstätten in Deutschland sind in einem gruseligen Zustand – von der Maske bis zur Schneiderei. Die Leute arbeiten oftmals in sehr alten Gebäuden und Räumen, die kein Tageslicht, keine Lüftung haben. Da sitzen Menschen 20, 30 Jahre lang zusammengepfercht und müssen manchmal nicht gerade abwechslungsreiche Arbeiten erledigen. Wenn Sie einmal einen Opernchor mit schwarzen Hosen ausstaffiert haben, wissen Sie danach auch, was Sie getan haben.

Christina Barandun: «Erste Hilfe für die Künstlerseele. Stressbewältigung, Kommunikation und Konfliktlösung im Kulturbetrieb. Ein Ratgeber», Berlin 2018, Alexander Verlag Berlin

Gegen Arbeitsstrukturen können Sie doch nicht viel tun. 
Nein, aber ich kann helfen, mit der Situation anders umzugehen. Wir haben versucht, die Konflikte im Zwischenmenschlichen zu regeln und haben über mögliche Freiräume nachgedacht. Dass zum Beispiel die einen Mitarbeiter früher, die anderen später kommen, so dass nicht so viele Personen auf einmal im Raum sind.

Wenn Sie in Ihrem «Erste-Hilfe-Leitfaden» Künstler auffordern, mehr auf die Work-Life-Balance zu achten und die Kultur des Jammerns zu beenden, ist das dann ein Aufruf zur Rebellion? 
Das muss ich nicht, das ganze Thema brodelt deutschlandweit. Es findet ein Generationswechsel statt und ein Umdenken auf der Leitungsebene. Da gibt es durchaus den Wunsch, mehr Teamgeist zu pflegen. Aber der trifft auf einen großen Betrieb mit 500, 600 Mitarbeitern, die alle gelernt haben, nach hierarchischen Abläufen zu handeln. So scheitern junge Ideen oft an veralteten Strukturen.

Sind die Theater die letzten Diktaturen unserer Gesellschaft? 
Ich finde schon. Ich wünsche mir, dass die Theater die Gesellschaftskritik, die sie auf der Bühne üben, also Missstände im sozialen Miteinander, auch hinter Backstage umsetzen. Sie bekommen viel Geld dafür, dass sie Neues entwickeln und ausprobieren.

Theater als betriebliche Role Models? 
Das wäre mein Wunsch. Theater als Pilotprojekt, um zu gucken, wie ein gesundes Unternehmen funktioniert. So ist es aber nicht. Ironischerweise kann ich in meinen Coachings viele Erkenntnisse aus aktuellen Forschungsrichtungen, der Neurobiologie, der Wirtschaft und Industrie auf die Theater anwenden.

Das dürfen Sie doch nicht laut sagen, dass das Theater der Wirtschaft hinterherhinkt? 
Dennoch sage ich das. Die Theater müssen langsam auf den aktuellen Stand kommen, zum Beispiel was Weiterbildungen für Mitarbeiter angeht. Stichwort: Führungskräfte-Schulungen. Die sind an Theatern überhaupt nicht vorgesehen. Wie in vielen kleinen Betrieben werden zwar fachlich kompetente Personen geholt, aber in Sachen Führungskompetenz wurden sie nie geschult. Dann ist es natürlich Zufall, ob man andere Menschen gut und empathisch führt oder nicht. Interessant finde ich auch die Idee des Lean Managements und evolutionäre Unternehmensstrukturen. Also: Selbststeuernde Unternehmen, die viel Verantwortung an einzelne Teams abgeben, die dann ihre Budgets alleine verwalten und dadurch fast wie Kleinunternehmen in größeren Unternehmen agieren. Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Viele Theater arbeiten längst gegen ihre eigenen Strukturen.

Sie meinen, Kunst entsteht nicht durch, sondern trotz der Strukturen? 
Genau. Mit Arbeitszeitregelungen wird freizügig umgegangen, Budgets werden so lange umgerechnet, dass man die Gelder doch sinnvoll anwenden kann. Sowohl die Verwaltung als auch die Technik als auch die Kunst müssen sehr kreativ darin sein, die starren Strukturen zu unterwandern, um die Ansprüche, die an das Theater gestellt werden, zu erfüllen und die Menge der geforderten Aufführungen zu bewältigen. Das ganze System müsste viel flexibler, durchlässiger werden.

Wie versuchen Sie, Stress aus dem Theater zu nehmen? 
In der Regel werde ich von der Theaterleitung geholt. Mit ihr gemeinsam analysiere ich: Was sind die Visionen, wohin will sich das Haus entwickeln? Aber auch: Wer sind die Persönlichkeiten in der Leitung, was sind ihre Werte, und wie kann man diese Werte gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern teilen?

In Ihrem Buch kommt #MeToo zwar nicht vor, aber vieles erinnert an diese Debatte. 
Eigentlich geht es immer um Machtmissbrauch. #MeToo diskutiert einen Aspekt des Gesamtkomplexes, an dem ich schon lange arbeite – nämlich zu einer menschenwürdigeren Haltung zu kommen. Das fängt bei Regisseuren und Choreografen an, die nicht – wie ich es schon erlebt habe – mit Pulten um sich werfen oder vernichtend kritisieren sollten. Ich glaube nicht, dass große Kunst aus dem Leiden entsteht.

Wie sollte Kritik geübt werden? 
Eine Dramaturgin erzählte mir, sie würde nach den Proben vor jeder Kritikrunde ein, zwei positive Sätze sagen. Nur zwei Punkte, die sie positiv fand – und das hat -ihrer Wahrnehmung nach die Stimmung komplett gewandelt. Es ist eine halbe Minute mehr Aufwand, aber die psychologische Wirkung ist gewaltig. Das predige ich immer wieder: Mehr loben, alles herausstellen, was positiv läuft. Wir können als Deutsche davon ausgehen, dass wir nie zu viel loben werden.

Sie haben als Coach bereits in der Wirtschaft gearbeitet, sich aber ganz bewusst für die Kunst, das Theater entschieden – warum? 
Die Künstler, und damit meine ich alle Mitarbeiter in Theatern, sind für mich Pioniere. Das sind Menschen, die schlecht bezahlt werden, zum Teil grauenhafte Bedingungen haben, zu sozial völlig unverträglichen Zeiten arbeiten, manchmal sehr frustriert sind – und trotzdem für das Theater brennen. Da ist immer etwas ganz Existenzielles im Raum.

Das Cover Ihres Buches signalisiert: Die Künstler sind unentbehrliche Rädchen im Getriebe, Teil eines größeren Ganzen. 
Jede Geste, jedes Wort, jedes Schweigen, jede Begegnung wirkt sich auf das gesamte Haus aus. Das ist das Systemische des Theaters, und für mich stellt sich immer die Frage, wo sich überhaupt ein Rädchen drehen lässt. Zudem: Künstler sind oft hochsensibel und unberechenbar. In -ihren Köpfen geht es mit einer solchen Geschwindigkeit kreuz und quer, dass ich manchmal sehen muss, wie ich dem Schwung hinterherkomme. Meine Aufgabe ist es dann einfach: Dinge zu reduzieren und aus der emotionalen Komplexität einfach mal drei Punkte herauszufiltern. 

Was macht Sie so sicher, dass der Mensch veränderbar ist? 
Ich sehe das in meiner täglichen Arbeit. Es braucht nur manchmal einen Spiegel von außen. Auch die Neurobiologie hat gezeigt, dass das Gehirn sich immer wandeln kann, bis zum Tod können wir Neues aufnehmen. Der Mensch will immer weiter lernen. Denn das setzt Energie frei. 

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