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Der Eingang zum Paradies

Bekenntnisse eines Kinogehers

Von Kurt Scheel

«Altenwerder Lichtspiele», so hieß unser Kino, und Weihnachten 1945 wurde es eröffnet. Mein Vater als der stolze Betreiber oder, wie man in Altenwerder sagte, «der Kinokerl», meine Mutter an der Kasse, Frau Kühl war die Platzanweiserin, Herr Klever der Vorführer – ein kleines Kino in einem umgebauten Tanzsaal des Zweitausend-Seelen-Dorfes auf einer Hamburger Elbinsel. Der Eröffnungsfilm war «Frauen sind doch bessere Diplomaten», und das Kino war rammelvoll, obwohl der Film doch schon alt war, von 1941! Ein Kostümfilm mit Marika Rökk und Willy Fritsch, endlich wieder einmal etwas Schönes, Heiteres, nach dem schrecklichen Krieg, und in Farbe, Agfacolor. Es gab doch sonst nichts!

1948 erblicke dann endlich ich das Licht der Welt beziehungsweise des Projektors, denn es ist nur ein wenig übertrieben, wenn ich feststelle, dass ich praktisch im Kino geboren wurde, man muss es sich ein bisschen so vorstellen wie in «Cinema paradiso». Ab dem Alter von vier Jahren soll ich regelmäßig die Kindervorstellung frequentiert haben, meine erste Erinnerung an einen bestimmten Film ist «Zwerg Nase» (1953), der sich wohl eingeprägt hat, weil er so gruselig war. 

«Sonntag, 13 Uhr, Große Kindervorstellung!» Was für ein Fest, welch ein Gedränge! Und ich darf mich an der langen Reihe der wartenden Kinder vorbeiquetschen zum Einlass. Wenn die Doppeltür geöffnet wird, gibt es ein wildes Gerenne, doch immer erreiche ich als Erster die  Reihe direkt vor der Leinwand und nehme den Platz genau in der Mitte ein. «Rasiersitz» sagen die Älteren verächtlich, aber für mich und meine Freunde ist es die Königsloge. Als Sohn des Kinokerls habe ich nahezu unbegrenzten Zugriff auf die Süßigkeiten, die meine Mutter an der Kasse verkauft und die ich hier freigebig an meine Entourage verteile: Dauerlutscher, Lakritzbonbons, Gummibärchen, die sogenannten Pfennigartikel; Maoam und Mamba, später kommen noch Mars und Bounty hinzu, dann auch die köstliche Langnese-Eiskrem („Nogger neu“!). 

Jetzt geht auch endlich das Licht aus, das Kino ist voll, dreihundert Kinder beginnen zu schreien, doch das Getobe lässt schnell nach, als der Vater zur Bühne eilt und damit droht, erst mit der Vorführung anzufangen, wenn alles wieder gesittet zugeht. Heute gibt es einen Fuzzyfilm, das ist kein richtiger Wildwest- oder Kaboyfilm, wie wir sagen, sondern mehr so lustig. Aber prima! Besser ist nur noch Dick und Doof. Oder Abbott und Costello. Eigentlich mag ich auch Pat und Patachon ziemlich. Noch schöner sind die Zeichentrickfilme, vier oder fünf aneinandergehängte Kurzfilme mit Micky Maus oder Donald Duck. Am besten aber ist Tom und Jerry, wenn Tom im Eifer einer Verfolgungsjagd über den Rand der Klippe hinausläuft, und wenn er dann bemerkt, dass er keinen festen Boden mehr unter den Füßen hat, fällt er wie ein Stein runter und zersplittert in tausend Scherben, das ist irre komisch.

Nicht zu vergessen die Piratenfilme! Mit Tyrone Power oder Errol Flynn, der war doch auch Robin Hood gewesen, mit diesen engen Strumpfhosen! Und natürlich die Ritterfilme! «Ivanhoe» ist der allerbeste, die schöne Jüdin Rebecca darf er nicht heiraten, weil sie keine Christin ist, er muss die langweilige blonde Ziege nehmen, was mich schon damals zum erbitterten Gegner religiöser Intoleranz macht. Oder «Der eiserne Ritter von Falworth» (1954) mit Tony Curtis, der eine umfassende Ausbildung zum Ritter erfährt, also nicht nur Kämpfen mit Schwert, Lanze und Morgenstern, sondern auch Einführung in die höfische Kultur und Galanterie, zierlich mit den Damen reden, elegant den Wein kredenzen, Schmeicheleien über den modischen Spitzhut und die kleidsame Zaddeltracht anbringen, das ganze Programm; und ich merkte mir: gute Manieren sind für einen Ritter fast so wichtig wie das kunstgerechte Umbringen von Feinden. 

Die Qualität der Filme spielt in der Kindervorstellung kaum eine Rolle, hier drückt sich einfach die Begeisterung aus, überhaupt im Kino zu sein, es ist eine Form der Ekstase anlässlich einer besonderen Seinsweise, die sich vom normalen Leben und der kruden Wirklichkeit außerhalb dieses geschützten Raumes und seiner Dunkelheit kategorisch unterscheidet. Manchmal mag eine Perle der Filmgeschichte darunter gewesen sein, beispielsweise «Hellzapoppin – In der Hölle ist der Teufel los» (1941); ich glaube mich zu erinnern, dass ich das schon als Kind erahnte, aber egal. Auf die etwas besseren Filme bekam ich erst eine Chance, als ich die 17-Uhr-Vorstellung am Sonntag, später dann die tägliche 20-Uhr-Vorstellung anschauen durfte, Anfang der sechziger Jahre, freilich nur, wenn der Film, wie die Eltern bedeutungsvoll sagten, nicht «zu frei» war. 

Auch in den Abendvorstellungen zeigten wir natürlich meistens nur deutschen Schrott, zuerst die Heimatfilme, von «Der Förster vom Silberwald» über «Grün ist die Heide» bis «Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt», Musikschnulzen mit Peter Alexander oder Conny und Peter, dann der Edgar-Wallace-Quatsch mit Klaus Kinski und Eddi Arent, Sir John und schreiendem Käuzchen, die Karl-May-Filme (mein Vater kritisch: «Die Amis können einfach besser vom Pferd fallen»), eigentlich deprimierend. Aber ich merkte schnell, dass diese schlechten Filme der Fortbildung meines Geschmacks keineswegs schadeten, im Gegenteil: Erst wenn man viele schlechte Filme gesehen hat, so meine These, kann man die guten Filme in ihrer Kunstfertigkeit und Schönheit erkennen, analysieren und würdigen, so wie auch die schönste Rose aus einem Haufen von Mist und Dung erwächst… Diese Regel, so glaube ich bis heute, gilt nicht nur für Filme, sondern auch beim Lesen von Romanen: An den schlechten kann man manchmal besser und einfacher studieren, was einen guten Roman eigentlich ausmacht. 

Einer der ersten Filme, die ich bis heute zu den hundert besten und wichtigsten meines Lebens zähle, war «Der Mann, der Liberty Valance erschoss» (1962). Merkwürdiger Titel! In Schwarzweiß. Kein weites Land des Westens, sondern ein schäbiges, geradezu klaustrophobisches Kaff. Mein Vater tobte, so etwas Finsteres komme in Altenwerder eben nicht an! Ich aber war wie vom Donner gerührt, denn hier spielten nicht nur meine beiden großen Westernhelden zusammen in einem Film, noch verrückter: John Wayne war der VERLIERER und starb – und vorher hatte er, wie er selber zugab, einen MORD verübt, zu Gunsten des halbpazifistischen, etwas weinerlichen James Stewart! Ich war verstört, aber ich ahnte, dass dieser Film für mich und die ganze Menschheit einmal der bedeutendste Western oder besser: Abgesang auf den Western werden sollte, und so ist es dann auch gekommen: Bei der Premiere verrissen, rückt John Fords Meisterwerk von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter nach oben auf der ewigen Bestenliste. Und im Dezember 2016 verkündete der «New Yorker», wie selbstverständlich: «the most romantic of all Westerns, is also the greatest American political movie». Übrigens habe ich 1991 einen bahnbrechenden Essay über den Film geschrieben, «Die Wahrheit der Legende», Sie können ihn nachlesen in meinem Buch «Ich & John Wayne».

Im selben Jahr 1962 spielten wir auch «Meuterei auf der Bounty», den ich bis heute in Ehren halte und in schweren Stunden immer mal wieder anschaue, man kann sich so schön ausweinen dabei. Marlon Brando und Tarita, das beste und hübscheste Liebespaar seit Romeo und Julia, aber auch die großartige Musik von Bronislau Kaper, das Hörnergeschmetter und Tschingderassabum bei der gescheiterten Kap-Horn-Umsegelung, oder der A-Capella-Gesang dann auf Tahiti, wenn die Liebesleute einander wortlos erkennen, wie im Paradies … Und wenn Fletcher Christian stirbt, endlos lange, das ist so ergreifend!

Wenn ich über meine Lieblingsfilme nachdenke, dann fällt mir auf, dass die Musik bei vielen eine wichtige Rolle spielt: «2001» mit dem grandiosen Beginn von Richard Strauss’ «Also sprach Zarathustra», dann die zum Donauwalzer tanzenden Raumschiffe, Ligetis und Khachaturians Sphärenklänge; oder «Barry Lyndon», mein absoluter Kubrick-Favorit, mit diesen wehmütigen irischen Volksweisen, englischer und preußische Marschmusik, Händel und Mozart und Schubert und Bach. Kann man sich «Lawrence von Arabien» ohne die betörende Musik von Maurice Jarre vorstellen? Die drei «Paten»-Filme ohne Nino Rotas geniale Kompositionen und Volkslied-Adaptionen? (Nur nebenbei: Die These, der dritte Teil falle ab, ist totaler Quatsch, ich könnte mich fast dazu hinreißen lassen zu BEWEISEN, dass er tatsächlich der Höhepunkt der Trilogie ist, hoffe aber, dass Sie mir auch so Glauben schenken.) 

Und ich habe noch kein Wort über das Genre gesagt, das die Musik in seinem Namen trägt: das Musical, das doch, recht eigentlich besehen, die Idee des klassischen Kinofilms am reinsten verkörpert. Denn im Unterschied zur schwerfälligen Welt und ihrem stupiden Raum-Zeit-Kontinuum ist der Spielfilm der Ort, wo alles in Bewegung gerät, zu tanzen beginnt, nicht nur die Protagonisten, sondern auch die entfesselte Kamera, mit ihren Fahrten, wechselnden Einstellungen, den Schnitten, bis der Zuschauer glauben kann, er selber sei der Schwerkraft enthoben, Meister über Zeit und Raum, ein bisschen wie Gott…

Am schönsten erlebt man dies mit Fred Astaire und Ginger Rogers in «The Gay Divorcee /  Tanz mit mir!» (1934), wenn sie über den spiegelnden Marmor gleiten, schweben, zu Cole Porters «Night and day, you are the one, / only you beneath the moon and under the sun», und dann tanzen sie «cheek to cheek» und singen «Heaven, I’m in heaven», doch das ist von Irving Berlin und aus «Top Hat / Ich tanz mich in dein Herz hinein“» (1935), aber egal, eigentlich ist es ja sowieso immer derselbe Film, und auch Edward Everett Horton als der komische Sidekick ist wieder dabei. Mit dem Kino und der populären Musik, ich sage nur Gershwin, haben die USA die ganze Welt erobert, und hier, im Tanz und im Gesang von Fred und Ginger, verschmilzt die Musik mit dem Kino und seinem Bewegungsfuror, das nennt man dann Musical, da hat die dumme, alte Schwerkraft ausgedient, Trauer und Vergänglichkeit sind verschwunden, wir schweben, wir fliegen, für neunzig Minuten. (Der Gerechtigkeit halber möchte ich immerhin erwähnen, dass «Singin’ in the Rain / Du sollst mein Glücksstern sein» (1952) mit Gene Kelly das, nehmt alles nur in allem, paradigmatische Musical ist.)

Mit hundert Lieblingsfilmen werde ich nicht auskommen, das ist klar, vielleicht mit tausend? Hier eine kleine Auswahl: Die Marx-Brothers sind unverzichtbar, mit «Duck Soup» und «Horse Feathers» als Höhepunkten, und natürlich W. C. Fields, bei den Kurzfilmen «The Fatal Glass of Beer», am durchgedrehtesten ist dann zweifellos «Never Give a Sucker an Even Break». Nun ist es aber so, dass komische Filme am schnellsten altern, schon beim zweiten Sehen oder fünf Jahre später erinnert man sich etwas betreten, wie sehr man damals gelacht hat, und jetzt ist es ganz nett, aber der alte Schwung ist hin. MIT DREI AUSNAHMEN: «Sein oder Nichtsein» (1942) von Ernst Lubitsch, «Manche mögen’s heiß» (1959) von Billy Wilder und «Das Leben des Brian» (1979) von Terry Jones und Monty Python. Diese Filme sind  unglaublich komisch geblieben, vielleicht auch deswegen, weil sie trauen, tatsächlich mit dem Entsetzlichen Scherz zu treiben: den Nazis, den Mafiakillern, der Kreuzigung Christi – diese Filme hat der Zahn der Zeit kein bisschen angenagt, man kann sie immer noch als ein sofort wirkendes Mittel gegen Kummer und Verzweiflung einnehmen (keine Nebenwirkungen).

Von den Lieblingsregisseuren würde man gerne alles auf die Insel mitnehmen, aber hier ist mir nur jeweils ein Film erlaubt: von Hitchcock also «Vertigo» (und, als Schmuggelware, «Der unbekannte Dritte»); von Scorcese «Wie ein wilder Stier» (und «GoodFellas»); von Woody Allen «Manhattan» (und «Verbrechen und andere Kleinigkeiten»); von den Coen-Brüdern «Fargo» und, bitte!, «The Big Lebowski» (und «A Serious Man»). Einer der merkwürdigsten, irrsten Filme meines Kinolebens ist «Die Nacht des Jägers» von Charles Laughton, mit Robert Mitchum als verrücktem Killer-Priester und dem Stummfilmstar Lillian Gish als (ebenfalls verrücktem) Schutzengel.

Weil er von allen meinen Lieblingen der unbekannteste geblieben ist, bekommt er einen eigenen Absatz: Preston Sturges. Und außerdem hat er mir aus einer tiefen seelischen Krise geholfen, als ich am Kunstfilm, den ich doch auch, ebenso wie die deutsche Filmkritik, lieben wollte, schier verzweifelte. Da sah ich «Sullivan’s Travels» (1941), Joel McCrea als ambitionierter Hollywoodregisseur, der endlich einmal einen anspruchsvollen Film drehen will, etwas ethisch Bedeutsames, nicht immer nur diese oberflächlichen (aber sehr erfolgreichen) Komödien. Das geht grandios in die Hose, und viel mehr als das Lachen bleibt ihm nicht, als er, mittlerweile ein Kettensträfling, einen Micky-Maus-Film ansehen darf.

Damit war ich, wie Sie meiner Auswahl entnehmen konnten, endgültig vom Kunstfilmfluch erlöst und lebte von nun an als bekennender Eskapist und Hollywoodverehrer glücklich und zufrieden. Das ist die Botschaft des Films von Sturges, und das ist wohl die Wahrheit: Viel mehr als das Lachen bleibt uns nicht, das Tanzen und Schweben, ein bisschen Weinen vielleicht, und dann, nach neunzig Minuten, müssen wir das Kino verlassen, können nicht weiter die Realität schwänzen, es geht wieder hinaus in die problematische Wirklichkeit.

Meine lebenslange Liebesgeschichte mit dem Film, mit dem Kino begann in den «Altenwerder Lichtspielen», aber meine Lieblingsfilme habe ich zumeist nicht dort gesehen, sondern in Arthouse-Kinos (vielen Dank auch, und nichts für ungut!), in Kinematheken (das alte Arsenal in Berlin mit der großen Marx-Brothers-Retrospektive!), und natürlich im Fernsehen, schließlich auf Videos und DVDs. 

Unsere Lichtspiele, was für ein schönes, poetisches Wort, mussten wir 1967 schließen, auf dem Höhepunkt des großen Kinosterbens, das Fernsehen hatte den Vorortkinos das Publikum entzogen. Zehn Jahre danach ist die ganze Insel entsiedelt und planiert worden, alles wurde abgerissen, kein Haus, kein Baum blieb erhalten, heute ist das der Containerterminal Altenwerder. Das Ende war ein bisschen so wie in Bogdanovichs «Die letzte Vorstellung», wenn in dem texanischen Kaff das Kino dichtmacht und als letzter Film «Red River» vorgeführt wird: Es ist sehr traurig, aber es ist auch unendlich rührend, ein Hollywood-Finale vom Feinsten; hier war einmal ein Eingang zum Paradies, und ich bin darinnen gewesen. Wenn ich die Augen schließe, sehe alles ganz deutlich vor mir.

Kurt Scheel war von 1980 bis 2012 Redakteur und Herausgeber des «Merkur». Er wird ab jetzt regelmäßig über neue und alte Filme seiner Wahl für «Das TheaterMagazin» schreiben.