Mehr als eine Masche
Christoph Rasche inszeniert «Elektra» am Resi
Rasche-Bühnen sind pompöse Maschinenmonster – und Muster an Effizienz zugleich. Hier am Münchner Residenztheater, wo der minutiöse Monumentalmechaniker nun zum zweiten Mal inszeniert und technisch aus dem Vollen schöpfen kann, wird das besonders deutlich. Marschierten «Die Räuber» 2016 noch auf riesigen schwenkbaren Laufbändern unverwandt auf den Abgrund zu, so hat sich die Laufrichtung mittlerweile zum Kreis gebogen. Wenn sich der eiserne Vorhang zu Hofmannsthals «Elektra» hebt, verhakt sich der Blick erstmal in Stahlstreben und Lochblechen eines haushohen zylindrischen Käfigungetüms, das wie ein Ufo aus einem dystopischen Science-fiction-Blockbuster im Bühnenturm gelandet zu sein scheint. Erst nach und nach werden die Bewegungen sichtbar, um derentwegen hier alles exakt so groß und wuchtig sein muss, wie es ist: Menschlein en marche auf riesigen Drehscheiben, dazu skandierender Sprechgesang, Musikschleifen in monotonem Crescendo, Lichteffekte auf dunklem Grund, das sind die Elemente, mit denen Rasche seit vier Jahren zuverlässig die großen Bühnen rockt und damit sein eigenes Maschinenzeitalter eingeläutet hat.
Texte werden dabei nicht zerschlagen, sondern mit höchster Genauigkeit rhythmisch aufgeladen ins Zentrum gerückt – eben weil Rasche mit seinem Materialkasten so konzentriert und ästhetisch ökonomisch umgeht wie wenige (auch wenn sich das nicht unbedingt in den Konstruktionskosten niederschlägt, die auch diesmal wieder beträchtlich gewesen sein dürften). Aber wo wären solche Mittel besser angelegt als in der konsequenten Weiterentwicklung eines noch längst nicht an seinen Wirkungsgrenzen angelangten künstlerischen Entwurfs? Vieles gibt es da noch zu erkunden, auszutarieren und auf Bändern und Scheiben weiterzutreiben, dass den Schnellrichtern, die nach einer Serie vordergründig ähnlich aussehender Produktionen gleich schon genervt die Nase rümpfen über «diese Rasche-Masche», doch zu ein bisschen Geduld geraten werden muss. Immerhin hat hier jemand eine Form-Inhalt-Synthese entwickelt, deren wüstes und doch nuancenreiches, martialisch-fatalistisches Pathos weite Assoziationsspielräume offen lässt.
Konnte man zunächst noch denken, der Rasche-Kosmos mit seinen im Gleichschritt marschierenden und skandierenden Chören sei ein originär männlich codierter, so hat sich auch dieser Eindruck als übereilt erwiesen, spätestens seit letzten Sommer «Die Perser» des Aischylos in Salzburg, koproduziert mit dem Schauspiel Frankfurt, um drei starke Frauen (Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa und Patrycia Ziolkowska) kreisten.
Nun also «Elektra», allerdings nicht von Sophokles, sondern die – unter dem Einfluss von Sigmund Freuds «Traumdeutung» (1899) psychoanalytisch grundierte – Fassung Hugo von Hofmannsthals aus dem Jahr 1903, in der die vaterhörige, rachebesessene und jede Lebensperspektive verneinende Tochter sich nach Orests Muttermord an ihrem Triumph zu Tode tanzt. Der proklamierte Ichverlust Elektras und Klytämnestras verzweifelte Suche nach einem Halt im Chaos triebbedingter Träume wirken da aus heutiger Sicht doch allzu sehr einem überholten Hysterie-Konzept verhaftet. Ursprünglich war die Inszenierung als Doppelprojekt «Elektra 4.48 Psychose» mit Texten von Sarah Kane angekündigt, was womöglich einen interessanten Kontrast ergeben, aber dann wohl doch zu weit von der Ausgangskonstellation weggeführt hätte.
Jetzt lässt Rasche seine Elektra zum Schluss allein zurück. Fast nackt und zerbrechlich steht Katja Bürkle auf der erstmals fast zum Stillstand gekommenen Scheibe, die sie zwei Stunden lang zu Monika Roschers minimalistisch pulsierender Schlagzeug-Streicher-Komposition umkreist hat, noch immer das Sicherheitsseil wie eine Nabelschnur um den Bauch geschnallt, aber endlich am Nullpunkt angelangt, von wo es keinen Aufbruch mehr gibt. Eine Männerphantasie, mag sein, und trotzdem auch ein starkes Bild von einer Frau, die sich jeder Verfügbarkeit verweigert und deren Wut dabei doch wenig Befreiendes hat.
Für Bürkle ist es ein Trip, den sie mit grandioser Unerbittlichkeit durchzieht. Den ganzen Abend über scheint die treibende Kraft von ihr auszugehen: das Kreisen um die leere Mitte; das Werben um die Komplizenschaft mit der lebenswilligen Schwester Chrysothemis (geschmeidig-geerdet Lilith Häßle), die im Vergessen ihr Glück sucht, was Elektra kategorisch ausschließt; und schließlich die Konfrontation mit ihrer Mutter Klytämnestra – mit hochaufgerichteter Grandezza aufspielend Juliane Köhler –, die der verdrängten Schuld des Gattenmords an Agamemnon bis zuletzt keine Macht über sich einräumen will.
Der achtköpfige Chor, den es in Hofmannsthals Einakter so nicht gibt und der hier deshalb auch keine eigene Position formuliert, sondern einzelne Textpassagen der Protagonisten vorwegnimmt oder wiederholt, ist so etwas wie ein Sprachverstärker innerer Stimmen. Gekleidet in halbtransparente Unisex-Trikots in schwarz und grau (Kostüme: Romy Springsguth) wirkt sein ebenfalls angeseiltes Gehen mit weichen Knien und wiegenden Schultern eher tänzerisch, während Bürkle mit hartem geraden Schritt eisern Spur hält. Dabei verschieben sich durch kaum merkliche Geschwindigkeitsänderungen die Abstände oder der Chor wird durch Absenken des über der Scheibe hängenden Drahtzylinders plötzlich ausgeblendet, so dass auf dem Rand der rotierenden Spielfläche, die ihrerseits hoch und runter, vor und zurück gefahren werden kann, plötzlich eine fast intime Zweiersituation entsteht.
Auch wenn die Spannung im ewigen Gleichschritt zwischendurch mal etwas abfällt, bleibt man doch nolens volens gebannt von diesem Tanz menschlicher Marschkörper in ihrem mechanischen Käfig. Eine einzige Geste, die Rasche auch schon in den Räubern verwendet hat, entspringt nicht der Reaktion auf die Maschine. Wenn Thomas Lettow, der schon von Beginn an im Chor mitgelaufen ist, sich endlich als Orest zu erkennen gibt, legt Elektra einen Moment lang, wie schon zuvor einmal bei Chrysothemis, ihre Hand an seine Wange – die einzige Berührung, flüchtig und folgenlos und doch Zeichen einer unzerstörbaren Ahnung menschlicher Zusammengehörigkeit bei aller programmatischen Vereinzelung. Dennoch, die Stärke der Rasche-Maschinerie liegt in ihrer Fähigkeit, das Symbolische der Sprache mit der Kraft konkreter Bewegung zu konfrontieren und kurzzuschließen. Ein emphatischer Text wie Hofmannsthals Tragödie, der sein Heil in psychologischen Tiefen sucht, kann da schon mal an seine Belastungsgrenze geraten.
Silvia Stammen
Am 3., 4., 30., 31. März, 4., 5., 21., 22., 24. April 2019 im Residenztheater