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Aberglaube im Theater #5

Das schottische Stück

Von Sina Katharina Flubacher

Wenn ein «Macbeth» auf dem Plan steht, gilt die höchste Sicherheitsstufe. Darin sind sich Theaterschaffende einig. Nicht nur, weil die zahlreichen Kampfszenen eine solide Fechtausbildung erfordern – nein, das Stück gilt als Unglücksbote schlechthin und allein das Aussprechen des Titels «Macbeth» soll die Aufführung zum Scheitern bringen. Respektvoll zitternd spricht man daher hinter den Kulissen nur vom «schottischen Stück» oder «schottischen König». Noch schlimmer wäre es aber, direkt aus der Hexenszene zu zitieren. Sprechen Sie also niemals den folgenden Abschnitt in einem Theater und lesen Sie ihn unter keinen Umständen laut.   

Unheilsschwestern, Hand in Hand
Ziehn wir über Meer und Land, 
Rundum dreht euch so, rundum: 
Dreimal dein und dreimal mein, 
Und dreimal noch, so macht es neun - 
Still! - Der Zauber ist geknüpft. 

Tief durchatmen. Hinter Ihnen liegt der vielleicht folgenschwerste Fluch der Theatergeschichte. Um 1606 schrieb ein nichtsahnender William Shakespeare sein Drama über den General Macbeth, einen jungen Aufsteiger, dem drei Hexen weissagen, dass er einst der König der Schotten würde. Das nimmt er zum Anlass, sein Schicksal mit skrupellosen Bluttaten, Tyrannei und aufkeimendem Wahnsinn in die Hand zu nehmen. Sein Name steht konkurrenzlos für Unheil, Verfall und Tod, und ruft – so der Shakespeare-Übersetzer Schlegel – «jenen Schauer vor dem Unbekannten, jene Ahndung einer nächtlichen Seite der Natur und Geisterwelt» hervor, die ja dem Aberglaube an sich inne liegen. König James I. war gar nicht amused über so viel übernatürliches und gewalttätiges Potential und verbot das Stück für fünf Jahre; die erste Aufführung ist erst 1611 belegt. Doch was danach kommen sollte, hätte vermutlich seine künsten Vorstellungen übertroffen. 

Die Aufführungsgeschichte liest sich wie ein Krimi. Während der Uraufführung starb der Knabe, der Lady Macbeth spielte, hinter der Bühne und Shakespeare musste die Rolle selbst übernehmen. In Amsterdam wurde der Requisitendolch mit einem echten verwechselt und bescherte dem Publikum eine schockierend realistische Sterbeszene. Diana Wynyard schlafwandelte als Lady Macbeth über die Bühnenkante und 4,5m in die Tiefe. In New York löste das Stück Krawalle aus, die als Astor Place Riot in die Geschichte eingingen. Grund waren zwei konkurrierende Schauspieler, die zeitgleich in der Titelrolle an unterschiedlichen Theatern zu sehen waren. Ein aufgebrachter Mob protestierte gegen den britischen Kollegen vor dem Astor Place Opera House und demolierte solange das Theater, bis die Nationalgarde einschritt, fast 30 Menschen starben. Am Old Vic wurde Macbeth-Darsteller Laurence Olivier beinahe von einem herabfallenden Gewicht erschlagen und die Theaterleiterin Lilian Baylis verschied einen Tag vor der Premiere. Noch schlimmer erging es der Inszenierung von John Gielgud, bei der drei Schauspieler ums Leben kamen und der Kostümbildner nach der Premiere Selbstmord beging (über die Gründe kann nur spekuliert werden). Nur wenig später erlitt Schauspieler Harold Norman in Manchester eine tödliche Stichwunde auf der Bühne, laut Eigenaussage gab er nichts auf den Aberglauben. Glimpflicher kam Regisseur und Zweifler Peter Hall davon, er bekam lediglich eine Gürtelrose und musste die Premiere verschieben. 

Ja, furchtbar ist er, der Fluch von «Macbeth». Angeblich soll Shakespeare seinen Hexenfiguren «echte» Beschwörungsformeln in den Mund gelegt haben, die durch das Rezitieren auf der Bühne ihre dunkle Magie entfalten. Einige glauben auch, dass Englands Hexen höchstpersönlich das Stück verfluchten, aus Rache über ihre geklauten Zaubersprüche. Ein vormodernes Copyright sozusagen. Woher auch immer er kommt, stetig wabert ein Fluch über jeder Inszenierung. Trotz allem – oder gerade deshalb – wurde Shakespeares Schottenkönig zu einem wahren Kassenschlager. Oft wurde das Stück daher am Ende der Spielzeit noch einmal angesetzt, um die Einnahmen zu steigern und das Theater aus der drohenden Insolvenz zu retten. Ein «Macbeth» auf dem Spielplan bedeutete also nicht nur erhöhte Unfallgefahr für alle Beteiligten, sondern war auch lange ein potentielles Anzeichen für kommende Arbeitslosigkeit. Ein Grund mehr, seinen Namen zu fürchten. 

Das einzig probate Gegenmittel bei einem versehentlichen Aussprechen von «Macbeth» ist übrigens, vor die Tür zu gehen, sich dreimal im Kreis zu drehen und die schlimmsten Flüche auszustoßen, die einem gerade so einfallen. Wenn Sie mich dann entschuldigen würden...