Tatsache jedenfalls ist ihre extreme Beweglichkeit, und die fällt offenbar ins Gewicht, als sie am Conservatorio Municipal de Danza de San Sebastián vortanzt und, obwohl mit sieben eigentlich noch viel zu jung, sofort aufgenommen wird. Sieben Jahre bleibt sie dort – so lange, bis ihr Peter Brown eingesteht, seiner Hoffnungsträgerin nichts mehr beibringen zu können. Zusammen mit Jorge Nozal, wie sie einst Schüler am Konservatorium und heute einer der führenden Protagonisten des Nederlands Dans Theater, tanzt sie schließlich an der John-Cranko-Schule vor. Erste Verbindungen hatten sich schon zwei Jahre zuvor ergeben, als Sarah Abendroth, eine der Lehrerinnen in Stuttgart, bei einem Sommerkurs in San Sebastián zum ersten Mal auf die angehende baskische Ballerina stieß.
Reid Anderson hat nicht vergessen, wie er ihr an der Cranko-Schule wenig später zum ersten Mal begegnet ist: «Ich weiß noch genau, wo sie damals beim Training gestanden hat. Sie hatte etwas von einem exotischen Vogel. Auch wenn da ein bisschen Babyspeck noch nicht ihre ganze Geschmeidigkeit sichtbar werden ließ, sprang einem ihre Besonderheit sofort ins Auge. Ein begnadeter Körper! Was für Beine!» Auf Alicia Amatriain angesprochen, kommt der Ballettintendant augenblicklich ins Schwärmen.
Seit der Spielzeit 1998/99 gehört sie zum Ensemble des Stuttgarter Balletts, zunächst noch als Elevin, wenig später als Corps-de-ballet-Tänzerin, seit 2002 als Erste Solistin. Kurz: eine Senkrechtstarterin. «Natürlich hat man mit ihr arbeiten müssen», räumt Anderson ein, «an den Armen, an der Koordination. Das Adagio: fantastisch. Aber die Sprünge waren eine Herausforderung für sie. Auch ihre Mañana-Mañana-Mentalität war anfangs ein Problem, diese südländische Unbekümmertheit, Dinge einfach so zu nehmen, wie sie kommen.» Trotzdem hatte Alicia Amatriain von Anfang diesen «Wow-Effekt», wie er das nennt. Er kann sich noch gut an ein Gespräch mit Nanette Glushak vom Balanchine-Trust während einer Durchlauf-Probe von Balanchines «Theme and Variations» erinnern. «Sie hat mich gleich gefragt: Wer ist denn das? Und ich antwortete: ein ungeschliffener Diamant. Darauf sie: Aber mit wie viel Karat!»
Inzwischen ist der Diamant längst geschliffen – und Alicia Amatriain über sich hinausgewachsen und so zur Muse vieler Choreografen geworden. So hat sie beispielsweise mit Wayne McGregor «Eden/Eden» und «Yantra» erarbeitet, mit Itzik Galili «Hikarizatto» und «Mona Lisa» kreiert, war bei Douglas Lees «Dummy Run», «Fanfare LX» und «Nightlight» dabei, verkörperte die «Lulu» in der gleichnamigen «Monstretragödie» von Christian Spuck oder dessen Eurydice in der Gluck-Inszenierung «Orphée et Eurydice». Warum das so ist? Anderson: «Sie hat das, was man eben haben muss: das ‹It›, das gewisse Etwas. Und sie kann im Ballettsaal stehen und saugt wie ein Löschpapier alles auf, ohne sich dabei zu verlieren. Sie macht alles mit, ohne Wenn und Wehleidigkeit. Instinktiv hat sie gewusst, wie sie selbst die kompliziertesten Hebefiguren anzugehen hat, von denen es bei Cranko weiß Gott eine ganze Menge gibt.»
So beispielsweise in «Onegin», in dem Alicia Amatriain bereits mit 22 als Tatjana zu sehen war. So jetzt ganz aktuell in den «Initialen R. B. M. E.», die im Anschluss an die «Dances at a Gathering» auf dem Programm des Ballettabends «Begegnungen» stehen. Alicia Amatriain verkörpert darin das «M», und wie Márcia Haydée 1972 lässt sie sich zur Musik von Johannes Brahms nicht nur auf Händen tragen, sondern kann sich auch ganz einfach fallen lassen – am Premierenabend in die Arme von Friedemann Vogel, der sie schon aus gemeinsamen Schultagen kennt. Er lässt denn auch gar nicht erst einen Zweifel darüber aufkommen, wen er als Partnerin favorisiert: «Es gibt nicht viele Partnerschaften, wo man sich so blindlings vertrauen kann. Alicia spürt sofort, wenn ich ihre Hilfe benötige. Umgekehrt versuche ich, ihr Sicherheit zu geben, wenn sie aus irgendeinem Grund nervöser ist als sonst. Nur so kann man sich ganz in ein Stück reinwerfen, weil man weiß: Das wird.» Egal, ob es sich um die «Initialen» handelt, um einen Klassiker wie Crankos «Schwanensee», den beide seit 14 Jahren zusammen tanzen. Oder um einen Pas de deux wie «In the Middle, -Somewhat elevated» von William Forsythe, mit dem sie sich seinerzeit beim Wettbewerb um den «Erik-Bruhn-Preis» in Toronto der internationalen Konkurrenz stellten.