Inhalt

Perfektionistin

Die Tänzerin Alicia Amatriain

Von Hartmut Regitz

Selbst auf den Knien lässt sich noch tanzen. In den «Dances at a Gathering» gibt es ein Scherzo von Frédéric Chopin, in dem die Choreografie von Jerome Robbins für einen Moment innehält. Scheinbar unbewegt, lässt Alicia Amatriain allein ihre Blicke schweifen. Vielleicht spürt man gerade deshalb, wie es im Innersten der Ballerina tanzt, während ihr äußerlich so wenig anzumerken ist. Die Szene dauert nur ein paar Sekunden. Kaum wieder auf die Beine gekommen, gibt sich die Tänzerin wieder der Musik hin, die Robbins auf so unglaublich schöne Art sichtbar zu machen weiß, und da ist es wieder: ein gewisses Lächeln, über das nicht nur eine Romanautorin wie Françoise Sagan ganze Bände schreiben könnte.

Privat ist Alicia Amatriain ganz anders. Zwar erscheint sie in ihrem Wolltrikot noch fragiler als auf der Bühne. Fast fürchtet man, sie bei der geringsten Berührung zu zerbrechen. Doch sobald sie lacht – und das tut Alicia Amatriain während des Gesprächs wiederholt – wirkt sie bodenständig, geerdet, von Erfahrungen gezeichnet. So wie jemand, dessen Leben vielleicht nicht ganz so geradlinig verlaufen ist, wie es den Anschein hat. Befragt, räumt die Ballerina denn auch ohne Umschweife ein, dass sie oft genug «gegen Wände» gerannt ist, nicht zuletzt in ihrem Privatleben einiges durchgemacht hat: «Selbst wenn ich mir das manchmal wünschte: Aber es ist nicht immer alles pink und schön und voller Blumen.» Aber sie sagt im gleichen Atemzug auch: «Ich finde diese Rückschläge wichtig; man kann aus ihnen nur lernen.»

Aufgewachsen ist die Tochter eines Lastkraftfahrers und einer Bäckerin im Baskenland. Genauer: in San Sebastián, einer nicht sonderlich großen Stadt am Rande Spaniens, die geprägt ist vom Atlantik und seinem stürmischen Wellengang. Offenbar schon als Kind von unbändigem Bewegungsdrang und voller Energie, steckt sie die Mutter in eine Ballettschule, damit sie nicht zu Hause herumlungert. «Ein reiner Zufall», sagt Alicia Amatriain, und lacht: «Sie hätte mich auch zum Judo bringen können. Lange Zeit dachte ich nicht im Traum daran, dass aus dem Tanzen jemals ein Beruf werden könnte.»

Tatsache jedenfalls ist ihre extreme Beweglichkeit, und die fällt offenbar ins Gewicht, als sie am Conservatorio Municipal de Danza de San Sebastián vortanzt und, obwohl mit sieben eigentlich noch viel zu jung, sofort aufgenommen wird. Sieben Jahre bleibt sie dort – so lange, bis ihr Peter Brown eingesteht, seiner Hoffnungsträgerin nichts mehr beibringen zu können. Zusammen mit Jorge Nozal, wie sie einst Schüler am Konservatorium und heute einer der führenden Protagonisten des Nederlands Dans Theater, tanzt sie schließlich an der John-Cranko-Schule vor. Erste Verbindungen hatten sich schon zwei Jahre zuvor ergeben, als Sarah Abendroth, eine der Lehrerinnen in Stuttgart, bei einem Sommerkurs in San Sebastián zum ersten Mal auf die angehende baskische Ballerina stieß.

Reid Anderson hat nicht vergessen, wie er ihr an der Cranko-Schule wenig später zum ersten Mal begegnet ist: «Ich weiß noch genau, wo sie damals beim Training gestanden hat. Sie hatte etwas von einem exotischen Vogel. Auch wenn da ein bisschen Babyspeck noch nicht ihre ganze Geschmeidigkeit sichtbar werden ließ, sprang einem ihre Besonderheit sofort ins Auge. Ein begnadeter Körper! Was für Beine!» Auf Alicia Amatriain angesprochen, kommt der Ballettintendant augenblicklich ins Schwärmen.

Seit der Spielzeit 1998/99 gehört sie zum Ensemble des Stuttgarter Balletts, zunächst noch als Elevin, wenig später als Corps-de-ballet-Tänzerin, seit 2002 als Erste Solistin. Kurz: eine Senkrechtstarterin. «Natürlich hat man mit ihr arbeiten müssen», räumt Anderson ein, «an den Armen, an der Koordination. Das Adagio: fantastisch. Aber die Sprünge waren eine Herausforderung für sie. Auch ihre Mañana-Mañana-Mentalität war anfangs ein Problem, diese südländische Unbekümmertheit, Dinge einfach so zu nehmen, wie sie kommen.» Trotzdem hatte Alicia Amatriain von Anfang diesen «Wow-Effekt», wie er das nennt. Er kann sich noch gut an ein Gespräch mit Nanette Glushak vom Balanchine-Trust während einer Durchlauf-Probe von Balanchines «Theme and Variations» erinnern. «Sie hat mich gleich gefragt: Wer ist denn das? Und ich antwortete: ein ungeschliffener Diamant. Darauf sie: Aber mit wie viel Karat!»

Inzwischen ist der Diamant längst geschliffen – und Alicia Amatriain über sich hinausgewachsen und so zur Muse vieler Choreografen geworden. So hat sie beispielsweise mit Wayne McGregor «Eden/Eden» und «Yantra» erarbeitet, mit Itzik Galili «Hikarizatto» und «Mona Lisa» kreiert, war bei Douglas Lees «Dummy Run», «Fanfare LX» und «Nightlight» dabei, verkörperte die «Lulu» in der gleichnamigen «Monstretragödie» von Christian Spuck oder dessen Eurydice in der Gluck-Inszenierung «Orphée et Eurydice». Warum das so ist? Anderson: «Sie hat das, was man eben haben muss: das ‹It›, das gewisse Etwas. Und sie kann im Ballettsaal stehen und saugt wie ein Löschpapier alles auf, ohne sich dabei zu verlieren. Sie macht alles mit, ohne Wenn und Wehleidigkeit. Instinktiv hat sie gewusst, wie sie selbst die kompliziertesten Hebefiguren anzugehen hat, von denen es bei Cranko weiß Gott eine ganze Menge gibt.»

So beispielsweise in «Onegin», in dem Alicia Amatriain bereits mit 22 als Tatjana zu sehen war. So jetzt ganz aktuell in den «Initialen R. B. M. E.», die im Anschluss an die «Dances at a Gathering» auf dem Programm des Ballettabends «Begegnungen» stehen. Alicia Amatriain verkörpert darin das «M», und wie Márcia Haydée 1972 lässt sie sich zur Musik von Johannes Brahms nicht nur auf Händen tragen, sondern kann sich auch ganz einfach fallen lassen – am Premierenabend in die Arme von Friedemann Vogel, der sie schon aus gemeinsamen Schultagen kennt. Er lässt denn auch gar nicht erst einen Zweifel darüber aufkommen, wen er als Partnerin favorisiert: «Es gibt nicht viele Partnerschaften, wo man sich so blindlings vertrauen kann. Alicia spürt sofort, wenn ich ihre Hilfe benötige. Umgekehrt versuche ich, ihr Sicherheit zu geben, wenn sie aus irgendeinem Grund nervöser ist als sonst. Nur so kann man sich ganz in ein Stück reinwerfen, weil man weiß: Das wird.» Egal, ob es sich um die «Initialen» handelt, um einen Klassiker wie Crankos «Schwanensee», den beide seit 14 Jahren zusammen tanzen. Oder um einen Pas de deux wie «In the Middle, -Somewhat elevated» von William Forsythe, mit dem sie sich seinerzeit beim Wettbewerb um den «Erik-Bruhn-Preis» in Toronto der internationalen Konkurrenz stellten.

Alicia Amatriain selbst nennt sich eine Perfektionistin. «Jeden kleinen Schritt muss ich kennen, den Grund noch für die kleinste Bewegung, die ja nicht um ihrer selbst erfolgt, sondern von innen kommt.» Nur dann kann sie sich ganz geben und die Extreme ausreizen, die bei jedem Choreografen unterschiedlich sind. «Ein John Neumeier redet nicht um des Redens willen. Wenn man ihm wirklich zuhört, findet man heraus, was er mit einer Bewegung sagen will. So erzählte er einmal scheinbar zusammenhanglos von den Gefühlen, die ihn beim Umzug in Hamburg umtrieben – und auf einmal begriff ich, was er damit über seinen ‹Othello› sagen wollte. Bei der Probenarbeit an der ‹Endstation Sehnsucht› genügte ein einziges Wort über eine kleine Bewegung der Blanche, und plötzlich machte es ‹Klick›.» 

So hat sie Demis Volpi erst einmal seinen Weg finden lassen, bevor sie sich selbst schlangenhaft knochenlos in seine «Geschichte vom Soldaten» hineinwand – eine Interpretation, für die sie nicht grundlos den FAUST wie den «Prix Benois de la Danse» erhielt. «Nachdem ich einmal verstanden hatte, was er vom Teufel erwartet, ließ er mir alle Freiheiten. Er wusste, dass ich ihm etwas geben würde, ohne das vorgegebene Rollenprofil zu verlassen.» Deshalb verteidigt sie den langjährigen Hauschoreografen des Stuttgarter Balletts auch so -vehement gegenüber jeder Kritik: «Demis choreografiert nicht nach dem Mund seiner Zuschauer. Ich respektiere ihn seiner Konsequenz wegen. Er steht zu dem, was er im Innersten fühlt – egal, ob das dem Publikum nun gefällt oder nicht.»

Umso erfreulicher, wenn ein Ballett wie «Lulu. Eine Monstretragödie» von Anfang an solchen Anklang findet. Dabei war die Lulu nicht nur deshalb eine immense darstellerische Herausforderung, weil sie die erste große Rolle war, die für Alicia Amatriain geschaffen wurde. Auch Christian Spuck konnte vor elf Jahren noch nicht auf die Erfahrung mit großen Werken zurückgreifen. «Eine unglaublich schwierige Rolle, weil sie sich aus so verschiedenen Charakteren zusammensetzt. Die Arbeit daran wird mir stets in Erinnerung bleiben, eine harte, aber schöne Zeit. Ich bin sehr gespannt auf die Wiederaufnahme – und das nicht nur deshalb, weil ich sie nach so langer Zeit wieder neu erarbeiten muss. Ich bin heute ein anderer Mensch. Meine ganzen Rollen haben sich damit geändert. Sie sind mit mir gewachsen.»

Vielleicht holt Reid Anderson auch deshalb die «Lulu» zum Abschluss seiner Intendanz zurück ins Repertoire. «Ich wusste anfangs nicht, dass Alicia diese Begabung besitzt, Menschen zu inspirieren. Inzwischen weiß ich, wie ausdrucksstark sie sein kann. Sie muss nicht schauspielern. Ihr Körper spricht Bände. Und er ist immer wieder für eine Überraschung gut – egal, ob sie ein Ballett von Jirí Kylián tanzt oder eins von Katarzyna Kozielska. Alicia kann alles, weil sie sich auf das jeweils Anstehende voll konzentriert.» Das Geheimnis ihres Erfolgs? Anderson: «Sie weiß, dass man nie gut genug ist und deshalb an sich arbeiten muss.» Sein Rat: «Wenn ich sie wäre, würde ich nicht an ein Ende denken wollen, sondern immer noch pushen. Es ist noch viel Kraft da. Sie kann noch viel geben.»

Das sieht auch Alicia Amatriain so, obwohl sie, wie sie sagt, schon einige Dinge auf den Weg gebracht hat. «Ich verkenne die Wirklichkeit nicht und weiß, dass mit Sicherheit eines Tages der Moment kommen wird, aufzuhören. Mich ängstigt diese Vorstellung nicht. Jeder Auftritt kann der letzte sein. Änderungen sind Änderungen. Das Leben ist das Leben, und das will ich genießen.» Sagt’s und lacht, wie so oft, abgrundtief, etwas heiser und voller Hoffnung.

Der Ballettabend «Die fantastischen Fünf» mit Alicia Amatriain in «Lightness in Spirit» von Katarzyna Kozielska hat am 23. März Premiere. Die Neufassung von «Lulu. Eine Monstretragödie» ist für den 6. Juni angesetzt; www.stuttgarter-ballett.de