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Kein Pfusch mit Murmel

Die Schauspielkünstlerin Annika Meier

In Herbert Fritschs Inszenierung «der die mann», die noch an der Castorf-Volksbühne entstanden und nach deren Ende ins Repertoire der Berliner Schaubühne gewandert ist, hat Annika Meier diese schräge Solo-Nummer. Sie tritt an die Rampe, um etwas vorzutragen, weiß aber vorgeblich nicht, wie sie anfangen soll. Kein Wunder; die Texte des Neodadaisten Konrad Beyer, auf denen der Abend basiert, lassen ja durchaus großzügige Interpretationsspielräume. «Er nahm die Dame an die Niere» oder «Emma nahm die Rinde, da er immer den Riemen nahm»: Das kann man in der Tat so oder so sehen.

Also ergeht sich Meier, um nicht beginnen zu müssen, in komischen Übersprungshandlungen; wirft hier einen angeschrägten Flirtblick ins Publikum, strapaziert da ein Tasteninstrument, reißt dort einem Kollegen den Kopfhörer von den Ohren und entwickelt dabei, aus dem Underdog- und Aufschubs-Schuldbewusstsein heraus, eine zusehends selbstvergessene Expressionsfreude, die sich praktisch mit Siebenmeilenstiefeln vom Ursprungsauftrag entfernt und für die das Adjektiv «anarchisch» fast noch tiefgestapelt ist.

Annika Meier studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Nach ihrem ersten Engagement am Luzerner Theater wechselte sie mit Intendant Peter Carp 2008 ans Theater Oberhausen, wo erste gemeinsame Arbeiten mit Herbert Fritsch entstanden.
Foto: Birgit Kaulfuss

Es scheint genau dieser Moment zu sein, für den Annika Meier auf der Bühne steht: die Emanzipation von festgeklopften Sinnträger-Verpflichtungen hin zum puren, im subversivsten Sinne zweckfreien Spiel. Meier lässt an diesem Abend nicht nur wiederholt den Schaumgummikopf ihres Mikrofons in der Mundhöhle verschwinden, so dass zur Trennung vom signalroten Fetisch der Ganzkörpereinsatz sämtlicher Kollegen nötig ist – in deren Gliedmaßen sie sich bei dieser Gelegenheit natürlich akrobatisch verknotet. Sondern sie schwingt sich auch variantenreich per Seil über die Bühne und demonstriert en passant, was man so alles mit einem handelsüblichen Mikrofonständer anstellen kann. 

Wenn man Annika Meier zusieht, hat man den Eindruck, sämtliche Kulissen, Requisiten und Kolleg*innen-Beine existierten ausschließlich dazu, von dieser Hochleistungskomikerin zweckentfremdet zu werden. «Es gibt so wenige Abende wie ‹der die mann›, wo ich sagen kann: Ja, genau das isses!», schwärmt die gebürtige (West-)Berlinerin denn auch beim Interview im Neuköllner «Café Rix», wo sie gleich um die Ecke wohnt. 

Es gibt allerdings auch wenige Schauspielerinnen, ließe sich anfügen, die einem so ad hoc einfallen wie Annika Meier, wenn man den idealtypischen Herbert-Fritsch-Cast benennen sollte. Und zwar nicht nur, weil sie – quasi als Fritsch-Truppen-Mitglied der ersten Stunde – tatsächlich an vielen maßgeblichen Inszenierungen beteiligt war, die der ehemalige Castorf-Volksbühnen-Schauspieler seit seinem Regie-Einstieg Mitte der Nuller Jahre auf die Bretter geworfen hat: Unvergessen, wie Meier mit ihren kongenialen Kolleginnen und Kollegen bei Fritschs grandioser Volksbühnen-Abschiedsinszenierung «Pfusch» vorletzte Saison punktgenau das Klavier traktierte oder aus Dieter Roths Fritsch-Steilvorlage «Murmel Murmel» vor sechs Jahren, die – rein lexikalisch betrachtet – tatsächlich ausschließlich aus der Vokabel «Murmel» bestand, praktisch das ganze Universum herausholte.

Annika ist sehr stilbildend für meine Arbeit», bestätigt Herbert Fritsch, «weil sie sich einfach besonders gut darauf einlassen kann, dass wir wochenlang etwas proben, von dem wir gar nicht wissen, ob es am Ende überhaupt vorkommt. Sondern auf einmal macht es ‹flupp›, und dann ist etwas anderes da.» Klar: Abende wie «Pfusch» oder «Murmel», die man praktisch ohne Textvorlage aus dem verbalen Nichts heraus entwickelt, stellen überdurchschnittlich hohe Kreativitäts- und Risikobereitschaftsansprüche an die Akteur*innen. «Das ist», so Fritsch, «wie beim Voodoo-Tanz, wo man immer in eine bestimmte Kerbe schlägt und einen ganz einfachen Schritt macht, bis man auf einmal explodiert. Und diese Bereitschaft muss man halt haben: Dass man nicht schon vorher wissen möchte, was man da eigentlich ganz genau will.» 

Genau genommen hat die 37-Jährige übrigens schon Fritsch-Theater gespielt, als diese Kunstform im Hochkulturbetrieb noch gar nicht existierte. «Ich war halt Klassenclown, ganz typisch», antwortet die Schauspielerin auf die Frage, was sie zur Bühnenkunst getrieben hat. Klassenclown: Eigentlich eher ein Jungs-Role-Model, oder? Annika Meier schaut ein bisschen irritiert. So, als sei ihr dieser Gedanke erstens noch nie in den Kopf gekommen und zweitens auch jetzt herzlich gegenstandslos. Weil sie aber eine sehr kommunikationsfreundliche und zudem überaus geistesgegenwärtige Zeitgenossin ist, nimmt sie den Ball auf und erklärt trocken: «Ich hatte eine Zahnspange, Pickel und keine Brüste – da war mit Leute-Unter­halten am meisten zu holen.»

Notfalls übrigens auch gegen deren Willen. «Es gibt Fotos von Kindergeburtstagen», erzählt Annika Meier, die schon im Vorschulalter Otto- und Loriot-Platten nachgesprochen und mit Hingabe Michael-Jackson-CDs vertanzt hat, «wo ich, mit Hut, seit gefühlten zehn Stunden in Aktion bin, während im Hintergrund lauter gelangweilte Kinder sitzen.» Logisch, dass sie früh in Laienspielgruppen und irgendwann, durch einen Mitschüler, auch unter die Fittiche der Zan-Pollo-Theater-Gründerin Ilona Zarypow geriet, die sich seinerzeit in Friedrichshain zwar der Jugendtheaterarbeit verschrieben hatte, zu Meiers Freude allerdings weniger pädagogisch als vielmehr mit strengem Kunstanspruch unterwegs war.

Hier debütierte die Schauspielerin, weil kurzfristig die Hauptdarstellerin ausgefallen war, im zarten Gesamtschulalter Knall auf Fall als Lysistrata. «Superschräg», erinnert sie sich. «Gespielt haben wir natürlich wahn­sinnig schlecht, aber der Rahmen und der Anspruch waren im Prinzip schon wie bei Herbert: körperlich, absurd komisch, viel Schminke und großes Spielen!» Man kann sich tatsächlich vorstellen, dass im Grunde irgendwie schon damals galt, was Herbert Fritsch heute in die Worte gießt: «Annika will nicht das Leid der Welt auf ihren Schultern tragen, sondern die will spielen. Das ist eine selbstbewusste Frau, die mit einer unglaublichen Kraft an die Rampe stürmt. Und dieses Auftreten – das ist für mich der wirksamere Weg als ‹Pro Quote›.» 

Nachdem Meier im Teenageralter dank eines Berufsinformationszentrums klar geworden war, dass man Schauspiel studieren kann, beschloss sie, sich zu bewerben – in Potsdam und Rostock. Als typisches Westberlin-Kind kannte sie zwar sämtliche Grips-Theater-Aufführungen in- und auswendig, verfügte ansonsten aber über eine eher spärliche Zuschauer­innen-Biografie und besuchte vorbereitend eine «Fräulein Julie»-Vorstellung im Deutschen Theater, deren Duktus sie dann beim Vorsprechen mehr oder weniger imitierte. Mit durchschlagendem Erfolg: War Meier in Potsdam in der letzten Runde noch knapp gescheitert, befand die Aufnahmekommission der Hochschule für Musik und Schauspiel Rostock ihre spezielle Energie ad hoc für berufstauglich. 

«In Rostock hat alles gepasst», schwärmt Meier von ihrer Studienzeit Anfang bis Mitte der Nuller Jahre. «Wir konnten uns in Ruhe ausprobieren, es gab keine Talentscouts, und am Wochenende sind wir zum Theatergucken nach Hamburg gefahren, ans Thalia» – den für Meier seinerzeit heißesten Branchenort überhaupt. Eine berufsspezifisch leider nicht ganz unwesentliche Frage stellte sich ihr trotzdem immer wieder in den Weg: Warum, um alles in der Welt, will man Tschechows Nina spielen? Oder Emilia Galotti? Die Frage ist bis heute ungeklärt: «Ich habe wirklich keine Ahnung», sagt Meier. Das Einzige, was sie weiß, ist, dass sich zuverlässig «Komplexe» einstellen, wenn sie sich «in solche tragischen Situ­ationen hineinpumpen» soll: «Ich denke dann immer, ich bin nicht tiefgründig genug. Mir fehlt mit diesem Theater-Theater ja auch die Erfahrung. Goethe, Schiller, Antike – das hab’ ich alles nie gemacht!» 

Zwar hatte Meier in ihren ersten Engagements dank des Intendanten Peter Carp – zunächst in Luzern, dann in Oberhausen – tatsächlich einen sehr besonderen Karriere-Einstieg; mit so speziellen und prägenden Regisseuren wie Jürgen Kruse oder Ueli Jäggi. Es ist aber – kleiner Einwand – trotzdem mitnichten so, dass in ihrer Berufsbiografie überhaupt keine Kanon-Klassiker auftauchten! Allein in den Anfangsjahren hat sie doch in Carps Regie diverse Tschechow-Ninas und -Warjas gespielt?! «Ja klar», ruft die Schauspielerin über den «Café Rix»-Tisch, «aber schlecht!»

Im Ernst: Während ihre Kommilitonen beim Studium relativ schnell wussten, welche Genres und Rollen sie interessieren, wurde sie selbst erst in den oberen Semestern fündig, als die Commedia dell’arte dran war. Die wurde als Sommertheater gespielt. Und nicht für die Dozenten und Prüfungskommissionen, vor denen das Schlagfertigkeitsgenie Meier bis heute «einen trockenen Mund» und die Ausdruckskraft des buchstäblichen «steifen Stockes» zu bekommen gesteht, sondern vor echtem Publikum. 

Nach dem Schauspielstudium trudelten trotzdem erst mal nur ein Angebot aus Bruchsal und eines aus Heilbronn ein – während die früheren Mitstreiter an die so genannten «großen Häuser» eingeladen wurden: «Ein Realitätsschock», sagt Meier. Einerseits. Andererseits hatte mit Christopher Nell – ihrem Ex-Kommilitonen und damaligen Freund – immerhin schon mal einer in der Familie einen Vorsprechtermin in Berlin, bei Claus Peymann am BE. «Keine Ahnung, was mich da geritten hat», erinnert sie sich. «Aber ich habe gesagt, ich komme einfach mit!»

Gesagt, getan: Sie wartete hinter der Bühne, bis Nell fertig war, trat dann kurzerhand an die Rampe und eröffnete dem honorigen Gremium: «Ich habe zwar keinen Termin, würde aber trotzdem gern vorsprechen!» Und Peymann? «Der war zwar ein bisschen überrascht, aber total nett und meinte: Na gut, zehn Minuten haben wir noch, was hamse denn?» Meier lacht. «Ich habe dann sehr verkrampft Heiner Müllers ‹Fleischersfrau› dargeboten.» Trotzdem eine der wenigen Vorsprech-Episoden, die der bekennenden Prüfungs-Phobikerin in vergleichsweise guter Erinnerung sind. Auch, wenn das BE-Engagement erst elf Jahre später zustande kam – unter Peymanns Intendanz-Nachfolger Oliver Reese. Seit der Spielzeit 2017/18 ist Annika Meier tatsächlich festes Mitglied des Berliner Ensembles.

Damals, 2006, ging sie aber wie gesagt erst einmal ans Theater Luzern und anschließend, 2008, mit dessen Intendant Peter Carp weiter nach Oberhausen – wo sie schließlich bei einem gewissen Herbert Fritsch als Dorine in Molières «Tartuffe» besetzt wurde. Und die Probe hatte noch gar nicht richtig angefangen, da rieb sie sich schon ungläubig die Augen: «Herbert spielte mit einem Schauspieler die erste Szene vor, und ich dachte: Hä, was ist das denn? Das ist doch Commedia dell’arte! Das ist ja voll mein Ding!»

Die Beglückung war beidseitig: Auch Fritsch und die Dramaturgin Sabrina Zwach registrierten sofort «dieses wahnsinnig seltene komische Talent, zumal bei Frauen». Und es dauerte auch nicht lange, erzählt Meier, bis Fritsch sie zur Seite nahm und sagte: «Du, scheiß auf den Text, mach, was du willst, Hauptsache, es ist lustig!» Das war es definitiv; und zwar nicht nur, als Meier von der Bühne herunter Zuschauern hinterher rannte, die ausgerechnet während ihres großen Dorine-Monologs die Vorstellung verlassen wollten, um sie bestens gelaunt zurückzupfeifen. «Hey, Moment mal, Sie können jetzt nicht gehen, das Beste kommt doch erst!» Er habe damals bei Annika Meier, erinnert sich Fritsch, «etwas angestochen, was sofort explodiert ist». 

Sabrina Zwach war aber noch aus mindestens fünf anderen Gründen von der Schauspielerin beeindruckt, als sie 2008 mit dem Regisseur wegen des «Tartuffe» nach Oberhausen kam: «Annika wusste genau, welche Partei mit wie vielen Stimmen dort im Stadtrat sitzt, wie der Bürgermeister heißt, wo die Probleme in der Kommune liegen und was kultur- und stadthistorisch relevant ist», erinnert sie sich. «Dieses ‹Wem erzähle ich da eigentlich was und warum› ist für sie eine weitaus treibendere Kraft als für viele andere. Das habe ich bei so einer jungen Schauspielerin» – Meier war damals Mitte zwanzig – «wirklich nie wieder erlebt.» Auch bei den Proben zu Robert Borgmanns Rainald-Goetz-Inszenierung «Krieg» kürzlich am BE, an der Zwach ebenfalls als Dramaturgin mitarbeitete, jonglierte Meier über den Stücktext hinaus selbstverständlich mit sozial­geschichtlichen Kontexten: «Deutschland zu Zeiten der RAF, Stammheim 1977 – das hat die alles drauf, weil sie sich dafür interessiert.» 

Und die Proben selbst seien dann auch deshalb so «beglückend», weil Meier «wahnsinnig fein» ist: «Das ist nicht so eine Berserkerin, von wegen: Hauptsache, ich bin lustig, und ich achte nicht auf andere», erklärt die Dramaturgin. «Sondern die ist unglaublich kollegial und würde nie den Witz eines Kollegen kaputtmachen – es sei denn, sie ist der Überzeugung, er ist schlecht.» 

In allererster Linie aber, bestätigt auch Zwach, handele es sich bei Annika Meier tatsächlich um einen «durch und durch vom Spieltrieb beseelten» Menschen – der praktisch an jedem Theater, an dem er engagiert ist, mindestens ein eigenes Late-Night-Format erfindet wie jetzt am BE zusammen mit ihrem Kollegen Sascha Nathan die lockere Schauspieler-Vorstellungsreihe «BEnvenidos». Allerdings beschränkt sich dieser «Spieltrieb» bei weitem nicht nur auf die Probe oder die Kantine. «Wenn man Annika zum Essen einlädt, fragt sie spätestens nach dem Dessert: Was spielen wir denn jetzt?», erzählt Zwach. «Und schafft es dann auch wirklich, dass Runden, bei denen du denkst: ‹Never! Die kriegst du nie dazu›, nach einer halben Stunde mit Zettel und Stift bei irgendeinem Lexikonspiel am Tisch sitzen.» Mit Annika Meier in die Ferien zu fahren, könne richtiger Stress sein, lacht Zwach: «Da werden am Tag vier bis fünf Kurzfilme gedreht und auf Plattformen verschickt, ob du willst oder nicht. Und zwar nicht im Sinne von: Hey, ich bin eine ernstzunehmende Künstlerin. Sondern: Ey, komm, lass uns was machen, das ist doch total lustig, ich komme da rein, und dann stehst du da, und ich setz’ mir hier noch diesen Lappen auf – wo du echt denkst: Och Mann, Annika, bitte! Und zehn Minuten später machst du’s, weil du dich einfach gar nicht entziehen kannst!» 

Das «tollste Erlebnis überhaupt» aber hatte der inner Fritsch-Circle mit Annika Meier bei der «(S)panischen Fliege», Fritschs Wurf nach Franz Arnolds und Ernst Bachs Verklemmungs- und Verwechslungsschwank um den Senffabrikanten Ludwig Klinke alias Wolfram Koch und seine von Sophie Rois gespielte Gattin. Meier, die in dieser Inszenierung ursprünglich ausnahmsweise gar nicht besetzt war, hatte im Lauf der Zeit aus unterschiedlichen Gründen schon drei verschiedene Frauenrollen übernommen. Dann stand ein Gastspiel in Kopenhagen an – und zwei Tage vorher wurde Sophie Rois krank. «Dann hätten wir das eigentlich absagen müssen», erzählt Fritsch. «Und plötzlich meinte Sabrina Zwach zu mir: Herbert, lass’ das Annika machen!» Die sagte sofort zu: «Sie konnte schon den ganzen Text», so Fritsch, «weil sie den Abend so mochte und zigmal gesehen hatte.» Einstudieren konnten sie das aber erst in Kopenhagen, am Tag der Aufführung. «Und dann saß ich abends in der Vorstellung», erinnert sich Fritsch, «Annika trat auf – und ich dachte: Wie, ist die Sophie jetzt doch noch gekommen?» Tatsächlich muss Meier die Rois-Rolle so «passgenau» gespielt haben, dass die Legende geht, selbst eingefleischte Castorf-Volksbühnen-Fans, die in Kopenhagen zugegen waren, hätten nicht gemerkt, dass es gar nicht Rois ist, die da auf der Bühne steht. «Dafür hätte ich sie stundenlang küssen können», schwärmt Fritsch. «Sie hat uns gerettet und dann durch die Art, wie sie’s gemacht hat, auch noch einen draufgegeben – genau das ist Annika!»

Bei der engen Fritsch-Verbundenheit kam es für Außenstehende durchaus überraschend, dass Meier Anfang der letzten Spielzeit ans Berliner Ensemble ging, statt mit Fritsch und einem Kern seiner Schauspielertruppe an die Berliner Schaubühne zu wechseln. Die Gründe sind aber recht unspektakulär. Zu dem Zeitpunkt, als Annika Meier sich definitiv entscheiden musste, war schlichtweg noch nicht klar, ob und wie es mit der Fritsch-Truppe weitergeht; die Schaubühnen-Sache kam erst ins Rollen, als sie bei Oliver Reese längst unterschrieben hatte. Außerdem habe sie das Angebot als «echten Vertrauensbeweis» empfunden: «Oliver Reese hat ‹der die mann› gesehen und mich daraufhin engagiert, ohne Vorsprechen», sagt sie. «Der hat sich für mich als Schauspielerin interessiert. Das hat vorher keiner außer Herbert.»

Dass sie sich jetzt am BE mit ihrer künstlerischen Fritsch-Sozialisa­tion gelegentlich «ein bisschen wie ein Alien» fühlt – was sie mit Reese übrigens ziemlich problemlos besprechen kann –, steht auf einem anderen Blatt. Zumindest, sofern nicht gerade Barbara Bürks und Clemens Sienknechts «Ballroom Schmitz» auf dem Spielplan steht, wo Annika Meier, im Fünfziger-Jahre-Look, mit treffsicherem Ironiefaktor gehaltvolle Kochrezepte versingt und auch ansonsten voll in ihrem Element ist. Nicht, dass Meier nicht «hinreichend Beweise erbracht hätte, dass sie auch ganz naturalistische, konventionelle Spielweisen beherrscht und in einem Konversationsstück als besorgte Frau und Mutter auftreten kann», um es mit der Dramaturgin Sabrina Zwach auf den Punkt zu bringen – mal ganz davon abgesehen, ob Meier – «als Schauspielkünstlerin» – diese Ästhetik überhaupt interessiert.

Zum Beispiel in Tracey Letts’ Weiblichkeitsschicksalsstationenstück «Eine Frau». Die Schauspielerin macht keinen Hehl daraus, dass sie schon vom Stück an sich ziemlich enttäuscht war. «Das klang so spannend: Man guckt in die entscheidenden Augenblicke einer Frau. Aber als wir das dann am Tisch gelesen haben, dachte ich: Ach so? Das war’s? Schon zu Ende?» Die «Augenblicke» sind tatsächlich wahnsinnig banal. «Ich kenne so viele unfassbare Geschichten von Frauen, wo dir die Hutschnur wegfliegt», sagt Meier. «Und warum entscheidet man sich jetzt für die Langweilige? Verstehe ich nicht!» 

Es gab übrigens noch einen weiteren Grund für Meier, sich fest ans BE zu binden: «Ich hatte ja sieben Jahre frei gearbeitet, und das war immer so ein Huzzle mit dem Arbeitsamt und der Märchenhütte ...» Moment: Arbeitsamt? Märchenhütte? Als Fritsch-Protagonistin? «Wir hatten mit ‹Murmel Murmel› an der Volksbühne 2012 im Schnitt zwei Vorstellungen pro Monat», erklärt Meier. «Das sind jeweils 350 Euro, kannste knicken.» Also schminkte sie sich zusätzlich in der besagten Märchenhütte bei einem freien Berliner Saison-Theater, das im Sommer Shakespeare open air und im Advent die Brüder Grimm hoch und runter spielt, vom Schneewittchen zur Gretel und von der Gretel zum Rotkäppchen um – manchmal mehrfach am Tag. Oder sie kellnerte.

Einmal hat sie im «Blauen Band» zufällig Herbert Fritsch getroffen, erzählt die Schauspielerin. Der sei «fast durchgedreht», als ihm klar wurde, dass sie dort arbeitet: «Das kann nicht sein, ich gehe sofort zur Volksbühne, die sollen dich fest anstellen, du spielst dort eins der erfolgreichsten Stücke und musst hier kellnern!» Meier lacht. Sie habe ihn wirklich nur mit Mühe beruhigen können: «Herbert, alles gut, ich find’s nicht so schlimm, ich wollte schon immer mal kellnern, es ist auch interessant.» Die Aussicht, «mal ein bisschen Sicherheit zu haben und regelmäßig Geld zu bekommen», habe sie jetzt trotzdem entspannt. «Und wenn es nur zwei Jahre sind.» 

Länger, sagt Meier, hat sie es bis dato noch nirgendwo ausgehalten: «Ich war ja fest in Luzern und dann in Oberhausen, aber das war mir viel zu anstrengend: Sieben Premieren pro Spielzeit, wahnsinnig viel spielen, und immer zum gleichen Haus laufen! Selbst, wenn die Regisseure wechseln: Ich bin ja einerseits neugierig auf neue Regisseure, denke andererseits aber auch immer schnell: Ah, ja, verstehe ich, ist nicht meins.» Dazu kommt dieses «theaterimmanente Motzen, wegen des Überarbeitetseins in den Häusern – leider». Meiers «Traumvorstellung von einem Ensemble»: «In der Mitte ein großer Tisch, in der Pause kocht einer, wir essen zusammen, und am besten macht man noch eine Klassenreise!» Sie lacht. Aber sich «sechs Wochen auf eine neue Arbeit konzentrieren zu können, dann zweimal im Monat zu spielen und zwischendurch Luft zu haben, um andere Sachen zu gucken und Freundschaften zu pflegen», wäre auch schon sehr okay. 

Herbert Fritsch übrigens vermisst Annika Meier sehr. «Aber wir werden schon wieder zusammenkommen», ist er sich sicher. «Ich muss einfach wieder mit ihr arbeiten: Wir sind, was die Arbeit betrifft, füreinander geschaffen.» 

Christine Wahl