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Rebell im Staatstheater

Ein Porträt des Schauspielers Sebastian Zimmler

Sebastian Zimmler kommt aus einer theaterfernen Familie. Geboren 1981 in Köpenick, aufgewachsen im «Parade-Plattenbau» des Allende-Viertels, Mutter Bauleiterin, Vater beim Kreiswehrersatzamt, die Eltern trennen sich, als der Sohn 13 ist.

Wenn er von der Kindheit erzählt, bekommt man den Eindruck einer großen Sprachlosigkeit, die übertüncht wurde von Männlichkeitsgehabe: Schlachten von Jugendbanden im nahen Waldstück. Mofa-Diebstahl. Einmal seien er und seine Kumpels mit dem Förster aneinander geraten, der habe sie erwischt und ihre Adressen notiert, worauf der kleine Sebastian nächtelang Angst gehabt habe, dass gleich die Polizei vor der Tür stehen würde. «Eigentlich ist das ein ganz gutes Beispiel dafür, dass ich in meiner Familie nie eine richtige Sprache hatte», beschreibt er diese Zeit. «Es gab Konflikte, aber die wurden totgeschwiegen. Und ich habe in meinen jungen Jahren nie so richtig gelernt, mich zu öffnen.» Bemerkenswert ist weniger die Erinnerung, die Geschichte von kindlicher Rebellion und Angst vor Bestrafung, das haben viele so oder so ähnlich erlebt. Bemerkenswert ist, dass Zimmler diese alltägliche Geschichte als Beispiel für die Sprachlosigkeit in seinem familiären Umfeld interpretiert: «Mein Inneres nach außen zu formulieren, das haben mir erst meine Freunde beigebracht.»

Der Weg zum Theater war von dem unverstandenen «Othello» aus ein stolpernder. Vom Kumpel in eine Jugendtheatergruppe reingequatscht. Zivildienst im Altersheim. Wirtschaftsschule, mehr oder weniger ernsthaft ein Sozialpädagogikstudium. Und währenddessen eine langsame Annäherung: über eine kleine Bühne im besetzten Haus in Neukölln. Schließlich Studienabbruch und Bewerbung bei der Ernst-Busch-Schule, mit 25. Von der Zimmler 2009 direkt ans Hamburger Thalia Theater übernommen wurde, zum Start der Intendanz von Joachim Lux.

Was in seiner Erinnerung weniger nach Karriereschub klingt, sondern unausweichlich: Der designierte Thalia-Oberspielleiter Luk Perceval sei sein Dozent gewesen, und angesichts der Tatsache, dass er ein Ensemble neu aufzubauen hatte, sei die halbe Klasse zum Vorsprechen eingeladen worden, vor Intendant Lux, Oberspielleiter Perceval und den damals das Haus auf Regieseite mitprägenden Jette Steckel und Dimiter Gotscheff. In der Erzählung nimmt dieses Vorsprechen allerdings absurden Charakter an. Das kann Zimmler: eigentlich unspektakuläre Geschichten so ausschmücken, dass man sich ärgert, nicht selbst dabeigewesen zu sein. Jedenfalls: Zimmler bekam einen Vertrag angeboten, neben Birte Schnöink, die mit ihm im Ernst-Busch-Jahrgang war. So viel zu «die halbe Klasse wurde eingeladen».

Das ganze Porträt Sebastian Zimmlers von Falk Schreiber finden Sie in Theater heute 2/20