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Rezensionen 12/19

Foto: Hupfeld

Ewald Palmetshofer: «Die Verlorenen» in München

Nora Schlockers Palmetshofer-Uraufführung kann man durchaus als Signal verstehen, dass am Residenztheater nun wieder verstärkt auf der Basis von originären Dramentexten, seien sie neu oder überliefert, an der Gegenwart geforscht werden soll, und dass den Schauspielern dabei die Schlüsselrolle zukommt.

Aus abgrundtiefer Himmelstorschlusspanik lässt Palmetshofer sein Stück kopfüber und mitunter hochkomisch in das fernsehspieltaugliche Durchschnittsdrama einer modernen Patchworkfamilie kippen. Clara, geschieden, arbeitslos und ausgebrannt, taucht außerhalb der gerichtlich vereinbarten Umgangszeit bei ihrem Ex und dessen neuer Frau auf, um anzukündigen, dass sie sich die nächsten Wochenenden nicht um den gemeinsamen 13-jährigen Sohn kümmern kann. Der lässt gerade eh nichts an sich ran, schon gar nicht die Midlifecrisis seiner Mutter, und agiert die eigene emotionale Bedürftigkeit, wie man später noch erfahren wird, in kompromissloser Grausamkeit gegenüber Gleichaltrigen aus. Nach kurzem frustrierenden Zwischenstopp bei Eltern und Tante sucht Clara schließlich im Haus der verstorbenen Großmutter irgendwo im abgehängten Nirgendwo Zuflucht, wo es mit dem jugendlichen Landstreicher Kevin und ein paar Tankstellen-Gestrandeten mit sprechenden Namen – «Die Frau mit dem krummen Rücken», «Der Mann mit der Trichterbrust» und «Der alte Wolf» – zu flüchtigen Begegnungen kommt. Doch «man kann / den Menschen sich / durch einen andern Menschen / zuführn nicht / wie schad», stellt Clara ernüchtert nach einer Nacht mit dem durchaus einfühlsamen Kevin fest, und damit ist ihr Fall eigentlich vorprogrammiert.

Ganz aus der Sprache heraus lässt Nora Schlocker ihr Ensemble agieren, etwas anderes zum Festhalten findet sich ohnehin nicht in dem kalten, cleanen Tableau, in dem oft nur in Nachthemd oder Handtuch herumgestanden wird. Die innere Unaufgeräumtheit manifestiert sich dabei mal im komödienhaft frotzelnden Tonfall wie bei Pia Händlers und Florian von Manteuffels Musterpärchen, in den ziellos mäandernden Tiererzählungen von Steffen Hölds altem Wolf oder der beleidigten Loser-Aggressivität von Max Mayers Mann mit der Trichterbrust.

Die ausführliche Rezension von Silvia Stammen
sowie den Stückabdruck lesen Sie in TH 12/19.