Sie war ein pianistisches Wunderkind, das der Vater schon mit elf auf Konzertreisen durch Europa schickte. Sie war die Muse und Ehefrau Robert Schumanns. Und als seine Witwe wurde sie in ihren späten Jahren zur Legende: Clara Wieck-Schumann (1819 – 1896), die berühmteste Virtuosin des 19. Jahrhunderts.
Claras Vater, knapp vor der Wende zum 19. Jahrhundert in der sächsischen Provinz geboren, war ein Kaufmannssohn mit unglücklicher Liebe zur Musik. Die Leipziger Thomasschule hatte er wegen seiner schwachen Singstimme verlassen müssen. Als junger Mann litt er an Gesichtsneuralgien und Schwächeanfällen, war zum Virtuosen also vollständig ungeeignet. So studierte er Theologie, ohne diesen Beruf jemals auszuüben. Nur ein einziges Mal stand er auf der Kanzel der Dresdner Schlosskirche. Nach demütigenden Jahren als Hauslehrer bei einem Verrückten wurde er schwerhörig und depressiv, so dass er Hilfe beim Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, suchte. Wieder gesund, machte er ein Pianofortegeschäft auf, ausgestattet mit Flügeln, Trillermaschinen und Fingerspannern. Hier gab er bald auch Klavierunterricht, kleinen Mädchen vor allem. Denn sie waren nach gängiger Auffassung gefügiger und fleißiger als das so genannte «starke Geschlecht».
Seine Methode übernahm Friedrich Wieck von einem Kasseler Militärhornisten, Bernhard Logier, der über Nacht berühmt geworden war mit dem «Logier’schen System», einen Spezialapparat, mit dessen Hilfe dreijährige Mädchen lernen konnten, konzertreif Klavier zu spielen. Er bestand aus einem komplizierten Messinggestänge, mit dem man die Kinder am Instrument fixierte, sowie zwei hölzernen Handblöcken, durch deren Löcher die Finger in einer Weise gesteckt wurden, dass sie zwangsläufig akkurat spielen mussten. Auch Clara wurde in diesen Apparat gezwängt. 1819 als Friedrich Wiecks zweite Tochter geboren, sollte sie die Karriere machen, die dem Vater versagt geblieben war, als berühmte, durch die ganze Welt reisende Virtuosin. Wiecks Frau, Cembalistin und Sängerin, fügte sich. Als sie aufsässig wurde und sich in seinen besten Freund, den Geiger Adolf Bargiel, verliebte, setzte Wieck sie kurzerhand vor die Tür. Das Kind blieb gegen ihren Willen bei ihm. Friedrich Wieck empfand sich als fortschrittlichen Geist seiner Zeit, der Epoche der industriellen Revolution, in der die Dampfmaschine, der Raddampfer, das Morphium und der Elektromotor entwickelt wurden. Das Clavichord und das Cembalo, für das Bach, Mozart und Haydn ihre Werke geschrieben hatten, waren aus der Mode gekommen. Man verlangte nach neuen, repräsentativen Instrumenten. Und nach einer anderen Art, Klavier zu spielen, nicht filigran nach innen gekehrt, sondern kräftig, laut und vor allem schnell – Passagenmusik wie die Bravourvariationen von Henri Herz, Johann Peter Pixis und Sigismund Thalberg. Klassische Musik galt nach dieser Fortschrittsideologie als verpönt. «Meine Damen, ich warne Sie vor der sogenannten klassischen Musik, namentlich vor Beethoven», schrieb Friedrich Wieck. «Die muss man spielen, wenn man sich jene glänzenden Eigenschaften bereits erworben hat durch rein klaviermäßige Tonstücke.» Überall hörte man jetzt von weiblichen Wunderkindern. Leopoldine Blahetka machte in Wien Furore, in Paris spielten Caroline Belleville und Camille Moke die größten Pianisten an die Wand. Sie waren so klein, dass sie mit den Füßen nicht das Pedal erreichten, spielten aber lauter als sechs Knaben zusammen. Der Kontrast von Elfenhaftigkeit und Stärke kam gut an, besonders bei Männern. Er hatte auch etwas Erotisches, Pädophiles. Man machte ihnen kunstvolle Lockenfrisuren und zwängte sie in Ballkleider mit Wespentaillen, die Schultern und Dekolletee anzüglich freiließen. E.T.A. Hoffmanns singende und Klavier spielende Puppe Olympia ist das übersteigerte Abbild dieser perfekten Kindfrauen, die fast alle dasselbe virtuose Repertoire spielten und von denen keine so etwas wie einen «Personalstil» hatte.
Mit acht gab Clara ihr erstes Konzert. In die Schule ging sie nicht. Reine Zeitverschwendung, befand der Vater. «Findet nicht oft», appellierte er an junge Pianistinnen, «Ihre Übungszeit statt, wenn Sie schon fünf bis sechs Stunden im Wissenschaftlichen und in den Sprachen tätig gewesen sind? Und ist der Geist abgespannt und die Hand mit den Fingern vom Schreiben ermüdet und steif?» So wurde nicht nur die klassische Musik, sondern auch der «Geist» aus dem Virtuosentum ausgeblendet. Virtuosinnen durften und sollten ruhig dumm bleiben.