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Gefühlsschätze heben

Der Regisseur Axel Ranisch

Der Berliner TV- und Kino-Regisseur Axel Ranisch, der mit der improvisierten Folge Tatort-Folge «Babbeldasch» die Fan-Gemeinde auf die Palme brachte, arbeitet auch in der Oper. Mit Prokofjews «Die Liebe zu den drei Orangen» löste er in Stuttgart Jubelstürme aus. Was Begehrlichkeiten anderer Häuser weckt.

Herr Ranisch, was erwarten Opernintendanten von Ihnen? Warum will man sich Ihre Denk- und Arbeitsweise ans Haus holen? 

Ich bin ein ganz großer Opernliebhaber. In meiner ganzen Haltung bin ich eher Rezipient. Und ich bin nicht davon überzeugt, im Gegensatz zu vielen aus den vergangenen 40, 50 Jahren, dass man eine Distanz schaffen muss zu diesem sehr emotionalen Medium Oper. Seitdem ich erstmals in der Oper war, musste ich immer wieder erleben, dass in der schönsten Arie das Licht im Publikum angeknipst wird, damit man sich nicht  zu sehr identifiziert mit dem Geschehen. Darauf habe ich keine Lust. Ich bin eher sinnlich veranlagt. Wir haben doch in der Oper so viele Schätze, zu denen wir gerade Menschen meiner Generation den Zugang ermöglichen müssen. Wir sollten aufhören mit diesen Distanzierungen. Wir müssen die Leute wieder reinwerfen. Dafür gehen sie doch auch gern ins Kino. Sie wollen einfach fern der Realität sein. Es geht mir um eine Kombination aus unserer Lebenswelt und Fantasie. Ich bin deshalb ein großer Opernfan, weil mir Oper im Alltag so fehlt. Wenn die Leute bei Regen anfangen würden zu tanzen oder im Café plötzlich singen würden, das wäre doch etwas! Auch das Zeitlupenhafte von Oper in unserer schnelllebigen Zeit mag ich. Ein Gefühl von wenigen Sekunden auf zehn Minuten ausdehnen können, das finde ich unglaublich wertvoll. Das gibt es nicht einmal im Film. Wenn dort eine Szene im Wald spielen soll, und ich zeige keinen, versteht dies das Publikum nicht oder wird ärgerlich. In der Oper kann ich alles Mögliche als Wald verkaufen. Da kann ich sogar Wald in einem Kino wachsen lassen.

Wo gab’s für Sie den größten Clash der Kulturen? Wann und wo mussten Sie in Sachen Oper am meisten lernen? 
Als es das erste Mal an die Orchesterprobe ging, bekam ich einen Schock. Wochenlang arbeitet man mit den Sängern zusammen, dann kommt der Dirigent, und plötzlich gucken alle nur noch auf ihn. Alles Zwischenmenschliche auf der Bühne ist weg. Aber es kommt zur Premiere zurück, das weiß ich jetzt. 

Was haben Ihre Filme mit der Oper zu tun? 
Sehr viel! Meine Filmkomponisten müssen die Musik immer fertig haben, bevor ich mit dem Drehen beginne.  Ich habe für jede Szene meiner Filme Musik im Kopf. Die führe ich den Schauspielern vor, auch wenn diese Klänge am Ende vielleicht gar nicht im Film landen. Das ist der Arbeitsweise in der Oper schon sehr nahe. 

Das vollständige Interview von Markus Thiel finden Sie in OW 12/19.